War er ein Serienmörder?

Der Mann, der am Ende einer Sackgasse am Waldrand lebte, sah ausgesprochen gut aus. Die Haare stets gepflegt, die Schuhe geputzt, der Hund lief immer an der Leine, erinnern sich seine Nachbarn in Adendorf bei Lüneburg. Merkwürdig nur, dass er fast immer Handschuhe trug, auch im Sommer. Und eine Sonnenbrille, auch bei Regen.

Heute ist klar: Kurt-Werner Wichmann war nicht nur ein Sonderling, sondern ein sadistischer Mörder. Unter dem Boden seiner Garage hat man die Leiche von Birgit Meier gefunden, einbetoniert vor 28 Jahren, entdeckt nur, weil ihr Bruder, der ehemalige Hamburger LKA-Chef Wolfgang Sielaff, jahrelang auf eigene Faust recherchierte (ZEIT Nr. 42/17).

Doch damit endet die Geschichte nicht. Das Landeskriminalamt Hannover hat nach Informationen der ZEIT an Spuren zu einem anderen 28 Jahre zurückliegenden Mordfall DNA von Wichmann gefunden. Die Lüneburger Polizei äußert sich zu diesem konkreten Fall nicht, ebenso wenig die dortige Staatsanwaltschaft. Sie soll ein Verfahren gegen einen möglichen Komplizen eingeleitet haben.

Dass die Behörden schweigen, könnte einen Grund haben. Möglicherweise haben sie massive Ermittlungsfehler gemacht. Im Raum steht die Frage: War Kurt-Werner Wichmann ein Serienmörder?

Wolfgang Sielaff und sein Team aus pensionierten Kriminalisten haben 21 ungeklärte Mordfälle aus der Lüneburger Region analysiert, die in das Tatmuster von Wichmann passen. Seine Lebensgeschichte überschneidet sich mit zahlreichen dieser Verbrechen; immer wieder geht es um den Wald, der wenige Meter von seinem Haus entfernt beginnt.

Adendorf ist ein Ort von 11.000 Einwohnern nördlich von Lüneburg. Hier wächst Wichmann, geboren am 8. Juli 1949 , auf. Sein Elternhaus ist geprägt von Gewalt. Schon als Jugendlicher sei er mit einer Machete in den Wald gegangen und habe auf Bäume eingeschlagen, erinnern sich Nachbarn, die ihn beobachtet haben. Andere Zeugen berichten, dass er in seiner Jugend einen Hund mit einer Schlinge an einer Fichte erhängt und im Wald vergraben habe.

Im Alter von 14 Jahren wird Wichmann zu drei Wochen Jugendarrest verurteilt. Am 2. Januar 1964 hatte er mit einem Messer die Untermieterin im Haus seiner Eltern bedroht und versucht, sie zu erwürgen.

Im Alter von 16 Jahren folgen sechs Monate Jugendstrafe auf Bewährung: Am 16. August 1965 hatte Wichmann eine Fahrradfahrerin überfallen und sexuell belästigt.

Am 17. September 1965 wird die sechsjährige Antje S. ermordet bei Lüneburg aufgefunden.

Am 6. Juli 1967 wird die 37-jährige Hinnerina F. erschlagen in einem Wald bei Maschen entdeckt.

Am 1. September 1967 wird in einem Lüneburger Park die 60-jährige Hildegard T. erschlagen. Alle drei Fälle sind bis heute ungeklärt.

Polizei legt Spurenakte über Wichmann an

Im Alter von 18 Jahren wird Kurt-Werner Wichmann zu einem Jahr Jugendstrafe verurteilt, weil er am 12. Juli 1967 Beamte in Adendorf mit einem Kleinkalibergewehr bedroht hat.

Es stellt sich die Frage, warum die Polizei nicht sehr viel früher auf Wichmann kam

Am 11. April 1968 wird die 38-jährige Ilse G. von vier Schüssen eines Kleinkalibergewehrs tödlich in den Rücken getroffen, als sie mit dem Fahrrad durch ein Waldgebiet bei Lüneburg fährt. Zeugen sehen einen Jugendlichen flüchten, der Wichmann ähneln soll.

Damals legt die Lüneburger Polizei eine Spurenakte über Wichmann an. Zwei Jahre später durchsucht sie sein Haus und findet Kleinkalibergewehre, andere Waffen und acht DIN-A4-Seiten mit aufgeklebten Zeitungsausschnitten zum Mordfall Ilse G. Der Fall ist bis heute nicht gelöst.

Am 5. Oktober 1968 wird die 18-jährige Hannelore B. in Uelzen Opfer eines Sexualmordes.

Am 14. Mai 1969 wird die 14-jährige Ulrike B. aus Lüneburg ermordet. Beide Fälle sind ungeklärt.

Im Alter von 21 Jahren wird Wichmann zu fünfeinhalb Jahren Jugendstrafe verurteilt. Am 20. November 1970 war er mit der jungen Anhalterin Karin D. in einen Wald eingebogen, hatte sie ins Gebüsch gezerrt, sie vergewaltigt und mehrmals vergeblich versucht, sie zu erwürgen.

