Ja

Aber auch die Pfarrer müssen daran glauben

Manchmal gibt es Weihnachten auch früher. 2017 war so ein Jahr. Am 31. Oktober, dem 500. Jahrestag der Reformation, waren diesmal quer durchs Land Kirchen so voll wie sonst nur an Heiligabend: keine Parkplätze vor der Kirchentür mehr zu finden und auch keine Sitzplätze in der Kirchenbank. Damit hatten selbst die Pfarrer nicht gerechnet, die Schäfchen haben ihre Hirten überrascht. Während viele Luther-Spektakel nur wenig Zulauf hatten, zogen ausgerechnet die schmucklosen Reformationsgottesdienste in einfachen Gemeinden überall Besucher an. Die Kirchen voll wie an Weihnachten – was vor Jahresfrist wie Tagträumerei geklungen hätte, ist 2017 möglich geworden, zumindest einmal. Wer das erlebt hat, kann sich nur fragen: Warum gönnen sich die Menschen dieses Glück von Gemeinschaft nicht öfter? Warum bremsen sie sich selbst so oft aus?

Einmal wieder träumen dürfen, das täte allen gut: den Kirchen, den Kirchgängern – und vielleicht sogar dem lieben Gott.

Ein erster Schritt für viele Pfarrerinnen und Pfarrer wäre darum: Schließt Freundschaft mit den Weihnachtschristen. Hinter dem Altar stößt man oft auf Misstrauen, wenn die Reihen vor dem Altar allzu gut gefüllt sind. Ob Hochzeit oder Taufe, Ostern oder Weihnachten – sind die Kirchen voll mit Gläubigen, zweifelt der Pfarrer: Sind die auch alle echt? Da waren die christlichen Menschenfischer früherer Zeiten deutlich entspannter: Ein wenig Beifang ist doch völlig in Ordnung.

In jedem Fall hilft es, wenn der Priester kein Trauerkloß und die Kirche kein Trauerkloster ist. Was potenzielle Kirchgänger sich wünschen, ist meist basal, aber nicht banal: einen schönen Kirchenraum, eine aufrichtige Predigt, eine Liturgie, die das Heilige vom Alltäglichen abzuheben weiß – und, bitte, keine leeren Kirchenbänke. So beklagen viele Gläubige einen Horror Vacui, der doch durch ihr Fernbleiben erst eintritt. Was nottut, ist also der Aufbruch vieler Christenmenschen aus ihrer selbst verschuldeten Vereinzelung. Denn zunächst einmal trifft jeder Sonntagmorgen-Zweifler seine allwöchentliche Risiko-Entscheidung selbst: Was entgeht mir, wenn ich im Bett oder am Küchentisch bleibe? Verglichen mit Frühstücksei und Ausschlaf-Chance, wirkt das Versprechen eines Gottesdienstes denkbar irreal: Nimmt Gott überhaupt am Gottesdienst teil?

Ist Gott da? Dass Säkulare diese Frage verneinen, ist naheliegend, doch auch für Halb-, Ganz- und Gelegenheitsgläubige trifft sie beunruhigend direkt ins Zentrum unserer modernen Doppelexistenz: Als aufgeklärte Zeitgenossen kann man es mit Gottes Anwesenheit kaum ernst meinen – und doch macht erst der Glaube daran den Christen zum Gläubigen.

Vor diesem Kern des Religiösen gibt es ein Erschrecken, das Gläubige wie Zweifler ereilen kann, den Pfarrer wie die Gemeinde.

Vielleicht lagern deshalb so viele Menschen heutzutage ihre Heilssehnsucht aus, an persönliche Heilsbringer im Labyrinth zwischen Halbedelsteinen und Gartenbuddhas. Dieser dislozierten Gläubigkeit – einer Religiosität, die losgelöst ist von einem greifbaren, auch streitbaren Gottesbild – wieder eine Heimat zu geben, dazu könnte Kirche durchaus der Ort sein.

Nicht weniger als ein Wunder verspricht schließlich die christliche Liturgie: Er ist mitten unter uns. Dafür freilich müssen sich auch die Menschen in den Kirchen etwas trauen: Christen, die keine falsche Scheu vor dem Heiligen ausstrahlen – und Pfarrerinnen und Pfarrer, die sich trauen, dem Heiligen wieder Raum zu geben.

Und was kann der liebe Gott beitragen? Vielleicht hilft es, ihn sich vor Augen zu halten wie das Kind in der Krippe: Es tut nichts – und ist doch alles bei diesem Fest.
Patrik Schwarz