Es gibt einen alten Trick, um Frieden zu simulieren. Die Kommunikationsbranche hat ihn in ihrem Arbeitsalltag erst so richtig zur Blüte gebracht (ja, wir kennen das auch in der Redaktion ...). Der Trick geht so: Wenn es einen Konflikt gibt, werden die Konfliktparteien verdonnert, ihn zu lösen, indem sie miteinander reden – was sie zähneknirschend auch tun. Selten jedoch einigen sie sich wirklich, oft setzt sich eine Partei durch, und der Konflikt bleibt ungelöst.

Man hat dann miteinander geredet, aber es bleibt ein fauler Friede. So erging es zu Weihnachten auch Vertretern der Berliner Gedächtniskirche und der Berliner Dar-as-Salam-Moschee. Ausgerechnet ums christliche Friedensfest herum mussten sie ihr Miteinander, ihren demonstrativen interreligiösen Dialog verteidigen. Erst zelebrierten sie den Frieden zwischen Christentum und Islam. Als anschließend aber Zweifel an der Einigkeit aufkamen, wehrten die Dialogpartner diese so vehement ab, dass man ihnen nur noch schwer zu glauben vermag.

Das kam so: Am 19. Dezember fand in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche eine Gedenkfeier für jene zwölf Menschen statt, die ein Jahr zuvor auf dem Breitscheidplatz, direkt vor der Kirchentür, von Anis Amri ermordet wurden. Der Tunesier war als islamistischer Gefährder eingestuft gewesen, hatte Kontakte zur Salafistenszene in Berlin, und kurz nach seinem Anschlag war ein Video aufgetaucht, auf dem Amri dem Oberhaupt des "Islamischen Staates" Abu Bakr al-Bagdadi die Treue schwor. Seither gilt der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt als islamistischer Terrorakt – verübt von einem jungen Mann, der sich als Religionskrieger sah.

Was lag näher, als eine religionsübergreifende Andacht zu feiern? Die Gedächtniskirche wollte darin nicht nur der Opfer gedenken, sondern auch den Frieden der Religionen beschwören. Leider war die evangelische Kirche bei der Auswahl des muslimischen Partners ein wenig, nun ja: gedankenlos. Zum gemeinsamen Gebet lud Pfarrer Martin Germer, auch auf Vorschlag des Berliner Zentralrats der Muslime, den muslimischen Seelsorger Mohamed Matar ein. Der ist für den Moscheeverein "Neu-Köllner Begegnungsstätte" (NBS) tätig und steht damit in engster Verbindung zur umstrittenen Dar-as-Salam-Moschee.

Dar as-Salam heißt auf Deutsch "Haus des Friedens". Doch Islamwissenschaftler sagen: Bundesweit gibt es kaum eine Moschee, die so viele negative Schlagzeilen gemacht hat, unter anderem wegen Kontakten zur islamistischen Muslimbruderschaft. Der Leiter der Moschee, der aus Tunesien stammende Imam Mohamed Taha Sabri, bestreitet zwar diese Kontakte, und tatsächlich erhielt er 2015 für seinen Einsatz im interreligiösen Dialog den Verdienstorden der Hauptstadt. Doch der Verfassungsschutz beobachtet die Moschee seit Jahren. So trat dort 2009 und 2013 der saudische Hassprediger Muhammad Al-Afri auf, der inzwischen in Saudi-Arabien Predigtverbot hat, weil er gegen Juden und Schiiten hetzt. 2014 gastierte der aus Israel stammende Islamist Raed Fatih in der Moschee; er steht der Hamas nahe und rief zum Kampf gegen die Drusen auf. Und 2016 soll in der NBS ein "Fatwa-Ausschuss Deutschland" gegründet worden sein, dem mehrere muslimische Gelehrte und Theologen angehören, die der Muslimbruderschaft nahestehen – so der Verfassungsschutz.

Das musste Ärger geben. Nicht nur die Bild-Zeitung rief "Skandal", nicht nur die AfD stimmte ein, es protestierte auch das American Jewish Committee. Doch die Kirche weigert sich, den symbolpolitischen Fauxpas zu verstehen. Pfarrer Germer beharrt auf seinen guten, bewährten Kontakten zu dem Seelsorger Mohamed Matar. Und Andreas Goetze, Landespfarrer für interreligiösen Dialog, unterstützt ihn. Schade.

Denn Dialog heißt mehr als nur miteinander zu reden. In Zeiten des militanten Fundamentalismus gehört dazu die klare Distanzierung von fundamentalistischer Theologie. Es genügen nicht Besuche und Freundschaftsfloskeln. Es gehören dazu kritische Fragen, es gehört dazu der Streit darüber, wo die Grenzen der Religionsfreiheit verlaufen. In diesem Streit haben sich die deutschen Kirchen noch zu wenig hervorgetan. Sie sollten damit beginnen, sonst lassen sie jene mutigen liberalen Muslime allein, die um das Ansehen des Islams ringen. Sonst bleibt ihr Religionsfrieden ein fauler Frieden, der Konflikte nur verbirgt.