Vor 100 Jahren brauten die Campells ihr letztes Bier in Susch. Jetzt fließt der Hopfensaft wieder in der ehemaligen Brauerei. Allerdings nur aus kleinen Flaschen und in die Kehlen der Bauarbeiter. Es ist die Aufrichtefeier im Muzeum Susch.

Die Bauherrin trinkt Glühwein. Grazyna Kulczyk, 67 Jahre alt, klein und zierlich, führt durch das verwinkelte Haus, das noch in diesem Winter eröffnet werden – und dem 200-Seelen-Dörfchen Susch zwei Dinge bringen soll: Arbeit und Aufbruch. Hier im Unterengadin will die wohl reichste Polin und wichtigste Sammlerin zeitgenössischer polnischer Kunst, ihre Werke bald dem Publikum präsentieren. Den Einheimischen, aber vor allem den Kunstliebhabern aus aller Welt, die im Engadin ihren Urlaub verbringen. Oder dort im Stau stehen.

So wie Grazyna Kulczyk.

Vor einigen Jahren gab ihr ein Freund den Tipp, in Tschlin gebe es ein Haus zu kaufen. Das Dörfchen liegt auf einer Sonnenterrasse zuunterst im Unterengadin. Nur ein paar Kilometer von Susch entfernt. Nach der ersten Reise vom Flughafen Zürich dorthin sei sie, gelinde gesagt, erstaunt gewesen, wie lange dies gedauert habe, erzählt sie. Gekauft hat sie das Haus trotzdem, das Dorf war ihr sympathisch und auch die Leute, die dort wohnen. Umbauen ließ sie es von den jungen Zürcher Architekten Lukas Voellmy und Chasper Schmidlin. Ihr gefiel die reduzierte Architektur der beiden und vor allem, dass Schmidlin familiäre Wurzeln im Tal hat und Rätoromanisch spricht.

Die Bauherrin selber spricht Englisch, wenn sie von ihrem Projekt erzählt, dem kompliziertesten Vorhaben ihres Lebens. Es liegt viel Begeisterung in ihren Ausführungen, aber auch eine gewisse Zurückhaltung. Sie will nicht zu viel von dem verraten, was genau sie da in Susch plant.

Angefangen hat das Projekt im Stau. Wieder einmal stand Kulczyk in der Kolonne vor der Verladestation des Vereina-Tunnels. Also parkierte sie ihren Wagen und vertrieb sich die Wartezeit mit einem Spaziergang, stieg hoch zu einer Festungsruine, die über dem Dörfchen Susch thront. Der sternförmige Bau trägt den Namen Rohan und datiert von 1635. Damals, während der Bündner Wirren, leitete kein Geringerer als der Überbündner Jürg Jenatsch im Auftrag des Herzogs Henri de Rohan den Bau der Anlage.

Beim Abstieg kam Kulczyk an einem zerfallenen Gebäude vorbei, das ihr noch besser gefiel als die Festung selber. Als sie erfuhr, dass dieses früher eine Bierbrauerei gewesen war, wusste sie: "Ich kaufe das Gebäude und baue darin mein Museum."

Eine Brauerei hat Kulczyk schon einmal Glück gebracht. In Posen, ihrer Heimatstadt, eröffnete sie 2003 die Stary Browar, die "Alte Brauerei". Nebst 100 Geschäften beherbergt das Zentrum auch Büros, Restaurants und Räume für die Kultur. Später verkaufte sie die Anlage an einen Investor.

Kunst und Unternehmertum zusammenzubringen, diese Idee verfolgt die polnische Mäzenin Grazyna Kulczyk schon ihre ganze Karriere lang. Allerdings legte sie anfangs den Schwerpunkt eher aufs Geschäft. Ohne Kohle keine Kunst. Als sie in den sechziger und siebziger Jahren in Posen Jura studierte, lernte sie dort ihren späteren Mann Jan Kulczyk kennen. Gemeinsam investierten sie in Staatsunternehmen, die nach der Wende privatisiert wurden. Das Paar war landesweit bekannt; zu ihren Investments gehörten, wen wundert’s, auch einige Brauereien. 2005 ließ sich das Paar scheiden, das gemeinsame Vermögen, das damals auf über drei Milliarden Franken geschätzt wurde, teilte es auf. Grazyna Kulczyk hat seitdem viel Geld für die Kunst.

Nun also Susch. Das Dorf liegt nicht im mondänen Oberengadin, wo die Reichen und Schönen dieser Welt in diesen Tagen die Festtage verbringen, sondern im viel stilleren unteren Teil des Tals, am Fuße des Flüelapasses. Ein Durchgangsort, der 2015 mit den Dörfern Lavin, Brail und Zernez fusioniert wurde.

© ZEIT-Grafik

Was erhofft man sich im Dorf von diesem polnischen Märchen?

"Die Suscher nehmen, was kommt, ohne groß zu jammern, aber auch ohne allzu große Erwartungen", sagt Hermann Thom. Er ist Ur-Suscher, ein Dorfchronist und begleitet den Museumsbau mit wachem Interesse. Auch wenn es da und dort skeptische Stimmen gegeben habe, nehme er vor allem eins wahr: den Pragmatismus jener, welche die Natur gelehrt hat, dass man vieles nicht in den eigenen Händen hat.

Auch wenn die beiden Unterländer Architekten immer noch von der "Galerie" reden, wenn sie von ihrem Projekt im Engadin reden, so ist doch längst viel mehr daraus geworden. Grazyna Kulczyk nennt es: einen Traum. "Erst wollte ich alles in diesem einen Gebäude unterbringen", sagt sie. Doch der Platz fehlte. Also wurde die bestehende Brauerei um einen Neubau erweitert, der in den Fels gesprengt wurde. Die Detonationen waren tagelang im Dorf zu hören.