Jedes Jahr werden es mehr, mehr Weihnachtssterne, mehr Lichterketten, mehr Engelchen, mehr Besinnlichkeits-Klimbim aus dem Supermarkt. Jeder Gartenstrauch ist erleuchtet, jedes Fenster erstrahlt im kalten Glanz einer LED-Birnchen-Batterie. Mutter will es so. Sie liebt es, mein Elternhaus spätestens Ende Oktober in ein Hybrid aus Las-Vegas-Casino und Käthe- Wohlfahrt-Firmenzentrale zu verwandeln. Sie weiß, meine Vorstellung von Besinnlichkeit sieht anders aus, doch schaue ich das pulsierende Rentier im Küchenfenster nur einen Moment zu lange an, heißt es gleich: "Du lebst hier nicht mehr. Gönn mir meinen Kitsch."

Das ist der Moment, in dem man merkt, etwas hat sich verändert. Im Zuhause von gestern ist man heute nur noch Gast. Fast 20 Jahre ist es her, dass ich aus dem Dorf meiner Jugend fortzog gen Stadt. Doch wann wurde sie mir fremd, die Provinz? Im Studium? Im Job? Nach der Hochzeit? Gestern? Mit Bestimmtheit kann ich das nicht sagen. Ich kann nur feststellen, es ist so, und mich anhand des Rentiers fragen, in welchem Stadium der Entfremdung ich mich gerade befinde. Im ersten fängt man an zu grübeln: Was am Rentier ist bloß schön? Im zweiten meint man es zu wissen: nichts! Im dritten schaut man aus dem Fenster, sieht die Häuser der Nachbarn, wie sie ebenfalls erstrahlen im LED-Lichterglanz, und fragt sich: "Gehöre ich noch hierhin? Hier ist alles eng und klein." Im letzten stellt man fest: "Ich habe eigentlich nie hierhin gehört."

Dann ist es geschehen. Man hat die Provinz und ihre Kitschverliebtheit abgestreift wie eine Haut, ist zum Städter geworden ganz und gar. Und mit Städteraugen schaut man neu auf Rentiere und Provinz und denkt: "Die Menschen hier sind eben so. Sie wissen es nicht besser." Das ist das Endstadium. Danach kommt nur die Gefühllosigkeit.

So will ich nicht werden. Ich will die Provinz nicht töten in mir. Ich will Gutes in ihr sehen, Schönes und Wahres, etwas, was mich mit ihr und Mutter verbindet. Doch wie geht das, wenn Kitsch und Enge allgegenwärtig sind? Es hilft nichts, ich muss mich ihm aussetzen, dem Kitsch, ihn von allen Seiten betrachten, vergleichen, ihn völlig neu lieben lernen. Am besten fängt man beim Bekannten an: in der Stadt also. Auch dort gibt es Weihnachten Rentiere, blinkende, aber plüschige vor allem. Man findet sie im Design-Discounter neben dem Elchkopf aus Stoff für die Wohnzimmerwand. Wer beim Design-Discounter kauft, der hat verinnerlicht, was der Kulturwissenschaftler Konrad Paul Liessman bereits 2002 als Wesen der Postmoderne bezeichnete: "Der Kitsch selbst ist nun Avantgarde." Der gibt zu verstehen: "Ich habe Stil. Ich bin gebildet und selbstbewusst genug, um mir ein bisschen schlechten Geschmack leisten zu können." Und je schlechter das Bisschen ist, desto besser.

Dann kann auch keiner denken, man fände Elchköpfe ernsthaft schön. Also muss der Elchkopf an der Wand nicht nur schlecht sein, sondern abnorm schlecht, grotesk also. Denn über Groteskes lacht man, obwohl man erschrickt. Was jedoch abnorm genug ist, um grotesk zu erscheinen, ist zeitlich, örtlich und nach Schicht und Bildung verschieden. Bis ins 19. Jahrhundert galten Wasserköpfe und Buckel als grotesk. Darüber lachten Pöbel und Bürger gleichermaßen.

Ähnlich werden heute Hartz-IV-Empfänger, Teeniemütter und D-Prominente mit Geld- und Suchtproblemen zur Gaudi der Unter- und Mittelschicht auf RTL 2 ausgestellt. So versucht man zu bannen, wovor man sich am meisten fürchtet: Krankheit, Armut, sozialer Abstieg. Und wofür fürchtet sich die urbane Stilelite mit ihrem Plüschrentier am meisten? Vor dem Gewöhnlichen, der Provinzialität, dem Geschmack, der nicht nur tut, als ob, sondern schlecht ist einfach so.

Denn für den Städter ist dieses "Einfach so" der Provinz unerträglich, eine Provokation. Sich "einfach so" ein Rentier ins Küchenfenster zu hängen und ernsthaft schön zu finden oder sich wie Mutter weihnachtlich von der ARD und Florian Silbereisen berieseln zu lassen, statt das Abendprogramm online nach Befindlichkeit zusammenzustellen, ist für den Städter unerklärlich. Mehr als das: Mutters schweigende Hingabe an Silbereisen unterminiert in den Augen des Bildungsbürgers das ganze Prinzip der Individualität. Denn was mache den Menschen zum Menschen? Die "Tätigkeit des Scheidens", schreibt Hegel, zwischen Gut und Böse, Schön und Hässlich, Kitsch und Kunst. Gebrauche der Mensch diese Fähigkeit nicht, gehe logischerweise die schöne Aufklärung den Bach runter – und das städtische Selbstbewusstsein mit.

Nie werden die Verteidiger des guten Geschmacks das zulassen können. Deshalb entmenschlichen sie den Provinzler und seine Vorliebe für Rentiere, machen aus ihm eine Witzfigur, heucheln falsches Mitgefühl für alle Kitsch-Verführten.

Neu ist das nicht. Seit Immanuel Kant haben Generationen von Philosophen, Schriftstellern und Kulturwissenschaftlern versucht, die Hingabe an das vermeintlich Schlechte zu diskreditieren, indem sie dem Kitsch ein Bewusstsein und den Willen unterstellten, den Menschen fürs Leben zu verderben. Sie verteufelten den Kitsch, erklärten ihn wie der Schriftsteller Hermann Broch zum "System des Antichrist" oder meinten in ihm wie der Moraltheologe Richard Egenter eine "Folge der erbsündlichen Unordung" zu erkennen. Für Egenter kann meine Mutter deshalb "niemals innerlich der Gottheit, ja dem persönlichen göttlichen Du" begegnet sein. Die "Wesenstiefe der echten Werte" und die "ehrwürdige Unabdingbarkeit sittlicher Normen" vermöge sie unmöglich zu erfassen. Andernfalls wäre sie Florian Silbereisen nicht so schutzlos ausgeliefert.