Nun geht es mit der Konjunktur endlich einmal bergauf, und dann das: In Deutschland drohe eine "Überauslastung" der "gesamtwirtschaftlichen Produktionskapazitäten", schreiben die sogenannten Wirtschaftsweisen zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in ihrem aktuellen Jahresgutachten. Sie wollen sagen: Die deutsche Wirtschaft läuft heiß.

Das klingt gefährlich, aber was bedeutet das genau? Und wie war das in der Vergangenheit?

Hans-Jürgen Schwab muss es wissen. Schwab war mehr als 30 Jahre beim Sachverständigenrat, in der vergangenen Woche hatte er seinen letzten Arbeitstag. Er hat die Nachwirkungen der Ölkrise der siebziger Jahre erlebt, den New-Economy-Hype der späten neunziger Jahre. Und er hat an dem Gutachten mitgearbeitet, das die fünf Wirtschaftsweisen – die Professoren Peter Bofinger, Lars Feld, Christoph Schmidt, Isabel Schnabel und Volker Wieland – vor wenigen Wochen der Kanzlerin überreicht haben.

Eigentlich seien Ökonomen zufrieden, wenn die Wirtschaft kräftig wachse, sagt Schwab. Denn dann entstehen neue Arbeitsplätze, die Löhne und Gehälter steigen, und der Staat nimmt mehr Steuern ein. Schwierig wird es aber, wenn die Wirtschaft zu stark wächst – genauer gesagt: wenn die Verbraucher mehr Autos, Computer oder Einbauküchen kaufen wollen, als die Unternehmen anfertigen können.

Man kann sich das vorstellen wie auf einem Gemüsemarkt: Wenn die Leute mehr Äpfel kaufen wollen, als angeboten werden, dann können die Gemüsehändler einen höheren Preis für ihre Äpfel verlangen. So ist es auch in einer Volkswirtschaft. Deutschland hat 80 Millionen Einwohner. Davon sind 60 Millionen im erwerbsfähigen Alter – sie können also im Prinzip arbeiten gehen und etwas herstellen, was andere haben wollen. Sind alle Menschen im erwerbsfähigen Alter beschäftigt, dann sind die volkswirtschaftlichen Kapazitäten voll ausgelastet: Mehr Computer, Autos oder Einbauküchen kann das Land nicht produzieren.

Wenn die Nachfrage weiter zunimmt, dann werden die Unternehmen versuchen, neue Mitarbeiter einzustellen, um alle Aufträge abarbeiten zu können. Weil es keine freien Arbeitskräfte mehr gibt, müssen die Personalabteilungen die Arbeitskräfte der Konkurrenz abwerben, indem sie höhere Löhne bieten. Die gestiegenen Lohnkosten geben die Unternehmen in Form höherer Preise an die Kunden weiter, die Inflation steigt. Diese Dynamik versteht man unter dem Ausdruck "die Wirtschaft läuft heiß".

Zurzeit ist in Deutschland allerdings weder die Inflation noch die Lohnsteigerung gefährlich hoch. Also alles graue Theorie? Mitnichten. Es hat sich in der Vergangenheit genau so zugetragen, wie es die Professoren nun befürchten. Bereits in seinem 1964 veröffentlichten ersten Jahresgutachten diagnostiziert der damalige Sachverständigenrat eine "Vollbeschäftigung des Arbeitskräftepotenzials". Es ist die Zeit des Wirtschaftswunders, Ludwig Erhard verspricht Wohlstand für alle, die Auftragsbücher der Unternehmen sind voll, und die Deutschen geben ihr Geld aus. Die Wachstumsrate beträgt sage und schreibe 6,7 Prozent, die amtlich ausgewiesene Arbeitslosenquote liegt auf einem heute unvorstellbar geringen Wert von 0,7 Prozent.

Im Jahr darauf werden die Professoren dann deutlicher. Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage wachse stärker als "das Angebot aus heimischer Erzeugung", heißt es im Gutachten vom Herbst 1965. Das Problem: Es gibt zu wenig Arbeitskräfte. In den Nachkriegsjahren strömten Kriegsflüchtlinge und Vertriebene auf den Arbeitsmarkt, die sind aber inzwischen alle in Beschäftigung. Zwar werben die Unternehmen in Ländern wie Italien, Griechenland oder der Türkei Arbeitskräfte, die Gastarbeiter, an, doch das reicht nicht aus, um den Bedarf der Unternehmen zu decken. Die Folge ist laut Gutachten von 1965 ein "beschleunigter Lohnanstieg", der auch die Preise in die Höhe treibe. Die Inflationsrate steigt im Jahr 1965 auf fast vier Prozent.