Eine neue Studie, die der ZEIT vorab vorliegt, enthält eine Mahnung, die genau jetzt notwendig ist. Diese Mahnung lautet: Es kommt nicht nur darauf an, wie viele Lehrer und Erzieher es gibt, sondern vor allem darauf, wie gut sie sind. Denn von der Qualität des Personals hängt ab, wie viel die Kinder lernen. Kindergärten und Schulen boomen derzeit allerdings so stark, dass sie diesen Anspruch bisweilen hintanstellen: So unterrichten in immer mehr Schulen Quereinsteiger fachfremd – manche von ihnen mit unzureichender pädagogischer Qualifikation und wenigen Fachkenntnissen.

Der Volkswirt Matthias Westphal vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen ist für die Studie nun einer interessanten Frage nachgegangen: Wie wirkte sich bei der sogenannten Bildungsexpansion im Westdeutschland ab den sechziger Jahren die kurzfristig steigende Nachfrage nach zusätzlichen Lehrkräften auf deren Qualität aus, und welche Auswirkungen hatte das auf die Leistungen der Schüler?

Im Zuge der Bildungsexpansion stieg die Zahl der Realschüler und Gymnasiasten und in der Folge die der Abiturienten und Studenten enorm an. Erwarben 1960 erst acht Prozent eines Jahrgangs die "Hochschulzugangsberechtigung", so waren es 1980 schon 22 Prozent (heute sind es mehr als 50 Prozent!). Entsprechend stark stieg der Bedarf an Gymnasiallehrern.

Matthias Westphal hat die Gymnasiallehrer vor den Zeiten der Bildungsexpansion mit jenen verglichen, die ihr Abitur in Zeiten der Bildungsexpansion abgelegt haben: War das vorher eine relativ kleine, sehr leistungsstarke Gruppe, zog der Beruf nun auch weniger fähige und motivierte Menschen an. Die älteren Lehrer, das zeigt die Studie, hatten im Durchschnitt bessere Abiturnoten als ihre Nachfolger, und sie waren stärker intrinsisch motiviert, was leistungssteigernd wirkt. Wie Westphals Studie zeigt, waren die Lese- und Mathematikleistungen der Schüler, die von den Lehrern aus der Zeit vor der Bildungsexpansion unterrichtet wurden, tatsächlich besser als die Leistungen jener Schüler, deren Lehrer ihr Abitur erst zu Zeiten der Bildungsexpansion abgelegt haben. Für Fachleute: Der Unterschied beträgt zwei Prozent einer Standardabweichung. Anschaulicher ausgedrückt: Schüler, die zufällig von einem "Bildungsexpansionslehrer" unterrichtet wurden, lernten weniger, sodass sie im Laufe des Berufslebens rund 5000 Euro weniger verdienen als ihre Vorgänger. Wie gut ein Lehrer ist, macht sich also in den Lernerfolgen seiner Schüler bemerkbar und hat letztlich Auswirkungen auf den Erfolg im Beruf.

Die Alternative laute, so Westphal, aber nicht, die Bildungsexpansion jetzt zu stoppen. Man solle aber bei der Auswahl künftiger Lehrkräfte stärker auf die Qualität achten. Falls nötig, solle man mit Fortbildungen nachsteuern.

Das ist ein wichtiges Signal gegen die Tonnenideologie, die derzeit beim Schaffen neuer Kindergarten- und Krippenplätze vorherrscht. Bei den vielen Tausend Erzieherinnen und Erziehern, die zusätzlich eingestellt werden, darf die Qualität nicht auf der Strecke bleiben.