Als die Fragerunde eröffnet ist, will ein Mann wissen, was denn rausgekommen sei bei dieser Sache, die durch die Medien ging. Viele der Zuschauer nicken und schauen nach vorn zu Wendt. Der steht am Kopfende der Tische, eingerahmt von den Vorständen des Vereins. Er wisse, dass das gern gefragt wird, sagt Wendt. Doch die Vorgänge seien Gegenstand von Ermittlungen, und deswegen wolle er dazu nichts sagen. Für einen kurzen Moment ist Ruhe im Saal. Dann kommen die nächsten Fragen. Einer sagt, wir brauchen doch nicht über Links- oder Rechtsdeutsche zu reden. Die ganzen Muslime, die den Koran über das Grundgesetz stellen, die seien doch das Problem. Ein anderer meint, der gesamte Linksextremismus werde vom Staat finanziert, das könne man ganz einfach trockenlegen. Neonazis würden doch auch von niemandem bezahlt. Wendt antwortet: Es stimme nicht, dass der Staat diese linke Szene mit Geld unterstütze. Und natürlich, sagt er, gebe es Kriminalität unter Flüchtlingen, genauso wie unter Fußballfans und Rockern auch. Er beginnt einen längeren Vortrag über Fluchtursachen und darüber, wie alles in der internationalen Politik zusammenhänge. "Es kann niemand wollen, dass in Europa nationale Grenzen wiederkommen", sagt er. Da springt ein kräftiger Mann am anderen Ende des Saals auf und brüllt: "Warum denn nicht?" Für einen kurzen Moment wirkt es, als wolle er auf Wendt losgehen. Wendt versucht ihn zu beschwichtigen, doch der Mann ist aufgebracht und beruhigt sich nicht, bis Irmer, der Gastgeber, das Mikrofon nimmt und die Veranstaltung beendet.

Es geschieht etwas Überraschendes an diesem Abend: Rainer Wendt wechselt die Seiten. Die Menschen hier waren gekommen, um einen Ankläger zu sehen. Sie wollten die klaren Botschaften aus den Talkshows hören. Was sie sehen, ist ein Mann, der einordnet, der verteidigt und beschwichtigt. Und am Ende selbst angegriffen wird.

Das Muster wiederholt sich im November, als Wendt bei einer Podiumsdiskussion vor Studenten in Köln auftritt. Dort erklärt er, ihm sei vor zwei Jahren ein Versehen unterlaufen, als er in einem Interview mit dem rechtsverschwörerischen Magazin Compact gesagt habe, die Diskriminierung von Frauen gehöre zu den genetischen Grundbausteinen junger Muslime. In Köln sagt er nun, das mit der Genetik sei "natürlich völliger Unfug". Er habe auf erlerntes Verhalten durch die Erziehung hinweisen wollen.

Im Sommer 2016 veröffentlichte Wendt ein Buch mit dem Titel Deutschland in Gefahr, es wurde zum Bestseller. Darin zeichnet er das Bild eines untergehenden Staates. Hunderttausende Flüchtlinge, schreibt er, kämen nach Deutschland, "die unsere Kultur nicht kennen oder zutiefst verachten". Die Politiker, die "parlamentarischen Besserwisser" und "Vertreter der Willkommenskultur", hätten gut reden. Der Zorn der Menschen wachse täglich. Sie würden es sich "nicht gefallen lassen, im Stich gelassen zu werden, und sich selbst wehren". Für Menschen, denen das gefiel, mussten Abende wie der in Wetzlar eine Enttäuschung werden.

Wendt hatte die Wut der Leute mit seinem Buch angetrieben. Und jetzt, als er vorsichtiger, abwägender wird, bekommt er genau diese Wut zu spüren. Sie überrollt ihn wie die Welle einen Surfer. Der ZEIT sagte Wendt, er denke über eine Strategie nach, mit der er wieder stärker in die Öffentlichkeit dringen könne. Die Diskussionen nach seinen Äußerungen über Bürgermeister Scholz hatten ihm gezeigt, dass es schwer werden würde, so weiterzumachen wie bisher.

Er kommt aus einfachen Verhältnissen. Der Vater hat früh die Familie verlassen und sich später das Leben genommen, da ist Wendt noch ein Kind. Er hat sieben Geschwister, die Familie lebt in Duisburg von Sozialhilfe, die Mutter trägt nachts Zeitungen aus. Im Alter von 16 Jahren wird er Polizist. Mittlerweile hat er selbst fünf Kinder und ist zum dritten Mal verheiratet. Sein Leben ist eine klassische Aufstiegsgeschichte und voller Widersprüche. Er hat es weit nach oben geschafft. Oft wies ihm der Applaus den Weg. Manchmal trug er ihn aus der Kurve. Wendt ist seit 43 Jahren Mitglied der CDU, aber er hat durchaus auch den Beifall der AfD genossen. Er traf sich mit der AfD-Fraktion in Sachsen zu Gesprächen, Frauke Petry lobte ihn öffentlich, vor den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern warb die Partei gegen seinen Willen sogar mit seinem Gesicht.

Ausgerechnet jetzt, da die AfD im Bundestag sitzt, in Österreich ein stramm rechter Vizekanzler regiert, die Populisten so stark sind wie selten, mit all den Themen, die er auch propagiert hat, verabschiedet sich Wendt von den Provokationen. Er steckt in einem Dilemma. Die Affäre um seine Nebeneinkünfte hat ihn geschwächt. Jede seiner Forderungen, jeder Angriff lässt sich leicht kontern. Er ist ein Ankläger ohne Glaubwürdigkeit.

Der Fall Wendt wurde von der Staatsanwaltschaft Düsseldorf untersucht. Sie ermittelte wegen Untreue gegen Unbekannt und stellte die Ermittlungen ein. Wendt war Thema mehrerer Sitzungen im Landtag von NRW. Auch die brachten keine neuen Erkenntisse. Noch immer prüfen Ermittler in einem Disziplinarverfahren, ob Wendt gegen das Beamtengesetz verstoßen hat, als er seine Nebeneinkünfte nicht angab. Sollten sie nichts finden, so sieht Wendt das, ist die Sache geklärt. Dann kann es zurückgehen ins Rampenlicht. Als wäre nichts geschehen.

Sollte es so kommen: Was will er dann tun auf dieser Bühne? Rainer Wendt zieht in seinem Berliner Büro das Jackett aus, krempelt die Ärmel hoch. "Mir fehlt in der öffentlichen Debatte im Moment die Stimme der Polizei", sagt er. Niemand vertrete dort ihre Interessen. Das tue ihm leid für die Kolleginnen und Kollegen. Die Frage ist nur: Geht es ihm wirklich um die Stimme der Polizei oder darum, dass er diese Stimme ist.