Der Weichgespülte

Rainer Wendt hat eine Lieblingsgeschichte. Sie handelt von ihm selbst, stammt aus dem Jahr 2015 und geht so: Bei einer Sitzung der Bundestagsfraktion von CDU und CSU war Wendt, der Polizeigewerkschafter, als Redner eingeladen. Wendt warb dafür, die Begleitung von Schwertransporten auf Autobahnen zu privatisieren. Ein Polizist könne nur an einer Stelle sein, habe er zu der Bundeskanzlerin gesagt: Entweder er beschützt ein Flüchtlingsheim, oder er zuckelt hinter einem Schwertransport her. Beides gleichzeitig gehe nicht. Deshalb sollten private Sicherheitsfirmen die Lkw begleiten. Und am Ende habe Angela Merkel gesagt, es sei wohl Zeit, das neu zu regeln.

Wendt erzählt diese Geschichte immer wieder, bei öffentlichen Auftritten und beim Bier mit Lokalpolitikern. Und gleich mehrmals im Gespräch mit der ZEIT. Und natürlich fügt er auch immer die Pointe hinzu: Das Gesetz für die Schwertransporte wurde kurz nach seiner Rede geändert. So sieht er das. Die Polizei werde dadurch mehrere Millionen Arbeitsstunden ihrer Beamten sparen, sagt Wendt. Er finde, das sei ein toller Erfolg!

Sein Erfolg.

Menschen, die gern Geschichten erzählen, in denen sie brillieren, brauchen vor allem eines: den Beifall. Die letzten Jahre hatte Rainer Wendt immer genug davon, er gab den Scharfmacher, er redete und redete über die angeblich ausufernde Kriminalität, und immer waren genug Leute da, die ihm applaudierten. Er war es, der den rechten Zeitgeist traf. Doch seit einigen Monaten ist es still um ihn geworden. Seit dem Frühjahr führt er ein Leben praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Es ist ein regnerischer Tag im Juli, ein erstes Treffen mit Wendt, um darüber zu sprechen, wie das alles geschehen konnte, ausgerechnet ihm. Er redet viel, die Worte sprudeln aus ihm heraus, doch man darf nichts zitieren von diesem Anfangsgespräch, das ist die Vereinbarung. Was bleibt, ist ein widersprüchlicher Eindruck: Rainer Wendt kommt zehn Minuten zu früh zum Italiener am Berliner Gendarmenmarkt, er zieht seine hellbraune Lederjacke aus und setzt sich, er bestellt Mozzarella mit Tomaten und ein alkoholfreies Weizen. Alles an ihm wirkt korrekt, er scheint der Inbegriff eines deutschen Beamten zu sein – aber möglicherweise hat genau er das deutsche Beamtenrecht gebrochen.

Ausgerechnet er forderte nach den G20-Krawallen den Rücktritt von Scholz

Rainer Wendt war ein Liebling der deutschen Medien. Als Terroristen im November 2015 Paris angriffen, gab Wendt in den folgenden 48 Stunden 22 Interviews. Sein Büro zählte mit. Als Anis Amri auf dem Berliner Weihnachtsmarkt mordete, riefen ihn die Redakteure des Fernsehsenders N24 beim Essen an und berichteten ihm, was geschehen war. Wendt kam ins Studio. Als ein Jugendlicher im Sommer 2016 in München neun Menschen erschoss, verließ Wendt ein Konzert und fuhr von sich aus los. Erst von unterwegs rief er in der N24-Redaktion an: Er sei auf dem Weg.

Wann immer etwas geschah, Wendt war auf Sendung. Er saß bei Illner, bei Maischberger, bei Lanz, bei hart aber fair. Er sprach über die Silvesternacht in Köln und davon, dass mit den Flüchtlingen "natürlich Verstärkung" für die kriminelle Szene gekommen sei, er forderte eine bessere Ausbildung von Richtern, weil die nicht streng genug bestraften, und verknüpfte den Mord an einer Studentin mit der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. Wendt war Teil der Talkshow-Demokratie, zuständig für die rechte Flanke.

Im vergangenen März berichtete report München, dass Wendt neben seinen Einkünften als Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft jahrelang ein Gehalt als Polizeibeamter bezogen hatte. Obwohl er nicht mehr als solcher tätig war. In der Folge wurde außerdem bekannt, dass Wendt zusätzlich noch eine Entschädigung als Aufsichtsrat bei der Axa-Versicherung erhielt, ohne sie der Polizei als Nebeneinkünfte zu melden. Er habe in den letzten zehn Jahren im Schnitt viereinhalbtausend Euro netto im Monat verdient, sagt Wendt. "Das ist ein sehr gutes Gehalt, aber ist das zu viel?" Es seien auch andere Gewerkschafter freigestellt worden, so wie er, doch nur bei ihm gelte es als Problem.

