Er hat schon diesen Tunnelblick eines konzentrierten Künstlers, als er die Tür aufstößt, auf der sein Name steht: "Edwin Crossley-Mercer". Seine Solistengarderobe ist schlicht eingerichtet, Spiegel, Klavier, eine Dusche, an der Stange hängen die Kostüme, in die Schuhe haben sie seinen Namen gestickt. Viermal wird er sich im Laufe des Abends umziehen müssen.

Edwin ist ruhig, noch ruhiger als sonst. Gerade war er in der Maske, der Raum war ganz warm von all den Glühlampen an den Spiegeln. Ein bisschen Schminke ins Gesicht, Spray in seine schon grauen Haare. Nun sitzt Edwin allein in der Garderobe, dehnt sich ein wenig, singt sich ein, isst getrocknete Beeren. Er braucht die Energie, mehr als drei Stunden wird er auf der Bühne stehen.

Wie immer vor einer Vorstellung hat Edwin den Tag über geschwiegen, um seine Stimme zu schonen. Er spricht auch jetzt kaum. Langsam zieht er sich das weiße Hemd an, die Hose, das Jackett. Als der Lautsprecher knackt und eine Frauenstimme "Mesdames et Messieurs les solistes", die Solisten, zur Hinterbühne bittet, verabschiedet mich Edwin in den Zuschauerraum. "Toi, toi, toi", sage ich und tue bei der Umarmung so, als würde ich ihm dreimal über die Schulter spucken. Er bedankt sich nicht, das bringt Unglück. Er ist schon wieder in seinem Tunnel. Einen Künstler, der auf die Bühne muss, erkennt man meist an seinem Blick. Er schaut wie ein Blinder, ins Nichts.

Die Opéra Garnier in Paris, dieses prachtvolle, etwas düstere Gebäude mit der berühmten Decke von Marc Chagall, ist an diesem Abend ausverkauft.

Als das Saallicht erlischt, als der Dirigent seine Arme hebt und das Orchester zwei Akkorde setzt, da beginnt die Oboe ihr Solo, die Flöten und Fagotte schalten sich ein, ein großes Getuschel der Streicher, bis plötzlich: pam, pam, pam, pam, Akkorde folgen, die einen fast aus dem Sitz reißen.

Und während sich die Darsteller in einem Halbkreis auf die komplett weiße Bühne stellen, der Dirigent einatmet und Edwin Crossley-Mercer zu singen beginnt, Mozarts Così fan tutte, diese Posse über Treue und Verrat, sitze ich in der ersten Reihe, Platz 39, mein Notizheft auf dem Schoß. Nur ein paar Meter und doch unfassbar weit von Edwin entfernt.

Wir waren zu sechst, drei Männer und drei Frauen. Nach dem Abitur zogen wir los, um Opernsänger zu werden. Wie dieser Traum ausging, weiß ich nur von mir: Ich habe das Gesangsstudium abgebrochen. Zehn Jahre ist das her. Seitdem habe ich mich häufig gefragt, was aus meinen fünf Kollegen geworden ist, die an der Musikhochschule weiterstudiert haben.

Nun habe ich sie wiedergetroffen, in Leipzig, Karlsruhe, Paris und Berlin. Es ist eine Reise rund um die Frage, wovon Erfolg abhängt.

Da war Benedikt Zeitner, Bariton, der so von sich überzeugt war, dass wir uns manchmal fragten, ob er je eine Träne vergoss. Seine Mutter hatte ihm eine große Sängerkarriere prophezeit, zum Üben bekam er eine Eieruhr aufs Klavier gestellt. Er durfte erst aufstehen, wenn sie schrillte.

Da war Ulrike Schwab, Sopran, mit einem berühmten Regisseurvater und einer gefeierten Sängerin als Mutter. Die denkbar beste – und schlechteste – Konstellation.

Patrick Vogel, Tenor, unser Casanova. Man hörte ihn schon auf hundert Meter Entfernung etwas vor sich hin singen, gern warf er sich theatralisch die Haartolle nach hinten. Das wandelnde Sängerklischee.

Maja Lange, Sopran, die ständig zweifelte, wie ich. Mit der ich oft darüber sprach, ob es das alles wert war. Sie wollte es schaffen, aber es fiel ihr schwer, die Konkurrenz auszublenden. So viele andere wollten es auch!

Und Edwin Crossley-Mercer, Bassbariton. Der keine Show machte, der niemandem groß auffiel. Bis er zu singen begann.

Es ist der Tag vor seiner Vorstellung, Edwin und ich sind zum Mittagessen verabredet, in seiner Lieblingsbrasserie in Paris. Unsere Tischnachbarn stoßen mit Wein an. Edwin trinkt nicht. Er trinkt nie, wenn er am nächsten Tag singen muss. Er bestellt ein Wasser und isst gegrillten Lachs mit Gemüse.

"Wie ist es dir ergangen in all den Jahren?", frage ich.

"Ach, eigentlich ganz gut", sagt Edwin und lächelt.

Er war schon damals bescheiden. Keiner, der damit hausieren ging, dass er sein Operndebüt bereits vor seinem Diplom absolvierte: 2006 sang er in Doktor Faust an der Berliner Staatsoper, unter Daniel Barenboim. Seitdem folgten Auftritte in Los Angeles, Wien und München, in Japan, Russland, Chile. Edwin ist, das muss man so sagen, der Star der Klasse geworden.

Heute, mit 35 Jahren, sei er stimmlich da, wo er immer hinwollte, sagt er. Und schiebt gleich einen relativierenden Satz hinterher: "Aber man braucht auch Glück."