Hartz IV – für die einen steht der Begriff synonym für den Aufschwung am deutschen Arbeitsmarkt, für die anderen ist es der Inbegriff für die Prekarisierung von Teilen der Beschäftigten in Deutschland. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) will das System reformieren, am besten sogar komplett abschaffen. Die Diskussion um Hartz IV ist (wieder einmal) in vollem Gange. Oft genug wird sie aber verkürzt und faktenarm diskutiert. Wir erläutern das System anhand von zehn Zahlen.

9,6 Prozent aller Haushalte erhalten ganz oder teilweise Hartz IV

Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland geht kontinuierlich zurück – aktuell sind 2,38 Millionen Menschen als arbeitslos registriert. Die Arbeitslosenquote liegt mit 5,3 Prozent auf einem Rekordtief. Manch einer träumt da schon von Vollbeschäftigung. Aber: Fast jeder zehnte Haushalt erhält immer noch ganz oder teilweise Leistungen aus Hartz IV. Rund sechs Millionen Deutsche sind in der Statistik der Bundesagentur für Arbeit als Hilfebedürftige erfasst und beziehen Leistungen aus der Grundsicherung für Arbeitssuchende. Darunter fallen Arbeitslosengeld oder Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II, also auch unterstützende Leistungen wie Wohngeld oder gesonderte Kinderzuschläge (zusätzlich zum Kindergeld), die an Geringverdiener gezahlt werden. "Damit waren 7,8 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter hilfebedürftig", schlüsselt die Bundesagentur für Arbeit in ihren neuesten Statistiken auf, "und 9,6 Prozent aller Haushalte".

Quelle: Bundesagentur für Arbeit

650 Tage verbleibt ein Arbeitsloser im Schnitt im Hartz-System

Wer Arbeitslosengeld II bezieht, bekommt es heute über einen längeren Zeitraum als noch vor einigen Jahren. Die Bezugsdauer hat sich im Durchschnitt auf 650 Tage erhöht. Vor acht Jahren waren es noch 555 Tage. Das heißt zwar, dass viele Menschen heute tendenziell länger ohne Job sind als noch 2010. Aber es bedeutet ebenso: Nach rund zwei Jahren haben die Hartz-IV-Bezieher dennoch mehrheitlich wieder einen Job gefunden. Nur wenige beziehen für mehr als drei Jahre Hartz-Leistungen. Aktuell sind es 317.000 Bundesbürger, die länger als drei Jahre auf Arbeitslosengeld angewiesen sind. 2011 waren es allerdings weniger, nämlich 298.000. Auf diese Entwicklung machte jüngst die Linkspartei durch eine Anfrage im Bundestag aufmerksam. Die gestiegene Zahl der Dauerbezieher deute auf eine "Verhärtung der Langzeitarbeitslosigkeit" hin, sagte dazu ein Sprecher der Bundesagentur für Arbeit.

Quelle: Bundesagentur für Arbeit

841000 Arbeitslose sind Langzeitarbeitslose

Auch die Zahl der Langzeitarbeitslosen hat sich in den vergangenen Jahren reduziert. Waren es 2005 noch 1,8 Millionen, so sind es derzeit nur noch 841.000. Als langzeitarbeitslos gilt laut Bundesagentur für Arbeit, wer länger als ein Jahr ohne Beschäftigung ist, obwohl er eine Stelle sucht. So gesehen ist das kein Beleg dafür, dass die Hartz-Reformen den Arbeitsmarkt unsozialer gemacht haben und nur die "fähigen" Arbeitslosen sich in Boomzeiten wieder integrieren konnten. Zudem gibt es derzeit 1,2 Millionen unbesetzte Arbeitsplätze. Darunter seien auch viele für ungelernte und wenig qualifizierte Arbeitskräfte, sagen Arbeitsmarktforscher. Es spricht also vieles dafür, dass es vielerorts ein Mismatch gibt zwischen der Art der offenen Stellen und den jeweiligen Arbeitssuchenden am Ort. Wären sie zum Beispiel mobiler und wanderungswilliger, fänden sie vermutlich schneller einen Job.

