Seht mal, Jungs!", ruft Jirka, der Kleinste, den anderen im Boot zu. "Da drüben am Ufer, zwischen den Bäumen: Ist das nicht ein Mammut?" Ja, es ist tatsächlich eines, es winkt ihnen freundlich mit dem Rüssel zu. An diese Szene aus dem alten tschechischen Abenteuerfilm Reise in die Urwelt von Karel Zeman, in dem vier Freunde auf dem Strom der Zeit in die Vergangenheit rudern, muss ich denken, wenn ich, von Berlin kommend, mit dem Regionalzug von Bremen nach Diepholz fahre: nach Hause, zu meinen Eltern, zurück in meine Kindheit. Zu den Mammuts der Erinnerung, ins Pleistozän meines Lebens.

"Giesi!" So begrüßt mich der alte Fußballkumpel, dem ich zufällig auf dem Bahnhofsvorplatz begegne. "Giesi!" Dann die Fußballkumpelumarmung, kurz und rüde, als hätten wir gestern noch Seite an Seite die wütenden Angriffe des SV Bramstedt abgewehrt. Sein Haar hat sich bis weit auf den Kopf zurückgezogen, er trägt einen etwas obszönen Schnurrbart, aber ich sehe in seinem Gesicht immer noch das des Zwölfjährigen mit den zu großen Zähnen und der Bräune von all den heißen Nachmittagen auf dem Bolzplatz. Dass er dann, nach kurzem Plausch, in sein ziemlich dickes Auto steigt und davonfährt, verblüfft mich durchaus: Der hat doch noch gar keinen Führerschein, denke ich, der ist doch erst zwölf. Anhalten, Polizei!

Zu Hause, das ist da, wo die Erwachsenen ihre Kindergesichter behalten haben. Wo immer noch ein i an meinen Namen gehängt wird, "Giesi" nennen mich die Kumpels, "Dirki" meine Eltern. Wo meine so mühsam errichtete Fassade der Seriosität und Reife niemanden davon abhält, mich als den zu sehen, der ich war, bevor ich von hier fortging: ein unfertiger Mensch. Ein Menschi.

In Diepholz angelangt, schaue ich oft ziemlich ratlos auf meinen Sohn und meine Tochter, sieben und fünf, und komme mir vor wie ihr älterer Cousin, der für eine Weile auf sie aufpassen muss. Ob sie noch ein paar Münzen im Brustbeutel haben, um uns etwas zu trinken zu kaufen? Zum Glück kommt da schon meine Mutter, um uns abzuholen. Im Handschuhfach ihres antiken Kombis liegen die alten Kassetten, die ich einst zusammengestellt habe. Auf einer steht Superhits 1995.

Es ist nicht so, dass in Diepholz die Zeit stehen geblieben wäre: Die Tankstelle Günther gibt jedes Jahr einen neuen Kalender mit Landschaftsaufnahmen heraus, auch 2018 wieder. Sie vergeht nur langsamer, sodass ich, obwohl ich nun schon beinah zwanzig Jahre fort bin, das Gefühl habe, hier wären gerade einmal fünf vergangen oder sogar nur wenige Monate oder nicht einmal ein Tag. Sie vergeht zäher, als hätte sie eine andere Dichte. Sie vergeht nicht stetig, obwohl das Ticken der Uhr in Omas guter Stube das suggeriert. Sie vergeht vielmehr in kurzen Schüben und kleinen Stößen, immer dann, wenn es zu einem Einschnitt ins immer Gleiche kommt, ein Stall abbrennt, ein neuer Bürgermeister gewählt wird oder der Landarzt seine Praxis aufgibt. Sie vergeht oft mittwochs, wenn im Kreisblatt die Traueranzeigen stehen und die Leute vom Tode eines Mitbürgers erfahren. "Die Einschläge kommen näher", sagen die alten Diepholzer dann und spüren für einen Augenblick, dass die Zeit doch etwas anderes ist als das Wetter, als etwas also, das man einfach nur hinnehmen muss.

Dieses Jahr ist mein Vater achtzig Jahre alt geworden. Wir feierten im kleinen Kreis in einem Landgasthof, in dem wir auch schon den achtzigsten Geburtstag meines Großvaters gefeiert hatten, die Konfirmation meiner Schwester und meine eigene, in dem wir schließlich auch nach der Beerdigung meines Großvaters zusammengesessen und auf den Butterkuchen geweint hatten. "So jung kommen wir nicht mehr zusammen", sagte mein Vater nun, als er sein Glas erhob, und das ist natürlich richtig, wenn man die Zeit in Jahren misst. Ich wollte auch nicht widersprechen, es entsprach nur eben nicht ganz meiner Wahrnehmung.

Die Zinnteller an den Wänden des Gasthofs sind die gleichen geblieben, die Geweihe und die ausgestopften Eichhörnchen, nur in der Ahnenreihe der Wirtsleute ist ein neues Bild hinzugekommen, es ist das zweite in Farbe: Das Geschäft gehört jetzt dem Jungen, der vor dreißig Jahren noch auf der Eckbank beim Tresen saß, Fanta trank und Comichefte las. Die Übergabe vom Vater an den Sohn muss ein solcher Einschnitt gewesen sein, ein Schub, ein Stoß, der der Zeit versetzt wurde. Doch gleich danach wurde sie wieder so zäh wie ehedem: Er kocht nach den gleichen Rezepten und hat den gleichen gemütlichen Bauch. Er empfängt seine Stammgäste mit dem gleichen lakonischen "Moin", schon "Moin, Moin" wäre geschwätzig, und stellt ihnen, ohne dass es noch bestellt werden müsste, ihr Getränk hin, er tut es mit der Routine von Jahrzehnten. Es ist, als hätte er sich umgehend in seinen Vater verwandelt, um die Tradition fortzusetzen und die Zeit am weiteren Vergehen zu hindern.