Wendt versteht nicht, was ihm geschehen ist. Ausgerechnet er, der sich so gern auf Recht und Gesetz beruft, nahm es selbst mit den Regeln nicht so genau. Es geht um Geld, es geht ums Prinzip, und es geht vor allem um die Glaubwürdigkeit.

In der Öffentlichkeit: Sendepause

Nachdem die Vorwürfe gegen ihn bekannt wurden, hat ihn die Selbstgerechtigkeit eingeholt, mit der er zuvor über andere geurteilt hatte. Ein Shitstorm überzog ihn, Journalisten durchwühlten sein Privatleben, selbst Jan Böhmermann widmete ihm einen Song voll Missgunst, danach wurde es einfach nur noch still um Rainer Wendt. Er blieb zwar Vorsitzender seiner Gewerkschaft, doch in der Öffentlichkeit hatte er Sendepause.

Drei Monate später, im Oktober. Das Büro von Rainer Wendt liegt mitten im Zentrum Berlins. Wendt sieht entspannt aus an diesem Montagnachmittag, an dem er zum ersten Mal ausführlich über die vergangenen Monate sprechen will. Er führt an einen einfachen Besprechungstisch, daneben hängt an der Wand ein kleiner Magnet. Darauf steht ein Spruch von Hildegard Knef: "Ich habe ein einfaches Rezept, um fit zu bleiben – ich laufe jeden Tag Amok." Es sei schon sehr ruhig gewesen in den letzten Monaten, erzählt er. Das habe ihm gutgetan. "Ich war vorher immer auf Stand-by, immer verfügbar." Jetzt habe er endlich mal wieder Zeit, programmatisch zu arbeiten, sagt Wendt, Gewerkschaftsarbeit zu erledigen, zu der er vorher nie gekommen sei. Er holt seinen Terminplan vom Schreibtisch. "Die Arbeit als Vorsitzender geht ja normal weiter", sagt er und zeigt die Termine für die laufende Woche. Es ist rührend. Dienstag: Fachtagung in Berlin, den ganzen Tag. Mittwoch: Festakt beim Bayerischen Beamtenbund in München. Donnerstag: Landeshauptvorstandssitzung der Deutschen Polizeigewerkschaft in Ballenstedt, Sachsen-Anhalt. Freitag: Ball der Polizei in Mainz. Das sind für einen Gewerkschaftsfunktionär zweifellos wichtige Termine. Aber ist das der große Auftritt? "Das wird schon wieder", sagt er. 2017 sei eben ein politisches Jahr gewesen. Wegen der vielen Wahlen seien oft nur Politiker in die Fernsehrunden geladen worden. Und keine Polizeigewerkschafter. So sieht er das. "Ich bin da gelassen", sagt er.

Es war beim G20-Gipfel im Juli, als Rainer Wendt einen ersten Versuch wagte, auf die große Bühne zurückzukehren. Er fuhr nach Hamburg, um dort den Einsatz der Polizei zu beobachten. Zuvor hatte er mehreren Redaktionen Bescheid gegeben: Er werde in Hamburg zu Interviews bereitstehen. Der Plan ging auf. Wendt sprach auf N24 und in einem Berliner Lokalradio. Selbst in die Tagesschau wurde er geschaltet. Olaf Scholz, der Hamburger Bürgermeister, trage die Verantwortung für das Chaos, sagte er dort. Und fügte hinzu: "Es ist ja einigermaßen aus der Mode gekommen, dass politische Verantwortung auch Rücktritt bedeutet."

Rainer Wendt will immer wissen, wie er auf andere wirkt. Auf langen Zugfahrten klickt er sich deshalb durch Dutzende Kommentare auf seiner Facebook-Seite und prüft, wie seine Aussagen ankommen. Also bemerkte er, dass sein Auftritt in Hamburg bei vielen für Verwunderung sorgte: Ausgerechnet Wendt? Ausgerechnet Rücktritt? Verstanden habe er das schon, sagt er. Aber es habe ihn nicht beeindruckt. "Ich trete ja nicht auf der Grundlage von Fernsehberichterstattung oder Zeitungen zurück." So ähnlich hatte das Olaf Scholz auch formuliert.