Quelle: Bundesagentur für Arbeit

1570000 Hartz-Empfänger sind arbeitslos

Nicht alle Leistungsempfänger sind auch arbeitslos – im Gegenteil. Insgesamt werden die Leistungen auch für nichtberufstätige Partner gezahlt, die im selben Haushalt leben. Und natürlich für minderjährige Kinder, deshalb ist die Zahl der Hartz-IV-Empfänger viel größer als die Zahl der Arbeitslosen. Zudem werden auch Leistungen gezahlt, wenn die Hilfsbedürftigen nicht arbeiten können, weil sie sehr kleine Kinder versorgen oder Angehörige pflegen, weshalb die Annahme einer Arbeit dann als nicht zumutbar gilt. Als arbeitssuchend gelten sie dann aber nicht. Insgesamt macht die Gruppe der nicht arbeitsfähigen Hartz-IV-Empfänger rund 1,7 Millionen Menschen aus. Darunter fallen alle, die zu alt, zu krank oder zu jung zum Arbeiten sind. Die übrigen 4,2 Millionen Hilfebedürftigen sind jedoch im richtigen Arbeitsalter und gesund genug für Arbeit. Von ihnen sind 1,57 Millionen als arbeitslos gemeldet. Die übrigen 2,6 Millionen sind nicht arbeitslos und gehen entweder ungeförderten Beschäftigungsverhältnissen nach (so heißt es, wenn sie weniger als 15 Stunden pro Woche arbeiten), sind in Ausbildungs- oder Umschulungsmaßnahmen oder arbeiten sogar ganz regelmäßig in Minijobs, regulären Arbeitsverhältnissen oder sind selbstständig. Insgesamt verdienen sich knapp 29 Prozent durch eigene Erwerbstätigkeit auch eigenes Geld hinzu.

Quelle: Bundesagentur für Arbeit

Im Durchschnitt bekommt jede Bedarfsgemeinschaft 946 Euro pro Monat

205000 der beschäftigten Hartz-IV-Bezieher arbeiten in Vollzeit

371.000 der gleichzeitig abhängig Beschäftigten Hartz-IV-Bezieher – rund ein Drittel – haben lediglich einen Minijob, verdienen also maximal 450 Euro im Monat hinzu. Davon dürfen sie jeweils 100 Euro behalten, der Rest wird größtenteils mit der staatlichen Unterstützung verrechnet. Gut die Hälfte, nämlich 598.000, sind tatsächlich sozialversicherungspflichtig beschäftigt, entrichten also sogar Sozialabgaben. Oft arbeiten sie in Teilzeit (393.000 erwerbstätige Leistungsempfänger). Das liegt meist daran, dass viele Alleinerziehende oder Elternteile in unterstützten Haushalten wegen ihrer Kinder zeitlich nicht voll arbeiten können oder wollen. Oder dass ihr Arbeitgeber keine Vollzeitstelle anbietet. Immerhin 205.000 aber haben sogar eine reguläre Vollzeitstelle – verdienen damit aber trotzdem nur so wenig, dass sie dennoch auf unterstützende Leistungen aus der Grundsicherung angewiesen sind. Sie sind also im Niedriglohnsektor tätig. Knapp 90.000 sind außerdem Selbstständige, die zusätzliche Finanzhilfe brauchen. Sie alle können sich und ihre Familien trotz Einkommen und Kindergeld nicht über jene Bedarfsschwelle hieven, die das Gesetzbuch als Minimum zum Leben ansieht. Das sind für ein Paar mit zwei Kindern knapp 1.300 Euro, dazu kommt noch ein Wohnzuschuss von durchschnittlich 644 Euro.

