Das Leben geht weiter, doch es kommt nicht voran. Das ist ja ein ziemlich trauriger Gedanke, eigentlich noch trübseliger, als wenn das Dasein in der tragischen Katastrophe endet. Man könnte darüber zum Pessimisten werden. Man kann aber auch darüber lachen, denn schließlich geht es allen so. Keiner kann aus seiner Haut heraus, und wenn er sich noch so abzappelt; und ebendarin besteht das, was man so großspurig "das Leben" nennt.

Solches Lachen ist immer das große Thema der Komödie gewesen. Heute, wo das Theater insgesamt an gesellschaftlicher Kraft verloren hat, übernimmt ihre Aufgabe zu großen Teilen der Unterhaltungsroman. Die schiere Menge dieser Literatur belegt, wie groß das Bedürfnis ist, das hier gestillt werden soll. Wenn die meisten Unterhaltungsromane dennoch etwas Unbefriedigendes haben, dann liegt das an ihrem Ton: Sie neigen zum Aufgekratzten, sie drehen die Betriebstemperatur künstlich hoch, damit alle diese Verwicklungen lustiger und rasanter scheinen, als sie in Wirklichkeit sind, das heißt, wenn normale Menschen sie ausbaden müssen.

Das Besondere an Rimini, dem ersten Roman der 1976 geborenen Kinoregisseurin Sonja Heiss, liegt darin, dass er sich für die Schlamassel seiner Figuren die Zeit und Ruhe nimmt, die sie brauchen. Indem er auf den Zeitraffer der übereinanderpurzelnden Ereignisse, Affekte und Dialoge weitgehend verzichtet, lässt er ihnen die Luft, so zu sein, wie sie sind. Der Einzelne trägt schwer genug an dieser Last; sie ist sein wahres Schicksal. Jeder hat ja so recht! Man muss ihm nur zuhören. Lustig ist das nicht, denn Lustigkeit braucht Tempo, und das Buch konstruiert weniger eine Handlung als einen Zustand. Aber seine komischen Seiten hat es durchaus.

Wenn es einer Frau spät einfällt, dass sie unbedingt doch noch ein Kind will, dann ist das bestimmt ein ernstes Problem. 39 Jahre, einen Monat und zwei Tage ist Masha alt, wie der Leser gleich zu Anfang erfährt, und allein schon die Präzision dieser Angabe lässt ahnen, mit welcher Panik sie gegen ihre innere Uhr anlebt. Doch gerade in dem Augenblick, als sie mit ihrem langjährigen Gefährten Georg ein Kind zeugen will (Georg, immer verständnisvoll, erklärt sich sofort bereit), stellt sie entsetzt fest, dass sie ihn plötzlich ganz buchstäblich nicht mehr riechen kann. Wie soll da ein Kind entstehen?

Die beiden sitzen beim Frühstück. Folgende Szene entspinnt sich:

"'Georg, könntest du vielleicht ein bisschen leiser schlucken?'

'Häh?'

'Na ja, das klingt fast wie Würgen. Irgendwie komisch.'

'Unappetitlich?'

'Ja, ein bisschen.'

'Okay.'

Georg war weder zu sensibel noch zu wenig feinfühlig. Er war weder aufbrausend noch phlegmatisch. Georg war in den meisten Dingen, die man im Leben können musste, gut.

'Es kann doch eigentlich nicht sein, dass ich auf einmal anders schlucke als früher', sagte er ruhig.

'Ich weiß nicht. Ich bin so müde. Es tut mir leid.'"

Das scheinbar sinnlose Gespräch spiegelt indirekt und doch sehr wirkungsvoll die Hilflosigkeit Mashas, die mit ihrer Unrast nicht anders kann, als auf den Mann loszugehen, mit dem sie zusammenlebt; sie erkennt, was sie tut und wie paradox es ist, dass sie ihm gerade seine Nettigkeit verübelt. Er hat recht, natürlich; aber sie auf ihre Weise doch auch, wenngleich sie diesem Recht nur den absurdesten Ausdruck zu verleihen vermag. Der Leser fühlt mit beiden, sieht sie von außen und innen zugleich, schmunzelt über sie und ist doch auch bekümmert, denn gerade weil er beide so genau kennenlernt, merkt er: Eine Lösung kann so nicht gefunden werden.