Rainer Wendt betritt den Gasthof in Wetzlar, als ihn eine Frau mit gefärbtem Haar und Hörgerät anspricht. "Hallo, Herr Wendt", sagt sie, "schön, Sie mal zu sehen." – "Schön, dass Sie hier sind", antwortet Wendt. "Na, wegen Ihnen sind wir ja da", sagt die Frau. Wendt lächelt. Er ist an diesem Herbstabend nach Wetzlar gekommen, um bei einer Abendveranstaltung von Pro Polizei Wetzlar zu sprechen, einem Verein, der Spenden sammelt, um die Wetzlarer Polizei zu unterstützen. Im Veranstaltungssaal warten an langen Tischen hundert Neugierige, viele graue Haare, viele Männer. Als Wendt den Raum betritt, stürzt ein Mann in Jankerl und mit Schnauzer auf ihn zu und schüttelt ihm die Hand. Es ist der Vorsitzende des Vereins, Hans-Jürgen Irmer. "Wenn Wendt kommt, ist die Hütte voll", sagt er.

Irmer ist CDU-Politiker und seit vergangenem Herbst Mitglied des Bundestages. Zuvor saß er für die Region um Wetzlar jahrelang im Hessischen Landtag und fiel in der Vergangenheit mit der Behauptung auf, Homosexualität sei "nicht normal", sonst hätte "der Herrgott das mit der Fortpflanzung anders geregelt". Außerdem beklagte er die schleichende Islamisierung Deutschlands. Wendt und er kennen sich schon lange. Wendt soll in Wetzlar einen Vortrag über Linksextremismus halten, am Beispiel der G20-Proteste in Hamburg. So ist es angekündigt.

Und Wendt redet auch über Hamburg. Er spricht darüber, dass die Polizei den Gipfel erfolgreich geschützt habe. Er spricht über die Gewalt im Schanzenviertel, lobt das Urteil des Hamburger Landgerichts, das einen jungen Flaschenwerfer zu mehr als zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt hat, und erzählt, dass die Autonomen bei ihrem Blockade-Training vor dem Gipfel Rainer-Wendt-Masken trugen. Doch Wendt beendet seine Kritik an den Linken und schweift ab, er redet über Gentrifizierung und islamistischen Terrorismus, über Bildung und Rechtsextremismus. Es ist ein Vortrag, der keine Stimmungsmache betreiben will.

Rainer Wendt wechselt die Seiten

Als die Fragerunde eröffnet ist, will ein Mann wissen, was denn rausgekommen sei bei dieser Sache, die durch die Medien ging. Viele der Zuschauer nicken und schauen nach vorn zu Wendt. Der steht am Kopfende der Tische, eingerahmt von den Vorständen des Vereins. Er wisse, dass das gern gefragt wird, sagt Wendt. Doch die Vorgänge seien Gegenstand von Ermittlungen, und deswegen wolle er dazu nichts sagen. Für einen kurzen Moment ist Ruhe im Saal. Dann kommen die nächsten Fragen. Einer sagt, wir brauchen doch nicht über Links- oder Rechtsdeutsche zu reden. Die ganzen Muslime, die den Koran über das Grundgesetz stellen, die seien doch das Problem. Ein anderer meint, der gesamte Linksextremismus werde vom Staat finanziert, das könne man ganz einfach trockenlegen. Neonazis würden doch auch von niemandem bezahlt. Wendt antwortet: Es stimme nicht, dass der Staat diese linke Szene mit Geld unterstütze. Und natürlich, sagt er, gebe es Kriminalität unter Flüchtlingen, genauso wie unter Fußballfans und Rockern auch. Er beginnt einen längeren Vortrag über Fluchtursachen und darüber, wie alles in der internationalen Politik zusammenhänge. "Es kann niemand wollen, dass in Europa nationale Grenzen wiederkommen", sagt er. Da springt ein kräftiger Mann am anderen Ende des Saals auf und brüllt: "Warum denn nicht?" Für einen kurzen Moment wirkt es, als wolle er auf Wendt losgehen. Wendt versucht ihn zu beschwichtigen, doch der Mann ist aufgebracht und beruhigt sich nicht, bis Irmer, der Gastgeber, das Mikrofon nimmt und die Veranstaltung beendet.

Es geschieht etwas Überraschendes an diesem Abend: Rainer Wendt wechselt die Seiten. Die Menschen hier waren gekommen, um einen Ankläger zu sehen. Sie wollten die klaren Botschaften aus den Talkshows hören. Was sie sehen, ist ein Mann, der einordnet, der verteidigt und beschwichtigt. Und am Ende selbst angegriffen wird.

