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Im Oktober wurde unter dem Boden des St.-Nikolaus-Museums im Kreis Demre in der Provinz Antalya ein offenbar unbeschädigter Schrein entdeckt. Dem Direktor der lokalen Denkmalbehörde zufolge wurde bei elektromagnetischen Untersuchungen eine geheime Grabkammer darin ausgemacht, in der sich höchstwahrscheinlich die Gebeine des heiligen Nikolaus befänden.

Die Türkei stürzte sich auf diese Möglichkeit, denn da sie dabei ist, die Verbindungen zur Welt zu kappen, hat sie eine äußerst schwierige Tourismussaison hinter sich. Man braucht dringend christliche Touristen, die nun aus dem Sack dieses ersten Vorfahren des Weihnachtsmanns springen sollen.

Selbst wenn die Vermutung stimmen sollte, ist doch fraglich, ob St. Nikolaus geneigt sein wird, aus dem Versteck hervorzukommen, in dem er sich seit dem 4. Jahrhundert verborgen hält. Denn draußen warten rasende "Weihnachtsmanngegner" darauf, über ihn herzufallen.

Das Verhältnis der Türkei zum Weihnachtsmann war schon immer zwiespältig. Als Symbol für Silvester, weniger als eines für Weihnachten, zierte der freundliche Alte jahrelang die Schaufenster in den Großstädten und tauchte in Werbung und Fernsehen auf. Nicht allein in der Bevölkerung hegte man für den heiligen Mann Sympathie, sondern auch auf höchster Ebene.

So sehr, dass ihn das Tourismus-Ministerium 2011 "anstellte". Das Ministerium machte sich die These zu eigen, St. Nikolaus’ Heimat sei Anatolien und in Demre liege er begraben, und setzte zu Weihnachten eine Anzeige in die New York Times: Vor dem Nikolaus-Denkmal in Demre lädt ein Kind alle ein, ins Haus des Weihnachtsmanns zu kommen. In den vergangenen Jahren schwenkte das Land aber immer mehr auf die islamistische Linie ein, und der Weihnachtsmann, inzwischen zum Symbol für Christentum, Westen und modernen Lebensstil mutiert, wurde zum Angriffsziel.

In Einkaufszentren wurde auf Weihnachtsmannballons eingestochen, auf Straßen wurden vor Weihnachtsmannfiguren Spirituosen und Drogenspritzen drapiert, auf Plätzen hielt man ihm die Pistole an die Schläfe, auf Kinderspielplätzen wollte man ihn beschneiden. Die Vorfälle häuften sich. 2015 zerrte eine Gruppe Islamisten stellvertretend einen Weihnachtsmann vor eine Moschee und "machte ihn zum Muslim". Dass er damit "nationalisiert" wurde und in der Moschee betete, verschaffte manchen Radikalen Erleichterung.

Doch der Weihnachtsmann nahm die Übergriffe übel und verschwand aus der Reklame, von den Straßen und Fernsehbildschirmen. Die Silvestereuphorie der Großstädte erlosch gemeinsam mit den beleuchteten Tannenbäumen, fröhliche Silvesterpartys verzogen sich von öffentlichen Plätzen in private Räume.

Ich weiß nicht, ob St. Nikolaus nach der jüngsten Entdeckung nun wieder "unser Landsmann Weihnachtsmann" wird und ob er dem in die Krise schlitternden türkischen Tourismus zu Hilfe eilt. Doch selbst wenn das Grab tatsächlich seines sein sollte, scheint es nicht sonderlich klug, nach 17 Jahrhunderten, die es still ruhte, ausgerechnet in der heutigen Türkei wieder ans Tageslicht zu treten.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe