Genau in der Sekunde, als Luisa draußen vorm Fenster die ersten winzigen Schneeflocken vom Himmel trudeln sieht, sagt Frau Keller: "Das ist der Wünschebaum. Und die Zettel daran sind die Wünsche von Kindern hier aus der Stadt." – "Meine hängen nicht dran!", ruft Pepe. – "Der Wünschebaum ist für Familien, die zu wenig Geld haben, um ihren Kindern Weihnachtsgeschenke zu kaufen", sagt Frau Keller scharf. "Und zwar nicht irgendwo weit weg, sondern hier bei uns, gerade um die Ecke."

Der Wünschebaum steht in der Schulaula. Dieses Jahr ist es keine Tanne, sondern ein gigantischer Laubbaum ohne Blätter. Die kahlen Äste ragen verschnörkelt in alle Richtungen. Sieht aus wie die Frisur eines Außerirdischen, denkt Luisa. Nur an wenigen Ästen hängen rote Schnüre mit einem bunten Zettel daran: zwei grüne, drei gelbe. Fünf Wünsche bis jetzt, 14 Tage vor Weihnachten.

"Und wie kommen die Wünsche an den Baum?" Das ist schon wieder Pepe. "Jedes Kind aus einer armen Familie bekommt einen Zettel zugeschickt, auf den es seinen Wunsch schreiben kann", erklärt Frau Keller. "Bis kurz vor den Weihnachtsferien können sie die in den Briefkasten der Schule werfen. Die Schulsekretärin hängt sie dann auf." – "Aha, anonym natürlich", sagt Pepe. Frau Keller lächelt ihn an, wahrscheinlich ist sie froh, dass er endlich zuhört. Dann redet sie darüber, dass es ein Weihnachtsgedanke ist, anderen eine Freude zu machen, egal, was man sonst so von Weihnachten hält. Luisa gefällt dieser Gedanke. Und sie mag die Idee des Wünschebaums. Auch wenn sie sich nicht vorstellen kann, dass da draußen jemand seit Jahren Wunschzettel schreibt, von denen kein einziger Wunsch in Erfüllung geht.

Alle schauen inzwischen zu den bunten Zetteln. Der Einzige, der wieder mal nicht aufpasst, ist Jamie, der in seiner zerschlissenen Sporttasche wühlt, als sei ein geheimer Schatz darin vergraben. So wild wühlt er in der Tasche, dass Frau Keller ihre Ansprache unterbricht: "Na, Jamie, das interessiert dich wohl gar nicht?" Frau Kellers Stimme ist spitz und hell, wie immer, wenn jemand gerade dann nicht zuhört, wenn sie es besonders wichtig findet.

Jamie taucht aus seiner Tasche auf. "Geht so", sagt er und grinst sein schräges Grinsen. Seine langen hellblonden Haare hängen ihm ins Gesicht, wie immer. "Stell dir vor, du wärst eins von den Kindern, die einen Wunsch erfüllt bekommen. Zum ersten Mal in deinem Leben vielleicht", setzt Frau Keller nach. Jamie hört auf zu grinsen und wird merkwürdig rot hinter seinem Haarvorhang. "Könnte da jemand auch Wünsche für jemand anderen draufschreiben?", fragt er plötzlich. "Wenn der andere ein Jemand aus derselben Familie ist", antwortet Frau Keller knapp und wendet sich dann wieder an die ganze Klasse: "Also? Habt ihr Lust mitzumachen? Wir sammeln Geld, suchen kurz vor den Weihnachtsferien gemeinsam einen der Wünsche aus, und um den Rest kümmere ich mich." – "Damit es auch anonym bleibt", sagt Pepe spöttisch. Alle anderen rufen durcheinander, denn natürlich wollen sie mitmachen. Und dann läutet der Pausengong, die Klasse rennt auseinander, und es wird still unter dem Wünschebaum.

Jenny und Luisa sind stehen geblieben. Die Schneeflocken vor dem Fenster werden dichter, sie sehen jetzt aus wie kleine zerrupfte Wattebäusche. "Was würdest du draufschreiben?", fragt Jenny in die Stille hinein. "Du kennst doch meinen Wunschzettel", sagt Luisa. Jenny lacht. "Eben. Was, wenn du dich für eine einzige Sache entscheiden müsstest?" – "Uh." – "Ich fänd’s auch ganz schön schwer", sagt Jenny. Luisa zupft an einem der gezickzackten Wünschebaumäste.

"Hey! Was hast du da gerade mit dem Zettel gemacht?", schreit Jenny plötzlich durch die Aula. "Was?!" Jamie steht auf der anderen Seite des Baums und fährt erschrocken herum. "Mogel dich bloß nicht dazwischen! Die Zettel bekommt man zugeteilt. Aber nur, wenn man arm ist. Hast du Frau Keller nicht zugehört?" Jenny lacht laut. Jamie dreht sich weg und zeigt ihr über die Schulter den rechten Mittelfinger, während er zum Ausgang schlendert. Luisa kichert. "Ich glaube, ich würde das Einrad draufschreiben", sagt sie dann.

Das Einrad steht bei Sport Schmidt, hat einen hellgrünen Rahmen, und der Sitz ist rot eingefasst. Natürlich gibt es auch andere Einräder, die normalen in Schwarz und Silber, die sie in der Schule in der Zirkus-AG haben. Aber dieses ist das schönste. "Mein Einrad", denkt Luisa, "hoffentlich." Ihr Geschenkestapel unter dem Weihnachtsbaum ist immer der größte. Trotzdem ist sie nicht sicher, ob Mama und Papa die Sache mit dem Einrad so toll finden, jetzt im Winter. Noch einmal streicht sie über den Rahmen. Glatt und kühl fühlt er sich an.

"Möchtest du das Einrad mal ausprobieren?" Luisa zuckt zusammen, sie hat den Verkäufer nicht kommen sehen. Er ist klein, und sein rundes, glänzendes Gesicht mit den kleinen Schweißperlen neben den Ohren kommt ihrem viel zu nah. "Nein, nein", murmelt sie und stottert im Weggehen etwas von später und Wunsch und Weihnachten und flüchtet Richtung Treppe. Im Gang sieht sie plötzlich Jamie, erkennt ihn an seinem typischen Schlendern, allerdings ist er langsamer als sonst. An seiner Hand geht ein Mädchen, einen Kopf kleiner als er, mit denselben hellsträhnigen Haaren. Jamie hat also eine kleine Schwester, denkt Luisa. Als Jamie sie auch entdeckt, lässt er schnell die Hand des kleinen Mädchens los. "Hi", sagt Luisa. "Hi", murmelt Jamie, ganz ohne sein typisches Grinsen. Im Vorbeigehen streift er Luisas Schulter. Als sie sich noch einmal umdreht, sieht sie, wie das Mädchen sich eng an Jamie schmiegt und wieder nach seiner Hand greift. Diesmal hält er sie fest.

Zehn Tage vor Weihnachten hängt der Wünschebaum voller bunter Zettel. Frau Keller hat eine leere Papiertücherbox dabei. Eine Zirkustruppe ist darauf zu sehen. Clowns, Trapeze, Elefanten. Ein Zeichen vielleicht. Luisa kann erst seit drei Wochen richtig Einrad fahren, und wenn sie es über die Ferien nicht verlernen will, braucht sie unbedingt ein eigenes. Fünf Euro wirft sie durch den Schlitz, das Taschengeld für eine Woche. Fünf Euro sind nicht zu viel und nicht zu wenig, findet Luisa. Dafür, dass da jemand ein Geschenk bekommt, der sonst nie eines bekommt.

"Frau Keller? Werden eigentlich garantiert alle Wünsche erfüllt?", ruft Jamie. Er balanciert die Box geschickt auf zwei Fingern vor seinem Gesicht. "Na, garantiert ist das nicht", sagt Frau Keller. "Wenn ein Zettel nicht mitgenommen wird, dann ..." – "Nicht so schlimm, dann muss man halt noch ein Jahr länger auf die Wunscherfüllung warten", ruft Jenny spöttisch. Jamie starrt sie an, lange und ohne Blinzeln. Dann gibt er die Box demonstrativ weiter, ohne etwas hineinzuwerfen. "Wie egoistisch kann man eigentlich sein?", zischt Jenny Luisa zu.

Fünf Tage vor Weihnachten stehen Jenny und Luisa in der Aula und studieren die Wunschzettel am Wünschebaum. Es sind nicht mehr viele übrig. Zwei gelbe, drei grüne, zwei rote, ein blauer. Am nächsten Tag will Frau Keller mit der Klasse entscheiden, welchen Wunsch sie erfüllen. "Ein Schulranzen. Bitte nicht rosa", liest Luisa vor und muss grinsen. – "Krimi zum Lesen", sagt Jenny. "Oder hier: zehn Tafeln Ritter Sport Nougat. Stell dir mal vor, deine Eltern können sich nicht mal Schokolade leisten!" Luisa hangelt nach dem blauen Zettel. "Turnschuhe, Größe 36. Die mit der neongelben Sohle, wenn es geht (bei Sport Schmidt)." – "Aber genau die", sagt Jenny ironisch. "Wenn es andere sind, wirft er sie weg, oder was?" – Luisa denkt an das Einrad. "Das mit dem grünen Rahmen und dem roten Sitz (bei Sport Schmidt)" würde sie auf den Wunschzettel schreiben. Zu Jenny sagt sie: "Woher weißt du, dass der von einem Jungen ist?" – "Sieht man doch", antwortet Jenny und hält ihr den blauen Zettel hin. Die Schrift darauf ist klein und krakelig, wirklich eher eine Jungenschrift. Und Größe 36, denkt Luisa, so wie ich. Dann knotet sie den blauen Zettel vorsichtig wieder am Ast fest.