Wir wissen viel zu wenig über China. Deshalb startet ZEIT ONLINE einen Schwerpunkt über das Land. Den ersten Teil bildete ein Porträt über Chinas Staatspräsidenten Xi Jinping.

Es ist gerade mal 40 Jahre her, als ein Politiker namens Deng Xiaoping, ein Revolutionär und Begleiter Mao Zedongs, den Grundstein für Chinas Wirtschaftswunder legte. Deng erlaubte Chinas Bauern, auf eigene Rechnung zu wirtschaften. Und er eröffnete im Südosten Wirtschaftszonen für privat geführte Fabriken, in denen auch Ausländer investieren durften. 

Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Heute, vier Dekaden später, sind zig Millionen Bauern der bittersten Armut entkommen, sind aus Dörfern moderne Millionenstädte geworden, rasen Hightech-Züge zwischen den Metropolen hin und her. Vieles an Chinas Wirtschaftsboom ist schwer nachvollziehbar. Wir wollen versuchen, ihn anhand von zwölf Zahlen examplarisch darzustellen. 

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695 Millionen Chinesen
waren im Dezember 2016 mit einem Smartphone online

Die Digitalisierung des Alltags ist in China bereits weit vorangeschritten. 730 Millionen Menschen waren Ende 2016 mit Handys, Tablets oder Computern online. 470 Millionen haben bargeldlos eingekauft, und praktisch alle Bezahlvorgänge wurden mit dem Smartphone erledigt. Die Zahl derjenigen, die per Smartphone überweisen, dürfte in China inzwischen bei einer halben Milliarde Menschen liegen – das Land ist auf dem Weg zur bargeldlosen Gesellschaft. Dazu braucht es QR-Codes und Zugang zu einem Zahlungssystem.

Das sind in erster Linie die beiden Angebote der Technologieunternehmen Alibaba und Tencent, Alipay heißt es bei Ersterem, ein WeChat-Konto ist es bei Tencent. Ohne Bargeld kann inzwischen selbst am Kiosk oder im kleinen Imbiss bezahlt werden.

Chinas Digitalunternehmen agieren ohne Konkurrenz aus dem Ausland, die Politiker der Kommunistischen Partei wollen es so, Amazon, Google oder Facebook haben keine Chance. Drei Monopolisten gibt es deswegen im Wachstumsmarkt der Volksrepublik: Alibaba dominiert den Online-Handel, Baidu ist die zentrale Suchmaschine und Tencent hat mit seiner Multifunktions-App WeChat den Bereich Games und Multimedia-Chats in der Hand. Diese Unternehmen wollen jetzt auch Märkte außerhalb Chinas erobern, solche, die offen sind, wie in Europa.

Quelle: China Internet Informationsnetzwerk CINIC

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286 Millionen Wanderarbeiter
sind in China unterwegs

Ohne die Millionen Arbeitsmigranten wäre Chinas Wirtschaftswachstum nicht möglich gewesen. Aus den nach der Mao-Zeit verarmten Dörfern begannen sie ab Ende der Siebzigerjahre auf der Suche nach Jobs in die Metropolen sowie in die Wirtschaftszonen der Südostprovinzen zu ziehen, um dort am Fließband zu arbeiten, Städte hochzuziehen und Straßen und Eisenbahnen zu bauen. Chinas einstigen Ruf als billige "Werkbank der Welt" haben in erster Linie die Wanderarbeiter getragen. Auch einfache Dienstleistungen sind unter den Arbeitsmigranten verbreitet, zum Beispiel Straßenverkäufer, Kellner oder Handwerker. Nach offiziellen Zählungen arbeiteten 2016 52,9 Prozent der Wanderarbeiter in der Fertigungsindustrie, 46,7 Prozent waren im Dienstleistungssektor tätig.