Quelle: Bundesagentur für Arbeit

1,77 Euro darf ein Hartz-IV-Empfänger vom Stundenlohn behalten

Von dem Geld, das Hartz-IV-Empfänger durch eigene Arbeit hinzuverdienen, dürfen sie nur einen sehr kleinen Teil wirklich behalten. Nur die ersten 100 Euro können sie völlig abgabenfrei einstecken. Von jedem weiteren Euro müssen sie zwischen 80 bis 90 Prozent abgeben – dafür werden ihnen andere Leistungen im selben Umfang gestrichen, das Arbeitslosengeld etwa, das Wohngeld oder die Kinderzulage. Das bedeutet, dass bei einem Stundenlohn von 8,84 Euro und einer Abgabenquote von 80 Prozent (Fachleute nennen das "Grenzbelastung") nur 1,77 Euro beim Haushalt ankommen. Die Aufstocker und die Hinzuverdiener in der Grundsicherung haben von allen Beschäftigten in Deutschland die höchste Abgabenquote, sagt Wirtschaftsforscher Andreas Peichl, Leiter des Ifo-Zentrums für Konjunkturforschung. Geraten sie mit ihrem Bruttoeinkommen über gewisse Schwellen, dann kann es sogar sein, dass Leistungen wie der Extrakinderzuschlag komplett gestrichen werden. Dadurch haben sie unter Umständen sogar weniger netto übrig als ohne den Hinzuverdienst. Das sei kein Anreiz, eine Teilzeitstelle aufzustocken oder eine besser bezahlte Tätigkeit anzunehmen, so Peichl.

Quelle: Ifo-Institut

1759000 Hartz-IV-Empfänger leben in einem Singlehaushalt

Man würde spontan annehmen, dass es vorwiegend Alleinerziehende sind, die sich auf dem Arbeitsmarkt schwertun und deshalb sehr wenig verdienen oder nach einem Jobverlust schwer eine Stelle finden. Tatsächlich tragen sie auch das größte Risiko, zu Empfängern von Grundsicherung zu werden. Im Bundesdurchschnitt ist es mehr als jeder dritte Alleinerziehende, der auf zusätzliche Hilfe vom Staat angewiesen ist, die sogenannte Hilfequote liegt bei 35 Prozent. Absolut gesehen stellen sie aber mit 18 Prozent der Fälle und 576.000 Leistungsbeziehern nur die zweitgrößte Gruppe unter den Grundsicherungsempfängern dar. Weitaus größer ist die Zahl der Singlehaushalte, die auf Grundsicherung angewiesen ist: Es sind 1,77 Millionen Alleinlebende, die Geld vom Staat brauchen. Die Hilfequote bei den Alleinlebenden beträgt zwölf Prozent, gut jeder achte Singlehaushalt kommt demnach nicht allein über die Runden. Wer einen Partner hat, wird ungleich seltener Hilfeempfänger. Insgesamt ist die Zahl der Grundsicherungsbezieher in großen Städten wie Berlin oder Hamburg hoch: In Berlin beziehen 17 Prozent aller Haushalte Leistungen aus der Grundsicherung, in Hamburg 12,4 Prozent, was auch an den hohen Lebenshaltungs- und Wohnkosten dort liegt.

Quelle: Bundesagentur für Arbeit

946 Euro bekommt eine Bedarfsgemeinschaft durchschnittlich im Monat

Im Durchschnitt bekommt jede Bedarfsgemeinschaft – so werden Haushalte, die Hartz-IV-Leistungen beziehen, genannt – 946 Euro pro Monat. Ein solcher Haushalt besteht im Schnitt aus 1,9 Personen. Zwar sind 55 Prozent der Grundsicherungsempfänger Alleinlebende, also Einpersonenhaushalte. Aber in den übrigen 45 Prozent der Haushalte leben noch Partner und/oder Kinder. Von den 946 Euro entfallen 785 Euro auf das Arbeitslosen- oder Sozialgeld. Darin stecken auch rund 379 Euro für die Unterkunft, also Wohngeld und Heizkosten. Die Sozialversicherungsleistungen machen weitere 152 Euro aus. Und es kommen noch neun Euro sonstige Leistungen hinzu.