In der Haft lernt Wichmann über eine Kontaktanzeige eine Frau kennen, die für ihn bürgt und den damals 25-Jährigen nach der Entlassung in ihrer Wohnung im Rhein-Neckar-Raum aufnimmt. In dieser Zeit werden dort mehrere Morde an Anhalterinnen begangen, die verblüffende Parallelen zum Fall Karin D. aufweisen. Bis heute ist keiner der Fälle aufgeklärt.

Anfang der achtziger Jahre kehrt Wichmann nach Lüneburg zurück.

Am 23. August 1984 fährt Irma B. mit ihrem Rad in den Wald bei Wustrow. Die 59-Jährige wird später erdrosselt und erstochen aufgefunden, ausgeweidet mit einem Küchenmesser.

Spuren zu den Göhrde-Morden

Am 23. August 1986 fährt die 60-jährige Elsbeth M. mit dem Rad in eine Feldmark in der Nähe Lüneburgs. Sie wird vergewaltigt, erwürgt und am Unterleib verstümmelt aufgefunden.

Am 10. April 1989 geht die 45-jährige Gitta S. mit ihrem Hund in einem Wald bei Holm-Seppensen spazieren. Sie wird erstochen aufgefunden.

Am 4. Mai 1989 wird Brigitte T. in der Heidelandschaft bei Müden an der Örtze erstochen. Alle Fälle sind bis heute ungeklärt.

Bisher sind es nur Vermutungen, dass Kurt-Werner Wichmann mit diesen Taten in Verbindung steht. Doch das Muster ist für die Kriminalisten um Sielaff klar zu erkennen.

In einem psychologischen Gutachten zu einigen ungeklärten Mordfällen in der Gegend heißt es, der Täter wolle die Todesangst der Opfer erleben, die Macht über die Menschen, die ihm hilflos ausgeliefert seien. Der Täter male sich die Taten daher plastisch in seiner Fantasie aus, für ihn sei es schon ein erster Kick, potenzielle Opfer zu beobachten und sich die Tat vorzustellen.

Vor 28 Jahren waren es nur wenige Schritte von Kurt-Werner Wichmanns Haus zum Streitmoor, einem 13 Hektar großen Waldgebiet. Wichmann hielt sich oft dort auf.

Mehrmals wurde er dabei beobachtet, wie er an Waldwegen stand und verschwand, sobald sich jemand näherte. Er wurde auch dabei gesehen, wie er Frauen verfolgte, auskundschaftete oder fotografierte.

Alle Morde geschahen im Umkreis von 80 Kilometern um seinen Wohnort. Wichmann hatte fünf Autos. Er fuhr Zehntausende Kilometer im Jahr, viel mehr, als es sein Lebensstil als Friedhofsgärtner vermuten ließ. In einem seiner Autos stellte die örtliche Polizei Jahre später mehr als 20 Landkarten sicher.

Bei einer Hausdurchsuchung wurden gefunden: Handfesseln, Ketten, Elektroschocker, Rasiermesser, Spritzen, Tabletten, Stricke und Folterwerkzeuge. Kleinkalibergewehre, ein geladener Revolver, eine Ausrüstung zum Übernachten im Wald. Möglicherweise hat Wichmann mit Schlafsack, Fernglas und Thermoskanne in den Wäldern ausgeharrt und seine Opfer ausgespäht.

Und man fand ausführliche Dossiers: Sammlungen von Artikeln zu Mordfällen, TV-Mitschnitte von Aktenzeichen XY ... ungelöst, Fotos von Bespitzelungen weiterer Frauen, Tonbandkassetten.

Ein ausführliches Dossier hatte Wichmann zu den Göhrde-Morden angelegt, zwei bis heute ungeklärten Fällen, die viele Menschen in der Region in Angst versetzten: Am Nachmittag des 21. Mai 1989 werden Ursula und Peter R. im Waldgebiet Göhrde ermordet. Am 12. Juli 1989 werden nur 800 Meter entfernt Ingrid W. und Bernd-Michael K. getötet. Es sind diese Morde, anhand derer die Polizei nun DNA-Spuren von Wichmann gefunden hat.

DNA-Treffer werfen Fragen zu Ermittlungen auf

DNA-Treffer bedeuten normalerweise einen großen Erfolg für die Ermittler. Doch die Lüneburger Behörden wissen, dass die Spuren sie nicht gut aussehen lassen. Die neuen Erkenntnisse werfen die Frage auf, warum die Polizei nicht bereits vor Jahrzehnten auf Wichmann als Täter kam. Sie hätten nur schon 1993 bei ihrer Durchsuchung die Leiche von Birgit Meier finden müssen.

Meier war nur wenige Wochen nach dem zweiten Göhrde-Mord im August 1989 aus ihrem Haus bei Lüneburg verschwunden. Obwohl die Angehörigen ein Verbrechen vermuteten, obwohl eine Spur schnell zu Wichmann führte, ging die Polizei zunächst von einem Vermisstenfall aus.

