Wer Schuhe verkauft, guckt jedem auf die Füße. Ich arbeite in der Unterwäsche-Abteilung eines Kaufhauses. Ich gucke Frauen auf den Busen. Und da darf nichts wackeln. Wer Dessous verkauft, ist nah am Menschen. Da muss man Kunden noch richtig beraten.

Viele Frauen wissen gar nicht, was ihre richtige Größe ist. Die meisten kaufen ihr Leben lang BHs, die ihnen zu klein sind. Dabei wird der Busen junger Frauen immer größer. Woran das liegt, weiß ich nicht, aber es ist wissenschaftlich erwiesen. Früher war bei meinen Kundinnen ein C-Körbchen üblich. Heute kommen Mädchen zu mir, die sind zwar schlank, aber brauchen ein H-Körbchen, das entspricht etwa einhundert Zentimeter Brustumfang.

Den perfekten Sitz bestimme ich so: Eine Schließe hat drei Stufen. Man sollte beim Probieren nie gleich die engste brauchen, damit der BH auch dann noch passt, wenn sich mit der Zeit der Stoff dehnt. Ich bitte meine Kundinnen immer, einmal die Arme zu heben. Da darf keine Luft mehr zwischen Haut und Brust sein. Das Körbchen darf nicht abstehen, aber zu eng sein darf es auch nicht. Sonst quillt oben alles wieder raus.

Zu mir kommen vor allem ältere Damen, da sind die Hemmungen größer, also suchen sie eine Verkäuferin in ihrem Alter. Die drücken dann die Klingel in den Umkleidekabinen, und ich helfe ihnen beim Anprobieren. Manche Frau ist ganz schön verschwitzt, da darf man nicht zimperlich sein.

Seit einigen Jahren haben wir immer mehr sogenannte Shapewear im Sortiment. Das ist moderne Funktionswäsche aus Elastan. Viele Frauen wollen damit ihre Figur verstecken. Ich finde es sinnvoll, wenn ein Schalen-BH dafür sorgt, dass die Brustwarzen nicht durchscheinen. Aber Taillenmieder mit "High-Shaping-Effect"? Oder "die Panty, gemacht für feminine Looks, die Ihre Kurven perfekt in Szene setzen"? Solche Werbesprüche stehen da auf den Preisschildchen. Eine Frau mit Kleidergröße 36 wirkt durch solche Kleidung vielleicht straffer, aber es kommen auch Kundinnen mit einer 44 und wollen, dass ich ihnen eine 38 zaubere. Aber die Shapewear lässt die Figur ja nicht verschwinden – sie verschiebt das Körperfett nur oder macht es fester. "Ich kann das nicht wegmachen, das können nur Sie", sage ich dann.

In der Vorweihnachtszeit kommen auch die Ehemänner, um Unterwäsche für ihre Frau zu kaufen. Viele gehen vorher an den Kleiderschrank und notieren sich die Größen auf einem kleinen Zettel. Das freut mich immer, das macht sie als Kunden pflegeleicht. Einmal kam ein Herr zu mir und fragte nach etwas aus Spitze. Spitze geht immer. Wir hatten schon etwas gefunden, als er an einem Ständer mit lindgrünen Büstenhaltern stehen blieb. Fräulein, sagte er, ich nehme lieber das. Die Farbe passe so gut zu seiner Einbauküche. Da hätte ich gerne laut losgelacht.

Protokoll: Lisa McMinn

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