Moral kann kompliziert sein. Doch wenn Unternehmen ihre Gewinne in Steuerparadiese verschieben, ist die Sache klar: So etwas tut man nicht! Das haben nicht zuletzt die empörten Reaktionen der Öffentlichkeit auf die Bekanntgabe der Paradise Papers im November gezeigt.

Aggressive Steuervermeidung ist in den Augen der meisten Menschen unmoralisch. Haben Sie recht? Einige Ökonomen widersprechen. Sie sagen, dass Konzerne, die legal von paradiesischen Steuersätzen profitieren, nichts Verwerfliches tun. Die allgemeine Empörung treffe die Falschen. Nicht die Unternehmen, sondern die Staaten sollten für aggressive Steuergestaltung zur Verantwortung gezogen werden. Wolfgang Kubicki, als FDP-Vize reich an ökonomischem Sachverstand, hat diese Überzeugung unlängst zum Ausdruck gebracht, als er wissen ließ, dass Steuerschlupflöcher vom Gesetzgeber geschaffen würden und rechtstreue Steuerzahler daher nicht diskreditiert werden sollten. Kubickis Auffassung findet sich auch in Teilen der aktuellen steuerökonomischen Debatte und entspricht im Wesentlichen der offiziellen Haltung der OECD.

Was ist davon zu halten?

Eine Antwort findet sich beim US-Amerikaner Milton Friedman. Bereits 1962 argumentiert der spätere Wirtschaftsnobelpreisträger, dass sich die soziale Verantwortung von Unternehmen darauf beschränke, ihre Gewinne zu maximieren. Doch Friedman ist weder Anarchist noch Amoralist. Die Gewinnmaximierung soll innerhalb des moralisch richtigen gesetzlichen Rahmens erfolgen. Daher schlägt er etwas vor, was man als "Prinzip moralischer Arbeitsteilung" bezeichnen könnte: Unternehmen sollten auf legalem Weg ihre Gewinne maximieren, und Staaten sollten verantwortungsvoll entscheiden, was legal sei. Wenn heutige Ökonomen Steuervermeider mit dem Hinweis in Schutz nehmen, dass für aggressive Steuergestaltung allein die Staaten die Verantwortung trügen, stützen sie sich auf Friedmans Idee.

Doch was viele übersehen: Das Prinzip moralischer Arbeitsteilung ist selbst ein moralisches Prinzip. Es ist nicht naturgegeben, sondern bedarf einer überzeugenden Begründung. Nun sind die meisten Ökonomen ethische "Konsequenzialisten". Sie bewerten Handlungen und Regeln anhand ihrer Konsequenzen. Um das Prinzip moralischer Arbeitsteilung überzeugend zu begründen, müssten sie daher nachweisen, dass seine Anwendung insgesamt positive Folgen hat.

Damit dieser Nachweis gelingt, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: Der Staat muss erstens Gesetze unparteilich, im Sinne des Gemeinwohls, formulieren; und die Unternehmen müssen zweitens diese Gesetze wie vom Gesetzgeber beabsichtigt befolgen. Ist beides der Fall, kann man davon ausgehen, dass Unternehmen, die innerhalb des gesetzlichen Rahmens unbekümmert dem Geld nachjagen, zugleich dem Gemeinwohl dienen. Gewinnmaximierende Unternehmen sind dann von moralischer Kritik ausgenommen.

Werden die Bedingungen hingegen nicht eingehalten, sind die Gesetze entweder nicht im Sinne aller, oder sie erreichen nicht die vom Gesetzgeber beabsichtigte Wirkung. Damit zerfällt dann die Begründung für moralische Arbeitsteilung – und damit der Schutz vor moralischer Kritik.

Ironischerweise zeigt gerade aggressive Steuervermeidung: Derzeit ist keine der genannten Bedingungen erfüllt. Damit der Gesetzgeber Regeln im Sinne aller aufstellt, muss vorausgesetzt werden, dass er sich von eigennützigen Unternehmensinteressen nicht unangemessen beeinflussen lässt. Doch wie zahlreiche Studien und journalistische Recherchen belegen, nehmen Großunternehmen gerade auf die Steuergesetzgebung erfolgreich Einfluss.

Können die Gesetze durchgängig im Sinne des Gesetzgebers befolgt werden? Aber ja! Nur verlangt dies, dass sie entweder keine Regelungslücken aufweisen oder dass die Unternehmen die bestehenden Schlupflöcher nicht ausnutzen. Aber wie? Fachleute halten es für unwahrscheinlich, dass es Gesetze ohne Schlupflöcher geben kann. Und dass Unternehmen bestehende Schlupflöcher nicht ausnutzen, ist unwahrscheinlich, wie die Paradise Papers erneut belegen.

Die zwei zentralen Bedingungen für die Gültigkeit des Prinzips moralischer Arbeitsteilung sind somit nicht erfüllt. Auch wer streng ökonomisch argumentiert, sollte es deshalb aufgeben. In diesem Fall sollten Volks- und Betriebswirte aber auch das derzeitige Gebaren multinationaler Konzerne wie Apple, Amazon, Nike & Co. nicht länger verteidigen: Solange diese ihre Gewinne in Steuerparadiese verschieben, verdienen sie moralische Sanktionen der Gesellschaft. Nicht nur von Laien, sondern auch und gerade von Wirtschaftswissenschaftlern. Vielleicht hilft das, sie irgendwann zur Vernunft zu bringen.