Der Roman hat den großen realistischen Vorzug, dass er sich nicht auf eine Heldin oder ein Paar konzentriert, sondern ein ganzes Geflecht sozialer und familiärer Beziehungen über drei Generationen hinweg ausbreitet. Hans, Bruder der meist arbeitslosen Schauspielerin Masha, kämpft gerade mit den entgegengesetzten Schwierigkeiten: Sein Anwaltsberuf frisst ihn auf, er hat bereits zwei Kinder, Leo und Lou, die ihn aber wegen ihrer ständigen Streiterei nerven, und seine schnippisch-perfekte Gattin Ellen entfremdet sich von ihm mehr und mehr. Auch zwischen ihnen läuft die Kommunikation mitnichten geradlinig ab, lässt aber desto tiefer in ihre Zweisamkeit blicken, wenn sie diskutieren, ob es sich bei der Schmierspur an der Wand der Duschkabine um Sperma handelt (so Ellen) oder um Shampoo (so Hans). Das Buch hat übrigens keinen Mangel an Sexszenen; und sie sind, wie im Genre üblich, das Peinlichste auch an diesem Buch. Aber es ist sozusagen eine Peinlichkeit zweiten Grades: Sie entspringt nicht dem Unvermögen der Autorin, die zur Schau gestellte Liberalität auch literarisch zu gestalten, sondern charakterisiert die Akteure. Gerade dort, wo sie sehnsüchtig über sich selbst hinauswachsen wollen, fallen sie erbarmungslos und erbarmungswürdig an ihre leibliche Bedingtheit zurück.

Und dann gibt es noch die Eltern von Hans und Masha. Barbara und Alexander sind keine Golden Agers, die lautstark und jovial verkünden, sie wollten keinen Seniorenteller, sondern wirklich alt; dabei befinden sie sich noch gar nicht so lang in Rente. Alt sein bedeutet in einer Gesellschaft, die dem weißen Haar als solchem keinen Respekt bezeigt, vor allem eins: keine lohnenden Optionen mehr zu haben. Sie müssen sich endgültig mit dem abfinden, was sie geworden sind. Und so stürzt sich Barbara in ihren Putzfimmel, während Alexander, entgegen allen wohlmeinenden Ratschlägen, sich nicht zu einem Hobby entschließen kann und seine Frau fast wahnsinnig macht, wenn er ihr beim Saubermachen von Zimmer zu Zimmer nachläuft, ja sogar unruhig wird, wenn sie bloß aufs Klo geht. Als er sich dann doch noch ein Hobby zulegt, ist es ein Wellensittich, der den ganzen Tag auf seiner Brille sitzt. Er bringt dem Vogel das Sprechen bei, und so plaudern sie miteinander über die lieblose "Bababa", die sie im Stich lässt. Alexander macht den klugen "Bizzi" zum Komplizen seines kindischen Trotzes. So sieht das Ende des Lebens aus. Bei der Darstellung dieser zwei alten Leute, deren Existenz ins objektiv Aussichtslose läuft, zeigt das Buch seine Qualitäten am unvermischtesten: Es besitzt eine Humanität, die auch am Kümmerlichen Anteil nimmt und deshalb, auch wenn sie von langweiligen Dingen spricht, nicht langweilig wird.

Warum aber heißt das Buch Rimini? Das hat mit der Hochzeitsreise von Barbara und Alexander zu tun, die fast ein halbes Jahrhundert zurückliegt. Wie neu und aufregend damals alles war, diese erste Begegnung mit dem Ausland und dem Süden; wie befangen sie ihrer Hochzeitsnacht entgegenfieberten! Die ging pannenfrei erst über die Bühne, nachdem Barbara heimlich Nachhilfeunterricht bei einem italienischen Kellner genommen hatte. Die kleine Untreue erwies sich als Voraussetzung des sehr viel größeren ehelichen Glücks.

Ja, das Glück! Dass es, sofern überhaupt, nur auf krummen Wegen zu haben ist, das macht es zu einer so seltenen Kostbarkeit. Lachen, das richtige Lachen, hängt eng mit dem Bangen zusammen. Sonja Heiss weiß das und schreibt so, dass auch der Leser es spürt.

Sonja Heiss: Rimini. Roman; Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017; 400 S. 20,– €, als E-Book 16,99 €