Irgendwann zu Beginn der Pubertät äußern Kinder den dringenden Wunsch, Weihnachten einmal GANZ ANDERS zu feiern. Nicht so doof, so superlangweilig, so konventionell wie sonst. Jedes Jahr das Gleiche: Baum, Kerzen, Krippe, klingelingeling, singen, Bescherung, essen. Das hält doch kein Mensch aus.

Liebe Kinder, antworten die Eltern, was habt ihr euch denn so vorgestellt? Wir hätten da auch eine Idee. Wie ihr wisst, haben wir ja schon öfter davon gesprochen, die doofen, superlangweiligen Geschenke wegzulassen. Geschafft haben wir das nie. Aber wir verstehen euch. Weihnachten soll Weihnachten sein. Nicht so was wie im Media Markt einkaufen. Dann machen wir dies Jahr doch folgendes Programm: Baum, Kerzen, Krippe, klingelingeling, singen ... essen.

Hä?, antworten die Kulturrevolutionäre, was soll das denn? Wieso kriegt ihr euren Baum, wenn wir keine Geschenke kriegen? Stimmt, räumen die Eltern ein. Wenn GANZ ANDERS, dann keine halbherzigen Reförmchen, sondern ein radikaler Umsturz: Baum weg, Kerzen weg, Krippe weg, Geschenke weg. Klingelingeling und singen erübrigen sich von selbst. Wir essen ganz normal zu Abend. Muss aber auch nicht sein. Wir haben die ganze Adventszeit über gefuttert, da werden wir nicht grad an Weihnachten verhungern.

Nicht ganz zu Unrecht wenden die Kinder ein, dass ein Nullweihnachten nicht dasselbe ist wie ein Alternativweihnachten. Es solle ja durchaus etwas stattfinden am Heiligen Abend. Nur nichts Doofes, Superlangweiliges. Mehrere Wochen gehen nun mit familiären Sondierungsgesprächen dahin. Es wird erwogen, den Tannenbaum durch grüne, quer durchs Wohnzimmer gespannte Schnüre zu ersetzen, an denen die Geschenke hängen. Bereits der Probedurchlauf erledigt die Idee. Das Schnurgeflecht vermag Objekte, die mehr als 100 Gramm wiegen, nicht zu halten. Diese Gewichtsbeschränkung entspricht allerdings nicht den Geschenkwünschen der Kinder (Multifunktionsdrucker, Sneaker, Schminkkoffer ...). Also doch Baum. Und wenn er schon mal da ist, kann man auch Kerzen daraufsetzen und die Krippe darunterstellen, bisschen klingelingeling machen und singen.

Weihnachten ist reformresistenter als Nordkorea. Weihnachten ist auf seltsame Weise aber auch resistent gegen Humor. Die besten Cartoonisten sinken im Niveau, wenn sie dem Jesuskind in der Krippe einen Fahrradhelm aufsetzen. Auch der satirische Ansatz des Buches Stille Nacht allerseits des Krimiautors und erfahrenen Kabarettisten Jörg Maurer ist nur mittelwitzig. Man erfährt allerlei Skurriles und begreift: Mit Weihnachten ist in Wahrheit nicht zu spaßen und nicht zu experimentieren. Am besten, man gibt sich geschlagen: Baum, Kerzen, Krippe, klingelingeling, singen, Bescherung, essen.