Die Höhe der Zahlung ist abhängig vom Bundesland und von der Kommune, in dem die Empfänger leben: Während die Flächenländer Nordrhein-Westfalen und Hessen mit 996 und 992 Euro im Schnitt am meisten zahlen, bilden Sachsen und Thüringen mit 814 und 819 Euro die Schlusslichter. Von den Großstädten gibt Köln am meisten pro Bedarfshaushalt aus, nämlich 1.069 Euro. Stuttgart liegt mit 1.060 Euro direkt dahinter, gefolgt von München mit 1.050 Euro und Frankfurt mit 1.037 Euro. In Berlin bekommen Empfängerhaushalte durchschnittlich 1.005 Euro. Die Beträge unterscheiden sich vor allem wegen der unterschiedlichen Mieten.

Quelle: Bundesagentur für Arbeit

71 Euro beträgt die Erhöhung des Regelsatzes seit 2005

Seit der Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 sind die Regelsätze mehrfach nach oben angepasst worden. Anfangs betrug die Regelleistung für einen Alleinlebenden 345 Euro, 2017 waren es 409 Euro und seit diesem Jahr sind es 416 Euro. Das entspricht einer Steigerung von 20 Prozent in 13 Jahren, das sind 1,5 Prozent pro Jahr. Das klingt zunächst einmal viel. Die Durchschnittsgehälter sind aber nominal stärker gestiegen. Laut Statistischem Bundesamt lag das Bruttomonatseinkommen von Vollzeitbeschäftigten im Jahr 2005 bei 2.901 Euro, im Jahr 2017 waren es bereits 3.771 Euro. Das ist ein Anstieg von 29 Prozent in zwölf Jahren, die Einkommen legten also nominal mit 2,4 Prozent pro Jahr zu. Leben übrigens zwei Erwachsene in einem Bedarfshaushalt, bekommt jeder von ihnen nur 374 Euro. Für Kinder gibt es gestaffelte Sätze je nach Alter, sie reichen von derzeit 240 Euro für Kleinkinder bis zu 316 Euro für 14- bis 17-Jährige.

Quelle: Bundesamt für Statistik

1000000 Menschen ohne Job tauchen in der Statistik gar nicht auf

Die offizielle Zahl von 2,38 Millionen Arbeitslosen bedeutet nicht, dass auch tatsächlich nur so viele Bürger gern eine Arbeitsstelle hätten, aber keine finden. Denn sie gibt nur an, wie viele Menschen bei den Arbeitsagenturen als arbeitssuchend gemeldet sind und nach bestimmten Kriterien auch unter die Kategorie Arbeitslosigkeit fallen. All diejenigen, die zwar keine Arbeit haben, aber sich in Fort- und Weiterbildungen sowie Trainings befinden, weil sie in ihren bisherigen Jobs schwer vermittelbar sind und umgeschult werden sollen, fallen nicht darunter. Ebenso werden Ein-Euro-Jobber nicht erfasst. Wer außerdem weniger als 15 Stunden pro Woche beschäftigt ist, also höchstens einen Dritteljob hat – obwohl er gern ganztags arbeiten würde –, wird ebenfalls nicht als arbeitslos gezählt. Dazu kommen noch etliche Ältere, die über 58 Jahre alt sind, aber wegen ihres Alters auf dem Arbeitsmarkt als kaum noch vermittelbar gelten.

Dann gibt es auch diejenigen, die sich aus der Arbeitslosigkeit heraus selbständig gemacht haben und einen Gründungszuschuss erhalten. Auch wenn laut einschlägigen Wirtschaftsstatistiken jede zehnte Gründung misslingt, zählen die Gründer erst einmal nicht mehr zu den Arbeitslosen. Und schließlich gibt es noch Menschen, die sich aufgrund ihrer Qualifikation keine Chancen auf dem Jobmarkt ausrechnen und sich deshalb gar nicht erst arbeitslos melden, obwohl sie bezahlte Arbeit annehmen würden. Sie alle zählen zur "stillen Reserve", so nennen Arbeitsmarktexperten all jene, die gern erwerbstätig wären, es aber nicht in ausreichendem Maße sind. Wie groß die Reserve ist, lässt sich schwer sagen, die Forscher schätzen sie aber auf rund eine Million Menschen.

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung