Vorige Woche lag ein kleines schwarzes Kuvert in meinem Briefkasten: meine neue Bahncard 100. Ich bin viel unterwegs, und meistens nehme ich den Zug. Deshalb kaufe ich sie mir schon seit einigen Jahren. Mit der Bahncard 100 kann man das gesamte Streckennetz der Deutschen Bahn nutzen, ohne sich für jede Fahrt ein Ticket besorgen zu müssen. Man steigt einfach ein und fährt los, zumindest wenn etwas fährt.

Ich habe festgestellt, dass ich seither anders auf das Land blicke: Räumliche Distanzen haben an Bedeutung verloren. Hamburg ist von Berlin aus betrachtet ein Vorort, Frankfurt oder München liegen gleich um die Ecke. Mobilität ist auch ein Stück Freiheit.

Angenommen, der Staat könnte so viel Geld ausgeben, wie er will: Wie wäre es, wenn jeder Deutsche etwas Ähnliches wie die Bahncard 100 bekäme? Nicht nur einen Freifahrtschein für Züge, sondern auch für Busse und Straßenbahnen, für Schulen und Universitäten, für Bibliotheken und Theater – und vielleicht sogar für Wohnungen und die Grundversorgung mit Lebensmitteln? Eine "Deutschlandkarte" also, die die kostenfreie Nutzung der gesamten öffentlichen Infrastruktur ermöglicht?

Die Karte wäre gegen Vorlage des Personalausweises bei den Bürgerämtern erhältlich. Sie wäre natürlich fälschungssicher und mit einem elektronischen Chip versehen, um Missbrauch zu verhindern. Bei Verlust wird sie erstattet. Wer ins Schwimmbad gehen will oder eine Reise antritt, der steckt einfach seine Deutschlandkarte in das dafür vorgesehene Lesegerät. Man könnte sie sogar um Bezahlfunktionen erweitern, dann wäre auch das Problem gelöst, dass gerade finanziell schwache Bürger Schwierigkeiten haben, ein Konto zu eröffnen.

Die Deutschlandkarte wäre eine Antwort auf eines der drängendsten Probleme unserer Zeit: die Spaltung der Gesellschaft, die sich in Zukunft noch verschärfen wird. Schon heute zeichnet sich ab, dass es durch Digitalisierung und Automatisierung immer weniger ordentlich bezahlte Arbeitsplätze für Menschen mit niedriger und mittlerer Qualifikation geben wird.

Bislang versucht der Staat, diese Lücke mit Subventionen zu stopfen. Es gibt unzählige Fördertöpfe und Sozialprogramme für Menschen mit niedrigem Einkommen. Das Problem daran ist nur, dass diese Erleichterungen im Zweifel bei den wirklich Betroffenen entweder nicht ankommen oder nicht in Anspruch genommen werden, weil in der Schlange vor der Schwimmbadkasse eben niemand gerne seinen Sozialausweis vorzeigt.

Eine Alternative dazu ist das bedingungslose Grundeinkommen. Nach dieser Idee erhielte jeder Deutsche monatlich einen Scheck vom Amt, der die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ermöglichen soll. Das setzt aber Umstände voraus, die erlauben, dass sich dieses Leben entfalten kann – und das ist alles andere als gesichert. Die Schulen werden ja nicht automatisch besser, bloß weil die Menschen auf einmal mehr Geld in der Tasche haben, zumal wenn niemand kontrollieren kann, wofür sie es ausgeben.

Das bedingungslose Grundeinkommen ist in seinem Vertrauen darauf, dass schon alles gut wird, wenn der Bürger selbst entscheiden darf, wie er sein Geld ausgibt, eine zutiefst neoliberale Idee. Es ist sozusagen die Steuersenkung des Hipsters.