Das, was sich verändert in Diepholz, ist nicht den brutalen Mechanismen der Verdrängung und der Modernisierung unterworfen wie in der Großstadt. Es verändert sich wie ein Baum im Herbst: Das Laub fällt, und er wird kahl. Törker etwa, das Spielzeuggeschäft, wo in einer Glasvitrine bunte, kleine Messingindianer aufgereiht waren wie südamerikanische Schmetterlinge und in der Vorweihnachtszeit eine Modelleisenbahn im Schaufenster im Kreis durch den Schneeschaum fuhr, gibt es nicht mehr. Der alte Törker fand keinen Nachfolger, irgendwann war sein Geschäft nur noch tageweise geöffnet und dann ganz geschlossen.

Dass das Verschwundene bleibt, dass die Kleinstadt ein Museum des Unsichtbaren ist, auch das hält die Zeit auf, lässt sie beinah rückwärts laufen, wie jemand, der versucht, sich lautlos aus einem turbulenten Stehempfang zu entfernen. Jetzt, da so viel davon die Rede ist, dass die Welt bald eine andere sein werde, denke ich manchmal: aber nicht in Diepholz. Es ist ein seltsamer Trost, ein Trost, der an sich schon traurig ist.

In meinem Zimmer, in dem meine Kinder nun aus nach Keller riechenden Bananenkartons mein altes Spielzeug kramen und es betrachten wie sehr junge Archäologen die Artefakte einer untergegangenen Kultur, stehen noch die Pokale, die ich als Schwimmer gewann, beste Gesamtleistung 1987, Kreismeister 1989, da hängt das Poster von Werder Bremen, Deutscher Meister 1988, daneben das Foto von der Einschulung 1985, der fröhliche Marcel, der disziplinierte Nils, der schüchterne Fabian. Ich kann mich an ihre Handschriften erinnern, mit denen sie ihre Hefte kennzeichneten, an ihre Art zu malen, Frösche am Teich, die Apfelernte, Schneemänner, mit Tusche auf die Rückseite alter Tapeten gepinselt, daran, wie es klang, wenn wir im Religionsunterricht Er hat die ganze Welt in seiner Hand sangen, und daran, dass ich mich, wenn meine Mutter am Abend "Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt" sang, immer fragte: Und was, wenn er nicht will?

Ich weiß noch genau, wohin ich meinen Fuß auf die Treppenstufen setzen muss, damit meine Eltern nicht vom Knarren aufwachen, wenn ich aus der Disco nach Hause komme. Beim Anblick des Lateinbuchs im Regal bekomme ich Angst vorm Vokabeltest morgen früh in der ersten Stunde. Ich höre die Taube, die vor dem Fenster in der Tanne gurrt. Ist es noch dieselbe wie damals, wie alt werden eigentlich Tauben? Und wie alt bin ich?

"Dirki", ruft meine Mutter von unten herauf. "Kommt ihr bitte runter? Wir wollen essen."

"Wir kommen, Mama."

"Hä? Mama?", sagt mein Sohn und schaut von seinen Ausgrabungen auf. "Das ist doch Oma!"

Die Redaktion hat die in diesem Beitrag genannten Fakten im Februar 2019 überprüft und folgende Korrekturen vorgenommen: Die Beschreibung der Inneneinrichtung des Gasthauses wurde gestrichen; einige Detailangaben zu Personen und Orten in Diepholz wurden korrigiert; die Erläuterungen über den Moorhof wurden gestrichen.

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