In den Städten bilden Arbeitsmigranten die Unterschicht, sie leben meist in Randgebieten unter prekären Umständen. Chinas Regierung kontrolliert die Wanderarbeiter über ihre Wohnortregistrierung, also dem Dorf, aus dem sie stammen. Dieses Hukou genannte System hat zur Folge, dass die wandernde Bevölkerung in den Städten keine sozialen Ansprüche stellen kann, das dürfen die Bürger nur in ihrem Heimatort. Das betrifft den Arztbesuch genauso wie die Schule für die Kinder. Manche leben bereits seit Jahrzehnten in der Stadt. Für Aufsehen sorgte in Peking vergangenen Herbst die Vertreibung von Arbeitern und Familien, als zugunsten von Neubauten Wanderarbeiter-Behausungen abgerissen wurden.

Quelle: Chinas Nationale Statistikbehörde

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15 Städte
mit mehr als fünf Millionen Einwohnern gab es 2015 in China

Das ist bereits eine hohe Zahl – in Europa gibt es mit Paris, London und Moskau derer gerade mal drei. Nur: Es könnten in China auch noch ein paar mehr sein, das hängt von den Definitionen ab. In den Messungen des Global Human Settlement Layer vom Wissenschaftszentrum der EU-Kommission ist beispielsweise Guangzhou (bekannt auch unter dem Namen Kanton) in der Südprovinz Guangdong als urbanes Zentrum mit gleich 46 Millionen Einwohnern verzeichnet – die eigentliche Stadt am Perlfluss hat aber 'nur' etwas mehr als 11 Millionen Bewohner. In dieser Betrachtung wurde bereits auf das Zusammenwachsen Guangzhous mit benachbarten Großstädten wie Shenzhen (über 10 Millionen Einwohner), Foshan (6,7) oder Dongguan (8) eingegangen.

Das Zusammenwachsen ist von Chinas Stadtplanern so gewünscht. Die zahlreichen Millionenstädte Guangdongs sind mit Schnellzügen untereinander vernetzt und sollen zusammen mit den Ex-Kolonien Hongkong und Macao einmal eine Megacity mit 60 Millionen Einwohnern bilden. Auch um die Hauptstadt Peking herum ist solch ein urbanes Konglomerat geplant – die Metropole könnte dann bis zu 130 Millionen Bewohner haben.

Im Gegensatz zu vergleichbaren Ländern wie Brasilien oder Südafrika gibt es in Chinas Städten keine unkontrollierbaren Slums. Stattdessen sind neue Siedlungen mit Mehrfamilienhäusern, die 20 Stockwerke haben, bereits normal. Das Gros der Chinesen lebt inzwischen in städtischen Umgebungen. Denn es sind ja nicht nur die Megacitys, es gibt allein Dutzende weitere Städte, in denen mehr als eine Million Menschen leben.

Quelle: EU Global Human Settlement Layer

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3,4 Billionen Dollar Devisenreserven
hatte die Volksrepublik China Ende März 2018

Kein Land der Welt hat jemals derart hohe Fremdwährungsbestände angehäuft wie China. Das Volumen liegt aktuell bei 3,4 Billionen Dollar. Zum Vergleich: Die Währungsreserven der USA belaufen sich auf lediglich rund 125 Milliarden. 

Wie kommt die hohe Summe zustande? China erwirtschaftet gegenüber vielen anderen großen Volkswirtschaften einen hohen Handelsüberschuss – das Land exportiert mehr Waren und Dienstleistungen als es importiert. Die Folge sind hohe Kapitalimporte, die von der chinesischen Regierung in Fremdwährungen angelegt werden. 

Die Strategie der chinesischen Zentralbank wurde jedoch immer wieder kritisiert. Der Vorwurf: China halte den Yuan-Kurs künstlich niedrig und subventioniere so die chinesische Exportwirtschaft. 2013 hatte die chinesische Notenbank angekündigt, diese Strategie nach und nach aufzugeben. Der Yuan wertete gegenüber dem Dollar in der Folge auf. Die Handelsüberschüsse gegenüber dem Rest der Welt sind immer noch hoch, einige Experten halten den Yuan weiter für unterbewertet. Mit ein Grund für US-Präsident Donald Trump, den angeblich "unfairen" Handel mit China zu kritisieren und Strafzölle zu verhängen.

Quelle: Internationaler Währungsfonds