Erst 1993 durchsucht sie Wichmanns Haus. Im Keller schlägt ein Leichenspürhund an, die Beamten finden eine Wand, die erst kürzlich eingezogen wurde. Im Garten ist ein Auto vergraben, es sieht aus, als klebe auf dem Rücksitz Blut. Wieder schlägt der Leichenspürhund an. Eine Leiche finden die Beamten nicht. Im ersten Stock stehen sie vor einer mit Polstern überzogenen, schallisolierten Tür. Die Beamten brechen die Tür auf. Hier finden sie die Gewehre, die Folterwerkzeuge, die Dossiers.

Die Beseitigung der Leiche dürfte der Täter kaum ohne Hilfe geschafft haben

Wichmann ist nicht da. Die Polizei hatte ihn vorab per Telefon über die Hausdurchsuchung informiert, daraufhin ist er geflüchtet. Nur ein Zufall hilft, ihn zu fassen: Er ist in Hessen in einen Verkehrsunfall verwickelt, im Auto findet die Polizei Waffen und Teile einer Maschinenpistole.

Wichmann kommt in Haft und erhängt sich am 25. April 1993. Er ist 43 Jahre alt. Im selben Zeitraum endet die Serie mit vergleichbaren Vergewaltigungen und sadistischen Morden in den Wäldern rund um Lüneburg.

Nach seinem Tod stellt die Lüneburger Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen Wichmann ein, die gefundenen Waffen und Folterwerkzeuge werden entsorgt, sogar das vergrabene Auto.

Im Fall Birgit Meier konzentriert sich die Polizei ohnehin auf einen anderen Verdächtigen: den ehemaligen Ehemann des Opfers. Erst 2016 überführt ein DNA-Gutachten Wichmann als Mörder.

Der pensionierte Polizist gab nicht auf

Heute ist klar: Wenigstens um ihn zu entlasten oder zu überführen, hätten die Ermittler die Beweismittel untersuchen und etwa die Nachbarn Wichmanns befragen müssen. Stattdessen wurden sie erst wieder tätig, als der inzwischen pensionierte Hamburger Polizist Wolfgang Sielaff begann, über den Tod seiner Schwester zu recherchieren.

Nach jahrelangen Nachforschungen hatte Sielaff in diesem Frühjahr die Polizei überzeugt, die Garage des Hauses zu durchsuchen. Doch die Beamten und ihr Leichenspürhund finden nichts.

Sielaff aber gibt nicht auf. Er überzeugt den heutigen Besitzer des Hauses, in Eigenregie suchen zu dürfen. Am 29. September findet er in der Garagengrube die Leiche. Der Beton darüber war drei Zentimeter dick und wegen der hellen Farbe als nachträglich eingebracht erkennbar. Weil der eigentliche Betonboden daneben acht Zentimeter dick und dunkelgrau ist, hätte man auch mit einem Hammer und einem intakten Ohr das Versteck lokalisieren können.

Der Fund zeigt, wie sadistisch Wichmann vorging. Der Mörder hatte Birgit Meier eine Plastiktüte über den Kopf gezogen, ihr einen Strick um den Hals gelegt und anschließend Dinge getan, über die die örtliche Polizei noch schweigt. Später versenkte der ehemalige Friedhofsgärtner die Leiche kopfüber und senkrecht in ein schmales, aber tiefes Loch in der Garage. Er füllte Sand nach und betonierte das Loch zu.

Der Fund legt einen weiteren Verdacht nahe: Die Beseitigung der Leiche, aber auch das Vergraben des Autos direkt vor der Garage dürfte Wichmann kaum ohne Hilfe geschafft haben. Nach Informationen der ZEIT ermittelt die Staatsanwaltschaft inzwischen gegen einen möglichen Mittäter. Er soll damals neben Wichmann Zugang zum geheimen Zimmer gehabt haben.

Sielaff und seine Kollegen haben den Lüneburger Beamten schon vor Jahren eine Liste mit Stellen im Haus zukommen lassen, an denen sich die Suche noch lohnen könnte. Es gibt Wände, deren Standort keinen Sinn ergibt, zugemauerte Hohlräume. Die pensionierten Kriminalisten sind überzeugt, dass die Dimensionen des Falls noch weitaus größer sind.

Zu allen ungelösten Mordfällen hat die ZEIT Fragen an die Ermittler gestellt. Erst nach fünf Monaten und einer Nachfrage beim Innenministerium beantwortete die Polizei Lüneburg die Fragen. Die Ermittlungsverfahren zu den Tötungsdelikten hätten keinen befristeten Bearbeitungszeitraum, im Rahmen der "Cold Case"-Fälle würden Spuren regelmäßig nach dem jeweils aktuellen Stand der forensischen Methoden überprüft, heißt es.

In "einigen Fällen" liege DNA-Material vor, die "Spurenlagen" seien aber nicht öffentlich.