Ab und an bekommt der Schriftsteller Jonas Hecker eine Prostituierte in das Dachgeschoss gebracht, in dem er seit zwölf Wochen, na ja: lebt. Die Dame ist taub und stumm – Hecker kann sich ihr also nicht mitteilen, kann ihr nicht sagen, dass der exzentrische Mogul, der einmal sein Verleger war, zu seinem Geiselnehmer wurde. Ihn abschirmt und vor der Nordküste Siziliens gefangen hält, um ihn zum Schreiben zu zwingen. Hecker weiß, dass er getötet wird, sobald er den geforderten Roman beendet hat, der seinem Verleger Geld und Ruhm bringen soll. Er beschließt, seinem Schicksal noch ein wenig Lebenszeit abzutrotzen und ein Buch zu schreiben, das niemals endet, dessen Handlung ihm immer wieder enthuscht. Derart wuchtig beginnt Céleste, das Peter von Becker, Jahrgang 1947, dieses Jahr veröffentlicht hat. Es ist bereits der zweite Roman des langjährigen Feuilletonchefs des Berliner Tagesspiegels, und die Hoffnung treibt durch die ersten Kapitel, dass Céleste von Heckers Roman erzählen oder gar zu diesem Roman werden wird. Von Becker hat jedoch, nicht zum Nachteil des Lesers, anderes vor. Abrupt lässt er Heckers Episode enden, um weitere Kurzgeschichten hintereinanderzureihen, die nicht alle unbedingt kurz sind und nur scheinbar monadenhaft.

Die auftretenden Figuren sind allesamt Freigeister, die um die Welt reisen, von Sehnsüchten getrieben: Wir erfahren vom Philosophen Julius Seelenberg, der nach seiner Lesung eine geheimnisvolle fremde Frau findet, die seine Affäre werden könnte – oder ist sie nicht viel eher seine Stalkerin? Da sind der Diplomat und seine Zufallsbekanntschaft, die, seit sie als Jugendliche erblindete, umso mehr das Leben und den menschlichen Körper in seiner ganzen Sinnlichkeit in sich aufnehmen will, und sei es nur bei der Fellatio während eines Pornodrehs auf einer Jacht. Seite um Seite strecken die verrätselten Geschichten ihre Finger nacheinander aus. Die Episoden verweisen schleichend aufeinander, verhakeln und lösen sich wieder und lassen doch im Unklaren, wie alles zusammenhängt oder ob überhaupt.

Von Becker verbringt die meiste Zeit des Buches bei Céleste Salvatori, der Hauptfigur, einer extravaganten, liebevollen, bescheidenen Jahrhundertkünstlerin aus dem Kulturadel. Mit ihren fast hundert Jahren scheint sie vom Tod vergessen worden zu sein. Nachdem ihr befreundeter Anwalt eine Verschwiegenheitsklausel unterschrieben hat, erzählt Céleste ihre Geschichte. Davon, wie sie in den Katakomben des besetzten Frankreichs mit der Résistance gegen die Nazis kämpfte. Wie der Zwillingsbruder ihres Mannes sie womöglich vergewaltigte. Und schließlich gibt sie ein Geheimnis preis, das ihr Lebenswerk für alle Zeiten beschädigen könnte.

Jedes neue Detail, jede neue Begegnung ändert den Blick der Protagonisten auf das Gewordensein ihrer Mitmenschen – und den Blick des Lesers auf die Handlung. Nur das Meer scheint gleich, das Sylt, Tokio, die Liparischen Inseln umschwappt – die Schauplätze in Céleste –, und man denkt an Heraklit: Niemand kann zweimal in denselben Fluss steigen, denn andere Wasser strömen nach.

Peter von Becker: Céleste. Roman; mare Verlag, Hamburg 2017; 240 S., 22,– €, als E-Book 17,99 €