Letzte Folge: Unser Autor denkt sich ein Geschäftsmodell aus und überlegt, mit seinem Produkt in Serie zu gehen. Alle Folgen der Serie

War es eine Minute? Eine halbe? Wenn man nichts mehr zu sagen weiß, dauert das Schweigen eine Ewigkeit. Klar war jetzt allerdings, dass das nichts wird mit uns. Sie nahm einen Schluck Weißwein, ich Cola, zwischen uns stand mein Teevolver, die revolutionäre Flasche für Cold-Brew-Tea. Ich wollte, dass sie den Teevolver produziert. Aber sie sagte: "Der Markt für Design-Produkte ist kleiner geworden. Die Leute kaufen und verschenken heute Essen oder Kosmetika."

Was sollte ich antworten? Dass der Teevolver mit Sicherheit eine Teevolution lostreten wird? Ich hatte sie angeschrieben, weil ihr kleines Label bekannt ist für verblüffende Design-Produkte. Sie fand meine Idee interessant. Doch jetzt – im Licht der untergehenden Freitagabendsonne – schaut sie über die Straßen von Berlin-Mitte, als blicke sie wehmütig auf die Zeit zurück, als ihr Unternehmen im Design-Boom der neunziger Jahre groß wurde. "Nun kommt eben etwas Neues", sagt sie.

Meine Aufbruchstimmung ist verflogen. Aber später, auf dem Rad, fällt mir auf: Ich habe in den vergangenen zwei Wochen über mein kleines Crowdfunding mehr Flaschen verkauft, als sie wohl für zwei Jahre kalkuliert hat.

Und das kam so: Nachdem meine Mutter die erste Teevolver-Flasche bestellt hatte, tat sich einen Tag lang nicht mehr viel. Während ich wartete, sah ich andere Projekte auf Startnext scheitern. Die beiden Jungs mit ihrem "Einhornlikör" etwa, deren Funding-Balken einfach nicht hochprozentig werden wollte. Crowdfunding kann auch Crowdhumiliation sein.

Aber dann, am zweiten Tag: neun Teevolver-Bestellungen! Fünf am dritten. Zehn am vierten! Manche Namen kannte ich: Freunde, Freunde von Freunden, Kollegen, Verwandte. Doch die meisten stießen offenbar über Startnext auf meine Flasche – und fanden sie gut. Meine Laune besserte sich täglich.

Viele kauften gleich mehrere Flaschen, bestellten also nicht nur aus Mitleid! Und dann – nach fünf Tagen – war das Projekt plötzlich finanziert: Eine frühere Mitschülerin, mit der ich längst keinen Kontakt mehr hatte, investierte einfach so 150 Euro. Es gab kein Zurück mehr. Die Menschen glaubten an mich.

Nun beginnt die mühsame Produktion. Ich muss Hersteller von Siebronden und Kelterlack finden, Kontakt mit Firmen aufnehmen, deren Produktionsstätten in Orten wie Warmsen-Bohnhorst oder Stutensee liegen und die wohl das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bilden. Ich habe mir dafür zwei Monate gegeben, aber dann zieht sich alles über ein halbes Jahr hin – und die ersten Kunden werden ungeduldig.

Weil eine Serie jeden Fehler des Prototyps vervielfältigt, prüfe ich Metallgewebe, Kunststoffsiebe, Kautschukschwämme. Ich stoppe die Sekunden, die jedes Material braucht, um ein Glas Tee zu filtern. Manche Hersteller wimmeln mich gleich ab mit Verweis auf meine "exotische Stückzahl" – ich bin mit ein paar Hundert Flaschen zu klein für den Großhandel und zu groß für den Einzelverkauf. Und daran wird sich so bald auch nichts ändern. Mir fehlt immer noch das Wichtigste für eine Produkt-Revolution: ein Geschäftsmodell.

"Für Essen zahlen die Leute heute", diese Einsicht der Design-Produzentin geht mir immer wieder durch den Kopf, während ich in meiner Excel-Tabelle verzweifelt nach ein bisschen Rendite suche. Kann ich vielleicht Cold-Brew-Teekraut verkaufen? So wie Rockefeller in China seine Lampen verschenkte, um dann am Petroleum zu verdienen?