Das Opfer hat Konjunktur. Opfer stehen in hohem Ansehen, die Diagnose "posttraumatische Belastungsstörung" ist in der Psychiatrie die einzige, die Patienten gerne hören. Was daran überrascht: Die Vorstellung vom Opfer und von seinem moralischen Rang ist jung. Svenja Goltermann, Professorin für Neuere Geschichte in Zürich, datiert in ihrem Buch Opfer. Die Wahrnehmung von Krieg und Gewalt in der Moderne diese Entwicklung in die späten 1970er Jahre. In Tolstois Krieg und Frieden findet Goltermann das Wort vom Opfer nicht, obwohl es so sehr um Leiden und Dulden geht. Und der Sozialverband VdK wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet als "Bund der Kriegs- und Zivilbeschädigten".

Krieg ohne Opfer? Merkwürdig.

In ihrem lebendig geschriebenen Buch will die Autorin auf vier Feldern untersuchen, wie sich die Vorstellung vom Opfer allmählich bildete, und allmählich heißt: in den letzten 200 Jahren. Nach den Schlachten der frühen Neuzeit verscharrte man die Leichen in Massengräbern, so war es noch 1815 bei Waterloo. Im Krimkrieg wird das anders, das öffentliche Interesse wendet sich dem Elend der Soldaten zu. Friedhöfe für die Toten der englischen und französischen Armee werden angelegt. Im Frieden von Frankfurt, der den Deutsch-Französischen Krieg 1871 beendet, wird die Frage der Friedhöfe bereits angesprochen, nach dem Ersten Weltkrieg setzt die Kriegsgräberfürsorge ein.

Der Gefallene hat das Recht auf ein Grab, eines, das ihm gehört und seinen Namen trägt. Die, deren Körper nicht mehr aufzufinden sind, ehrt das Grab des unbekannten Soldaten. Neben den humanitären Aspekt tritt der bürokratische: Ein moderner Staat mit modernem Personenstandswesen muss vom Tode seiner Bürger wissen, auch deshalb tragen Soldaten nun eine Erkennungsmarke. Das ist für den Erbfall wichtig. Und es gibt seit dem Ersten Weltkrieg eine, obwohl karge, Hinterbliebenenversorgung, hier spielt die Bürokratie wieder ins Humane.

So kommt es auch zu einer durchgreifenden Verbesserung der medizinischen Versorgung. Die Erfolge sind nicht so gut, wie der wissenschaftliche Optimismus in Aussicht stellte, aber die Anstrengungen sind groß. Die Lazarette werden verpflichtet, über Verletzungen und Todesfälle Buch zu führen, damit die Angehörigen rasch informiert werden können. Von Opfern ist gleichwohl wenig die Rede, noch überwiegt das Heldenideal.

Auch das Völkerrecht tut das Seine, wenngleich zögerlich. Die Kriegschirurgie untersucht die Wirkung moderner Waffen, Explosivgeschosse aus Handfeuerwaffen werden verboten. Auffällig, wie spät der Schutz der Zivilbevölkerung ins Völkerrecht eingeht. Auch deshalb, weil die Gottes- und Landfrieden bereits seit dem späten 10. Jahrhundert die Nichtwaffentragenden schützen, als welche immer wieder genannt werden: Geistliche, Frauen, Kaufleute, Bauern und Juden. Warum hat das Recht dieses plausible Prinzip zwischenzeitlich wieder aufgegeben?

Zuletzt und vor allem interessiert sich Goltermann für die Traumatisierten. Opfer zu sein galt lange als peinlich, schändlich; man weiß, dass jüdische KZ-Überlebende selbst in Israel keineswegs besondere Anerkennung erfuhren. Doch an den KZ-Häftlingen bildete sich – zögernd – der Begriff des Opfers. Lange, man kann es sich kaum mehr vorstellen, wurden die seelischen Folgen der Lager nicht anerkannt, und das nicht nur von deutschen Gutachtern. Dass der Mensch seelisch fast unbegrenzt belastbar und regenerationsfähig sei, das war eine selbstverständliche Überzeugung der Psychiatrie weltweit. Klagte jemand über anhaltende seelische Lasten, so war das Simulantentum, Ausweis einer Persönlichkeitsschwäche oder bestenfalls Begleiterscheinung eines körperlichen Schadens. Erst in den 1980er Jahren wird die posttraumatische Belastungsstörung als Krankheit anerkannt, auch ohne ein korrespondierendes physisches Leiden. Jetzt wird der Opferbegriff ausgedehnt. Den KZ-Häftlingen folgen die Unglücklichen der Kriege und Naturkatastrophen. Gehörte zum Opfer zunächst das Erleiden ungerechter Gewalt, wird nun jedes Leiden anerkannt, von der Psychiatrie wie der Gesellschaft.

Was Svenja Golterman zu sagen hat, ist alles interessant. Und doch stimmt mit ihrem Buch etwas nicht. Denn es fehlt auch viel. Die so wirkmächtige Vorstellung vom Opfer streift sie mehr, als sie zu packen. Die vier großen Kapitel berichten vom Erleben und Verstehen der Gewalt und von den Versuchen, ihr etwas entgegenzusetzen. Doch die Darstellung kann sich nicht recht konzentrieren. Von Opfern war historisch erst spät die Rede. Aber wie wurde früher gesprochen und empfunden? Über die Unterschichten ist wenig bekannt. Aber wie hat man in Schweden um Gustav Adolf getrauert, der als Verteidiger des evangelischen Glaubens 1632 bei Lützen fiel? Die Familie Wedell verlor mehr als 30 Männer im Siebenjährigen Krieg. Was sagten die Prediger, was schrieben die Angehörigen in solchen Fällen?

Erstaunlich, dass die Autorin keine linguistischen Fragen stellt. So kommt sie, noch erstaunlicher, auch nicht auf die Frage, welche religiösen Vorstellungen im Wort vom Opfer wirksam werden. Das Opfer ist etwas Religiöses, die Hingabe eines Gutes an die Gottheit. Zum Opfer gehört die höhere Sache, die Leiden und Verzicht einen Sinn gibt. Gerade das Christentum ist opfergeneigt, "selig sind, die Verfolgung leiden" (Matthäus, 5), sein Heilsversprechen gründet im Selbstopfer des Religionsstifters. Die Säkularisierung hebt das nicht auf, solche Muster verdampfen nicht rückstandslos.

Im Trauermarsch Unsterbliche Opfer auf die Toten der Revolution von 1905 heißt es: "Ihr kämpftet und starbet für kommendes Recht" – auch in diesem Lied der Arbeiterbewegung gehört zum Opfer ein Jenseits. Überhaupt wären die Opfer im Reden der Linken ein interessantes Kapitel gewesen, weil die Linke ein großes Ziel kennt.

Goltermann hat sich dagegen entschieden, den legitimatorischen Aspekt ihres Gegenstandes zu beleuchten. Aber ist das ein kluger Verzicht? Vielleicht wächst die Opferkonjunktur aus dem Wunsch, alt-neue Legitimationsquellen zu erschließen? Man liest Svenja Goltermanns Buch mit Anteilnahme. Aber es ist dann doch nicht mehr als die Materialsammlung zu einer Frage, die fortfährt, uns zu beschäftigen.

Svenja Goltermann: Opfer. Die Wahrnehmung von Krieg und Gewalt in der Moderne. S. Fischer, Frankfurt/Main 2017; 336 S., 23,– €; als E-Book 19,99 €