Am Ende einer langen Allee in Gloucester, Virginia, wohnt ein pausbäckiger junger Mann namens Gavin Grimm, der all jene Bruchlinien auf sich vereint, die das Amerika von heute durchziehen. Gloucester ist ein malerisches Örtchen, wo jeder jeden kennt und auf der Veranda der meisten Holzhäuser ein Schaukelstuhl steht. Grimm trägt eine Basecap, einen Oberlippenflaum und sagt mit kieksender Stimme: "Seit ich mich erinnern kann, hatte ich ein Problem mit meinem Körper und Geschlecht." Bis in die Pubertät galt er als Mädchen, aber er fühlte sich schon immer in einen falschen Körper hineingeboren. Am Morgen seines 15. Geburtstags eröffnete Grimm seinen Eltern, dass er als Mann leben und eine Geschlechtsumwandlung durchlaufen wolle.

Die Probleme folgten alsbald. Bei einer Schulversammlung forderten wütende Eltern seiner Mitschüler, Grimm dürfe auf keinen Fall die Jungstoilette benutzen. Aber auf die Mädchentoilette passte er auch nicht mehr. In Restaurants wurde er angefeindet. In seinem Postfach gingen Mails ein, die ihm den Tod wünschten.

In Gloucester, Virginia, wo Grimm aufwuchs, ist Amerika sehr gläubig und sehr konservativ. In der Kirche grüßten die Menschen Grimms Eltern nicht mehr, der Pfarrer schimpfte in seinen Sonntagspredigten über fehlgeleitete Transgender-Menschen, denen die Hölle drohe. "Wenn du als Christ aufwächst und feststellst, dass du anders bist, ist das das Schlimmste, was dir passieren kann", sagt Grimm. "Du passt plötzlich nicht mehr ins Weltbild."

Er klagte gegen die Schulverwaltung wegen Diskriminierung, sein Fall ging bis hinauf zum Obersten Gerichtshof, die Republikaner schäumten, Trumps Regierung schaltete sich ein. Gavin Grimm ist mittlerweile zu einem nationalen Symbol für den Kampf um die Anerkennung der Rechte von Minderheiten geworden. Und er ist zu einem Symbol dafür geworden, wie schwer sich ein Teil Amerikas mit dem Wandel tradierter Normen tut.

Einerseits sind die westlichen Gesellschaften, allen voran die USA, so divers und weltoffen wie nie zuvor. Im Sommer 2015 legalisierte der Oberste Gerichtshof die Homoehe. Mit Harriet Tubman, der Vorkämpferin gegen Sklaverei, wird wohl demnächst zum ersten Mal in der Geschichte der US-Notenbank eine afroamerikanische Frau auf einem Dollarschein verewigt. Wir leben in einem Zeitalter, in dem auf den ersten schwarzen US-Präsidenten erstmals eine Frau im Amt hätte folgen können.

Zugleich aber sind im Westen politische Bewegungen auf dem Vormarsch, die so autoritär und ausgrenzend agieren, wie seit Langem keine Politiker mehr aufgetreten sind. Man könnte auch sagen, dass es eine weltweite Bewegung gegen Diversität gibt. Wie passt das zusammen?

Bei Gavin Grimms Wunsch, anders zu sein, geht es nur vordergründig um die Frage, wer in welches Toilettenbecken pinkeln darf. Ausgetragen wird ein Kulturkampf um die Zukunft einer Nation, deren Werte George Washington 1789 bei seinem Amtsantritt als erster Präsident der Vereinigten Staaten als gottgegeben bezeichnete. Mit diesem Kulturkampf verbunden ist die Zukunft eines Herrschaftsmodells, das die vergangenen dreieinhalb Jahrhunderte höchst effizient funktioniert hat: der Dominanz der weißen, christlich geprägten Mehrheitsgesellschaft, zu der noch immer gut zwei Drittel aller Amerikanerinnen und Amerikaner zählen.

Donald Trump ist der Herold eines großen Teils dieser weißen Mehrheit, die wie nie zuvor seit Beginn der Landnahme Amerikas im 17. Jahrhundert in Bedrängnis geraten ist und die gegen einen aus ihrer Sicht allzu liberalen Zeitgeist um den Erhalt ihrer Privilegien ringt.