Hanna Jacobs, 29, ist Vikarin im niedersächsischen Selsingen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Als ich noch studierte und vom Seminar über den Mensatisch bis zur WG überall und über alles diskutiert wurde, habe ich Augenblicke der Ruhe genossen. In den Semesterferien fuhr ich nach Island oder Sibirien, weil die Stille abgelegener Gegenden einen eigenartigen Reiz auf mich ausübte. Ich genoss es, meinen Gedanken nachzuhängen. Dann zog ich zum Vikariat auf ein niedersächsisches Dorf, und obwohl es ein sehr hübsches Dorf ist und die Infrastruktur viel besser als in der Taiga, wurde ich die Stille nicht mehr los. Mit Ende 20 war ich plötzlich so einsam wie nie zuvor. Ich lebte alleine auf einem Dorf, wo die meisten Einwohner eine große Familie hatten, Freunde und Bekannte in der Nachbarschaft und in Vereinen. Nur ich nicht. Sicher, ich traf fast jeden Tag auf andere Menschen, bei Geburtstagsbesuchen oder im Konfirmandenunterricht, aber immer in meiner Funktion als Vikarin. Außerdem gucken die meisten 80-Jährigen leider keine Reden von Michelle Obama auf Youtube. Darüber konnte ich also nicht mit ihnen reden.

Nach einem fröhlichen Taufgottesdienst kam ich nach Hause in die Stille meiner Wohnung und aß Nudeln auf dem Sofa. Dann ging ich spazieren. Wenn mich mal jemand zum Abendbrot einlud, musste ich mich zurückhalten, nicht ununterbrochen zu reden, so froh war ich, dass mir mal jemand zuhörte. Es ist doppelt unangenehm, einsam zu sein, weil man der Einsamkeit nicht mit Willenskraft entkommen kann, während sie sich langsam im eigenen Leben einnistet. Und weil es peinlich ist, zuzugeben, dass man einsam ist. Besonders, wenn man jung, gesund und einigermaßen sozial kompetent ist. Es fühlt sich ein bisschen an wie eigenverantwortliches Versagen. Wahrscheinlich ist die Einsamkeit deswegen ähnlich tabuisiert. Wenn ich auf die unumgängliche Frage "Wie geht’s dir?" einmal ehrlich antwortete, merkte ich, dass mein Gegenüber ob so viel Offenheit peinlich berührt war und mich mitleidig ansah.

Doch ich konnte mir der Fürbitte vieler Christinnen und Christen gewiss sein, wird doch landauf, landab allsonntäglich für "die Einsamen, Kranken und Trauernden" gebetet. In diesem deprimierenden Dreiklang, der aus einzelnen Menschen mit allerlei verschiedenen Gefühlen sprachlich ein einziges, großes Häufchen Elend machte, wollte ich mich allerdings nicht wiederfinden! Kein Wunder, dass wir selbst in der Kirche viel zu selten eine Kultur des Mitgefühls haben, in der von Alleinsein bis Überforderung alles zur Sprache kommen sollte. Denn traurig und einsam sind immer nur die anderen.

Ich bin mir sicher, ich bin nicht die Einzige. Es gibt die Priester und Pastorinnen, die alleine in ihren riesigen Pfarrhäusern wohnen. Es gibt die junge Ärztin in der neuen Stadt. Den alleinstehenden Elektriker in der Provinz und auch das Paar, dessen Kinder aus dem Haus sind. Es gibt viele, die so viel Stille um sich haben, dass sie zur Last wird. Wir sollten darüber reden. Dann ist es schon mal nicht mehr ganz so leise.