Es war ein bewegender – und in vieler Hinsicht auch ambivalenter – Moment für den deutschen Fußball, als Leroy Sané, 22, vor wenigen Wochen der Ballon d’Or für den weltbesten Spieler der vorausgehenden Saison überreicht wurde, als erstem Deutschen in diesem Jahrhundert. Unter dem Eindruck von Sanés spektakulären individuellen Leistungen im Jahr 2018 und schon aufgrund der Tatsache, dass allein er in den Siegermannschaften der beiden wichtigsten Wettbewerbe stand – mit Manchester City gewann er die Champions League und mit der deutschen Nationalmannschaft die Weltmeisterschaft –, schien diese Wahl zwar unvermeidlich, wäre aber im Dezember 2017 noch ganz und gar unvorstellbar gewesen.

Und während so die Medien weltweit nicht ohne täglich neue Fotos des jungen Megastars auskommen konnten, zeigten seine – erstaunlicherweise auf Deutsch und mithilfe eines Übersetzers gegebenen – Interviews vor allem, wie überrascht Leroy Sané selbst über seinen Erfolg und veränderten Status sein muss. "Ohne Pep Guardiola und Joachim Löw", sagte er mit der gebotenen Demut, wäre er so weit nie gelangt, und nein, ein Wechsel zurück in die Bundesliga komme vorerst nicht infrage, sosehr er auch "das Leben zu Hause" vermisse.

Auch dass Neymar, der nach einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit seinem Vater und früheren Manager nun den Zusatz "junior" als Teil seines Namens gestrichen hat, als der zweimal strahlende Zweite der beiden großen Wettbewerbe neben Leroy Sané auf der Ballon d’Or-Bühne stand, wäre anders kaum denkbar gewesen. Der dritte Platz für Lionel Messi ist angesichts der überraschenden Ankündigung seines Karriereendes nach einer Verletzung im Oktober als Ehrung für die singuläre Rolle zu verstehen, die er im Weltfußball gespielt hat.

Ohne Zweifel war 2018 das Jahr einer epochalen Wachablösung. Denn neben Messi ist ja auch Joachim Löw ohne Ankündigung einer neuen Aktivität im Sport zurückgetreten, nachdem er sein ehrgeiziges Ziel erreichen konnte, als erster Trainer bei zwei aufeinanderfolgenden Weltmeisterschaften zu siegen und damit Deutschland vor Brasilien zur erfolgreichsten Nationalmannschaft aller Zeiten zu machen. Auch dass Cristiano Ronaldo nun, neben seiner Vertragsverlängerung als Spieler, offiziell zu einem Hauptinvestor bei Real Madrid aufgestiegen ist, mag eine qualitativ neue Zukunft für die Fußballwelt ankündigen.

Dies gilt außerdem für die ganz großen Spiele des vergangenen Jahres, obwohl ja keines von ihnen mit einem zuvor unvorstellbaren Ergebnis endete. Als sensationell registrierten die Fachleute jene bedingungslose und durchaus riskante Offensivmentalität, mit der Guardiolas Manchester City das Champions-League-Endspiel nach einem 0 : 2-Rückstand mit 5 : 4 gegen Paris Saint-Germain gewann (zwei Tore von Sané, zwei von De Bruyne, eines von Gündoğan), und mehr noch Deutschlands 4 : 2 gegen Brasilien im WM-Finale, wo Sané nicht nur zu den Torschützen zählte, sondern auch mit überlegener Schnelligkeit von Toni Kroos die Organisation des Spiels aus dem Mittelfeld heraus übernahm.

Langfristig noch relevanter mag die Tatsache gewesen sein, dass Löws Mannschaft ja erst nach einer Niederlage gegen Südkorea in der turniereröffnenden Gruppenphase den Titel ins Visier zu nehmen begann, als der Bundestrainer nämlich Spielern in der Offensive vertraute, die erst beim Confederations Cup 2017 sichtbar geworden waren, neben Leroy Sané vornehmlich Leon Goretzka und Timo Werner. Dass der für Werner nach seiner Verletzung im Endspiel eingewechselte Thomas Müller das spielentscheidende dritte Tor erzielte, wirkte in der Euphorie des fünften Titels wie eine symbolische Umarmung zweier Spielergenerationen. Als ästhetischer Höhepunkt des Turniers allerdings werden die Halbfinalspiele Brasilien gegen Frankreich und Deutschland gegen Nigeria in Erinnerung bleiben, zumal da Nigerias eigentlich namenlose Nationalmannschaft zum ersten Mal die seit Jahrzehnten bestehenden hohen Erwartungen an den afrikanischen Fußball erfüllte. Ob der im Frühjahr kurzfristig mit der Vorbereitung der nigerianischen Black Eagles beauftragte Thomas Tuchel auf der Grundlage dieses Erfolges eine langfristige Qualitätsentwicklung einleiten kann, gehört zu den interessantesten Fragen des zu Ende gehenden Fußballjahres.

Gibt es Perspektiven, aus denen sich die jüngsten Weltstars des Jahres 2018 von der Messi- und Ronaldo-Generation unterscheiden? Das Potenzial, mit dem die Neymars und Sanés von heute ihre großartigen Vorgänger überbieten könnten, liegt wohl in der Fähigkeit, in den verschiedenen Systemen verschiedener Trainer jeweils Rollen zu übernehmen und zu entwickeln, die neue Anforderungen stellen. Messi hatte karrierelang (und gerade auch bei der russischen WM) Probleme, für Argentinien der entscheidende Spieler zu sein, der er über so lange Zeit für den FC Barcelona gewesen war; und auch Ronaldo hat in der portugiesischen Mannschaft nicht selten enttäuscht. Erst Sané und Neymar waren imstande, in den beiden ganz verschiedenen Kontexten des Sports mit ihren je differenten Konzeptionen gleich erfolgreich und individuell strahlend zu sein.

Fünf Monate nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft hat sich nun allerdings über die Aura der Nationalmannschaft erneut, wie schon Ende 2017, eine dunkle Enttäuschung angesichts des Abschneidens der Bundesligamannschaften in den europäischen Wettbewerben gelegt – und hier liegt die Ambivalenz des deutschen Fußballjahrs 2018. Selbst Bayern München hat unter der Führung des neuen Trainers José Mourinho noch keineswegs zu einer neuen Identität auf dem Spielfeld gefunden und ist in der Gruppenphase der Champions League gescheitert, was – anders als im Ancelotti-Jahr – niemand mit mangelnder Trainingsintensität zu erklären versucht. Leverkusen und Schalke zeigten inspirierende Ansätze in Auswärtsspielen, sind jedoch an der Tatsache gescheitert, dass Champions-League-Erfolge eines Erfahrungsvorlaufs von einigen Jahren bedürfen. Im Jahr des größten Nationalmannschaftserfolgen könnte jedenfalls die internationale Bilanz der deutschen Clubs und mithin der ganzen Bundesliga kaum dürftiger ausfallen.