Wie in einer Prozession treten die Straftäter ein. Ungefähr 20 sind es, einer nach dem anderen gehen sie die Treppe nach unten Richtung Altar. Der Holzboden der alten Kirche knarzt unter den Füßen. Kerzen erhellen den Raum. Warmes Licht. Es riecht nach Wachs. Über dem Altar hängt ein Adventsstern, an der Rückwand ein Holzkreuz. Alles hier ist schlicht. Es ist kalt, die Männer tragen Winterjacken.

Am Altar steht die evangelische Pastorin der Kirche, Christina Ostrick. Sie nimmt eine Kerze in die Hand und geht den Männern entgegen, den Mittelgang entlang. Jeden begrüßt sie per Handschlag. Ostrick, um die 50, ist klein und zierlich, das braune Haar von grauen Strähnen durchzogen. Sie drückt die Hände kräftig.

Das Kerzenlicht, die Ruhe, die ernsten Blicke der Männer – die Kirche erscheint wie eine andere, heilere Welt. Dabei befindet sie sich in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Tegel in Berlin. Es ist ein hoher Raum in einem der alten Backsteingebäude, die noch auf dem Gelände der JVA stehen. Die Männer sind Häftlinge, und hinten in der Kirche warten zwei Sicherheitsbeamte. Sie haben die Männer abgeholt und bringen sie in einer guten Stunde zurück in ihre Zellen.

Christina Ostrick ist hier nicht nur Pastorin, sondern auch Gefängnisseelsorgerin. Die JVA Tegel ist eines der größten Männergefängnisse in Deutschland. Mehr als 800 Straftäter sind hier in Haft, manche nur kurz, andere für den Rest ihres Lebens, inklusive Sicherheitsverwahrung. Christina Ostrick kümmert sich um sie. Egal, was sie getan haben. Sie hört zu. Spricht mit den Straftätern über ihre Ängste und Nöte. Über das, was sie hört, muss sie schweigen. Was macht das mit ihr?

An diesem Abend hat Christina Ostrick einen Gebetsabend organisiert. Wer will, kann teilnehmen. Die Männer setzen sich auf die Holzbänke, neben jedem steht ein Teelicht auf der Bank. Damit sie die Liedtexte lesen können. "Du bist Christus" hallt es aus einem Lautsprecher. Dann geht die Musik aus. Eine Kollegin von Ostrick erklärt den Ablauf des Gebets, die Abfolge von Gesängen und Psalmen, die Stille zur Halbzeit. "Da können wir ganz bei uns sein, ganz bei Gott", sagt sie und setzt sich zu Ostrick auf den Fußboden vor dem Altar.

Christina Ostrick gibt den Ton an, fängt an zu singen: "Lobsingt, ihr Völker alle". Verhalten singen einige der Männer mit, andere bleiben stumm. Die fast leere Kirche trägt den Gesang, und so schief er auch ist, er wirkt beruhigend. Das scheinen auch die Männer zu spüren. Jeder ist allein mit seinem Teelicht und den eigenen Gedanken. Manche richten den Blick nach oben, als sähen sie jemanden dort. Andere blicken nach unten, stützen vorgebeugt die Stirn mit den Händen.

Ostrick arbeitet seit 2011 als evangelische Pastorin und Seelsorgerin in der JVA Tegel. Ihr Blick ist oft ernst, und sie spricht selten ein Wort zu viel. Sie musste lernen, Stille auszuhalten. "Ich will der Person vor mir Zeit geben, um die eigenen Gedanken zu formulieren", sagt sie. "Es muss nicht immer ununterbrochen geredet werden."

Es ist für Außenstehende schwierig, einen Termin mit ihr zu bekommen. Besonders zwischen den Jahren fühlen sich die Männer alleine und sehnen sich nach Zuneigung. Also hört Ostrick ihnen noch mehr zu.