Die einen streiten gegenwärtig über Europa, die anderen über die Energieversorgung, doch die beiden politischen Existenzfragen fanden bisher kaum in Büchern zusammen. Jetzt gibt es endlich eine Publikation, die diese Diskurse verbindet. Geschrieben hat sie Claude Turmes, seit fast zwei Jahrzehnten Abgeordneter des Europaparlaments und an allen energiepolitischen Schlachten führend beteiligt. Keinem anderen wird in Brüssel und Straßburg fraktionsübergreifend ein so großer Sachverstand für das Thema Energiewende zugeschrieben wie dem luxemburgischen Grünen.

Turmes sieht in der Energiewende eine Chance für Europa, sich auf demokratischem Wege neu zu politisieren, aber auch ein Vehikel, um den Kontinent international zu positionieren. Dabei setzt er nicht nur auf Technik, auch wenn er Themen wie Energieeffizienz, Netzmanagement oder Windenergie bis in die letzte Verästelung hinein kennt. Von gleichem Gewicht wie technische sind für ihn soziale und institutionelle Neuerungen, etwa das Wachstum der Energiegenossenschaften, die vielerorts zu beobachtende Rekommunalisierung der Energieerzeugung, die Verschmelzung von Energieproduzenten und -konsumenten ("Prosumenten"-Netzwerke) oder der Trend zur dezentralen Eigenerzeugung von Solar- und Windstrom durch Hausbesitzer, Bauern und Investorengemeinschaften. Diese Entwicklungen will Turmes durch europäische Rahmensetzung fördern, sodass sie aus der Nische in den Mainstream von Wirtschaft und Gesellschaft hineinwachsen können.

Anders als sein Landsmann Jean-Claude Juncker, der eher für das alte Honoratioreneuropa mit seinen zwischenstaatlichen Deals steht, setzt Turmes auf ein Europa der Bürger, die ihre Energieerzeugung selbst in die Hand nehmen wollen und darin von der EU unterstützt werden sollen. In seinem Buch zündet er ein Feuerwerk an Ideen für das Gelingen der europäischen Bürger-Energiewende, deren beiden Hauptziele klar definiert sind: so schnell wie möglich eine Revolution der Energieeffizienz und eine Umstellung auf eine 100-prozentige Versorgung durch Ökoenergie herbeizuführen. Zum Ende der meisten Kapitel seines Buches gibt Turmes allgemeinere oder speziellere politische Empfehlungen. Sie reichen vom Kohleausstieg bis zur Reform des Emissionshandels, von Preisen, die auch die externen Kosten der Energieversorgung (etwa für Gesundheit oder Folgen des Klimawandels) berücksichtigen, bis zu einer Netzregulierung, die die Erzeugung erneuerbarer Energie stimuliert.

Aus historischer Perspektive ist vor allem interessant, wie Turmes das Verhalten der großen Energiekonzerne nachzeichnet. Diese Darstellung lässt nur einen Schluss zu: Die ehemaligen Monopolisten sind an ihrer derzeitigen Misere selbst schuld, weil sie den Trend zu erneuerbaren Energien, zur Dezentralisierung und zur Bürgerenergie verschlafen haben und glaubten, Obstruktion sei auf dem Feld der Energiewende die richtige Strategie.

Mit Vergnügen zitiert Turmes etwa den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von RWE, Jürgen Großmann, der die Nutzung erneuerbarer Energien in Deutschland mit dem Ananasanbau in Alaska verglich. Diese Art von Humor dürfte den Konzernen vergangen sein. Dass sie in den Strudeln der Energiewende untergehen, bleibt eine denkbare Option. Die Automobilbranche, die heute vor einer ähnlichen Transformation steht wie die Strombranche vor zehn Jahren, wird sich fragen müssen, ob sie den gleichen Weg gehen möchte wie diese. Ratsam scheint es nicht.

Claude Turmes’ Buch ist für Energie- und Europainteressierte gleichermaßen ein Gewinn, auch wenn man bemerken mag, dass er die Rolle des Europaparlaments allzu rosig sieht, die spezifischen Interessen der Staaten Mittel- und Osteuropas nicht systematisch beleuchtet und das Lied vom "grünen Wachstum" etwas zu laut intoniert. Mögliche Konflikte, etwa zwischen Wirtschaftswachstum und Energieeinsparung ("Rebound"-Effekte) oder zwischen dem Ausbau erneuerbarer Energien und dem Naturschutz, werden kaum angesprochen. Auch hätte man sich vom Verlag bei einem derart detailreichen Buch ein Personen- und Stichwortverzeichnis gewünscht. Aber all das ist kein Grund, das Buch nicht uneingeschränkt zu empfehlen.

Claude Turmes: Die Energiewende. Eine Chance für Europa; Oekom Verlag, München 2017; 384 S., 25,– €