Das Muster wiederholt sich im November, als Wendt bei einer Podiumsdiskussion vor Studenten in Köln auftritt. Dort erklärt er, ihm sei vor zwei Jahren ein Versehen unterlaufen, als er in einem Interview mit dem rechtsverschwörerischen Magazin Compact gesagt habe, die Diskriminierung von Frauen gehöre zu den genetischen Grundbausteinen junger Muslime. In Köln sagt er nun, das mit der Genetik sei "natürlich völliger Unfug". Er habe auf erlerntes Verhalten durch die Erziehung hinweisen wollen.

Im Sommer 2016 veröffentlichte Wendt ein Buch mit dem Titel Deutschland in Gefahr, es wurde zum Bestseller. Darin zeichnet er das Bild eines untergehenden Staates. Hunderttausende Flüchtlinge, schreibt er, kämen nach Deutschland, "die unsere Kultur nicht kennen oder zutiefst verachten". Die Politiker, die "parlamentarischen Besserwisser" und "Vertreter der Willkommenskultur", hätten gut reden. Der Zorn der Menschen wachse täglich. Sie würden es sich "nicht gefallen lassen, im Stich gelassen zu werden, und sich selbst wehren". Für Menschen, denen das gefiel, mussten Abende wie der in Wetzlar eine Enttäuschung werden.

Wendt hatte die Wut der Leute mit seinem Buch angetrieben. Und jetzt, als er vorsichtiger, abwägender wird, bekommt er genau diese Wut zu spüren. Sie überrollt ihn wie die Welle einen Surfer. Der ZEIT sagte Wendt, er denke über eine Strategie nach, mit der er wieder stärker in die Öffentlichkeit dringen könne. Die Diskussionen nach seinen Äußerungen über Bürgermeister Scholz hatten ihm gezeigt, dass es schwer werden würde, so weiterzumachen wie bisher.

Er kommt aus einfachen Verhältnissen. Der Vater hat früh die Familie verlassen und sich später das Leben genommen, da ist Wendt noch ein Kind. Er hat sieben Geschwister, die Familie lebt in Duisburg von Sozialhilfe, die Mutter trägt nachts Zeitungen aus. Im Alter von 16 Jahren wird er Polizist. Mittlerweile hat er selbst fünf Kinder und ist zum dritten Mal verheiratet. Sein Leben ist eine klassische Aufstiegsgeschichte und voller Widersprüche. Er hat es weit nach oben geschafft. Oft wies ihm der Applaus den Weg. Manchmal trug er ihn aus der Kurve. Wendt ist seit 43 Jahren Mitglied der CDU, aber er hat durchaus auch den Beifall der AfD genossen. Er traf sich mit der AfD-Fraktion in Sachsen zu Gesprächen, Frauke Petry lobte ihn öffentlich, vor den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern warb die Partei gegen seinen Willen sogar mit seinem Gesicht.

Ausgerechnet jetzt, da die AfD im Bundestag sitzt, in Österreich ein stramm rechter Vizekanzler regiert, die Populisten so stark sind wie selten, mit all den Themen, die er auch propagiert hat, verabschiedet sich Wendt von den Provokationen. Er steckt in einem Dilemma. Die Affäre um seine Nebeneinkünfte hat ihn geschwächt. Jede seiner Forderungen, jeder Angriff lässt sich leicht kontern. Er ist ein Ankläger ohne Glaubwürdigkeit.

Der Fall Wendt wurde von der Staatsanwaltschaft Düsseldorf untersucht. Sie ermittelte wegen Untreue gegen Unbekannt und stellte die Ermittlungen ein. Wendt war Thema mehrerer Sitzungen im Landtag von NRW. Auch die brachten keine neuen Erkenntisse. Noch immer prüfen Ermittler in einem Disziplinarverfahren, ob Wendt gegen das Beamtengesetz verstoßen hat, als er seine Nebeneinkünfte nicht angab. Sollten sie nichts finden, so sieht Wendt das, ist die Sache geklärt. Dann kann es zurückgehen ins Rampenlicht. Als wäre nichts geschehen.

Sollte es so kommen: Was will er dann tun auf dieser Bühne? Rainer Wendt zieht in seinem Berliner Büro das Jackett aus, krempelt die Ärmel hoch. "Mir fehlt in der öffentlichen Debatte im Moment die Stimme der Polizei", sagt er. Niemand vertrete dort ihre Interessen. Das tue ihm leid für die Kolleginnen und Kollegen. Die Frage ist nur: Geht es ihm wirklich um die Stimme der Polizei oder darum, dass er diese Stimme ist.