Hätte einer diese Geschichte vor einem Monat erzählt, keiner hätte sie geglaubt. Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat höchstpersönlich den Mord an einem Journalisten als barbarisch und sorgfältig geplant bezeichnet. Türkische Ermittler bringen im Tagesrhythmus neue erschütternde Details über den Tod des saudischen Staatsbürgers Jamal Khashoggi zutage. Erdoğan forderte Saudi-Arabien dazu auf, die Befehlshaber der Operation zu nennen. Die Türkei und ihr Präsident als oberste Aufklärer eines Menschenrechtsverbrechens an einem Journalisten. Das ist neu.

Vor vier Wochen saßen die Türken noch selbst auf der Anklagebank. Erdoğan regiert ein Land, das die größte Zahl von Journalistinnen und Journalisten weltweit inhaftiert hat. Ein Land, das seine Medien auf Staatslinie hält und jeden verfolgt, der in sozialen Netzwerken eine abweichende Meinung äußert. Das Verbrechen im saudischen Konsulat von Istanbul bietet dem türkischen Präsidenten plötzlich die Chance, aus der Isolation zu entkommen. Die ergreift er nun blitzschnell.

Ein Glücksfall für Erdoğan: Endlich steht die türkische Führung mal nicht am Pranger der Menschenrechtler und Medien, sondern kann selbst auf andere zeigen. Von den türkischen Enthüllungen hängen die Reaktionen der Europäerinnen und Amerikaner gegenüber Riad ab. Das ist eine machtvolle Position. Vertieft sich die Krise des Westens mit Saudi-Arabien weiter, könnten sich die Beziehungen Erdoğans zu Europa und Amerika verbessern. Bleibt nur die Frage, ob das am Ende auch die Menschenrechtslage in der Türkei entspannt.

Erdoğan arbeitet schon eine ganze Weile daran, sein Verhältnis zu den Europäern zu reparieren. In diesem Jahr war er in Brüssel, Paris und London zum Händeschütteln, zuletzt reiste er zum Staatsbesuch mit militärischem Blechblasen nach Berlin. Die Visite verlief nicht ganz störungsfrei: Beim Bankett mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier servierte man sich einige Giftigkeiten. Aber die Reise erfüllte für Erdoğan den Zweck, seinem Volk die Anerkennung der europäischen Großen zu demonstrieren.

Von den Amerikanern hat sich Erdoğan im Oktober Lob verdient, als seine Gerichte endlich den Pastor Andrew Brunson aus dem Hausarrest in Izmir in die USA entließen. Lange hatte Erdoğan versucht, Brunson gegen türkische Staatsbürger auszutauschen, die er gern aus der bürgerlichen Existenz in den USA in die türkische Haft überführen würde. Das entschiedene Nein der USA zeigte ihm, dass seine Geisel wertlos war – also entließ er sie. Seither wärmt sich das Verhältnis zu Washington auf, der US-Außenminister schaute jüngst in Ankara vorbei.

Es geht um Investoren, Geld, Vertrauen

Erdoğan hat ein klares Ziel. Er will wiederherstellen, was er in den vergangenen zwei turbulenten Jahren von Putschversuch, Verfolgungen und Staatsumbau verloren hat: Investoren, Geld, Vertrauen. Und das kommt nun mal von den guten alten Nato-Verbündeten in den USA und in Europa. Erdoğan will raus aus der Schmuddelecke, in die sich die Saudis mit ihrem Staatsverbrechen am Bosporus gerade manövrieren.

Der Präsident hatte den Saudis ein Angebot gemacht: Sie würden bei der Aufklärung kooperieren und kräftig in der Türkei investieren, dann würde Erdoğan sie nicht an den Pranger stellen. Aber Kronprinz Mohammed bin Salman verließ sich zu sehr darauf, dass ihn sein Freund Trump schon raushauen würde. Also hielt der Saudi den türkischen Staatschef hin – und hoffte, dass sich eine billigere Lösung fände. Trump rettete den Saudi nicht. Erdoğans bissige Kritik an der Regierung in Riad und die Ankündigung weiterer Untersuchungen deuten an, dass es nun sehr teuer wird für die Saudis. Keiner glaubt ihnen mehr.

Erdoğan inszeniert sich unterdessen als Aufklärer Nummer eins und versucht so, sein ziemlich blankes Glaubwürdigkeitskonto wieder aufzufüllen. Das wird ihm kurzfristige Erfolge bei der internationalen Vernetzung der Türkei bringen. Nächster Glanztermin ist der Syrien-Gipfel mit Angela Merkel, Wladimir Putin und Emmanuel Macron in Istanbul am 27. Oktober.

Doch für wirkliche Glaubwürdigkeit müsste Erdoğan nicht nur an seiner Außenpolitik feilen, sondern auch an seiner Innenpolitik. Erst wenn sich der türkische Präsident für die Verfolgten in der Türkei genauso einsetzt wie jetzt für Khashoggi, wird man ihm abnehmen, dass er wirklich etwas ändern will. Danach sieht es bisher nicht aus.