Traditionell gilt Silvester nicht nur als der Tag, an dem sich ein Hang zur öffentlichen Ruhestörung ungestraft ausleben darf, sondern auch als ein Tag, der nahelegt, lang aufgeschobene Entschlüsse zu treffen, Geständnisse zu machen oder Erwartungen zu formulieren. Aber warum? Experten der Seelsorge warnen regelmäßig vor den guten Vorsätzen oder Wünschen an das Verhalten anderer, die schon bald nichts als Enttäuschung provozieren über die eigene Trägheit oder mangelnde Kooperationsbereitschaft der Umgebung. Aber augenscheinlich verlangen bestimmte Handlungen und Sätze nach einem äußeren Anlass; möglicherweise weil es ihnen am inneren Kriterium für den rechten Zeitpunkt mangelt?

Und in der Tat liegt hier ein Problem. Wann ist der richtige Zeitpunkt für etwas? Um Pflichten zu erfüllen oder Wünsche vorzutragen, den Schnee zu kehren oder den Rasen zu schneiden, eine Liebeserklärung zu machen oder sich scheiden zu lassen, einen Krieg zu beginnen oder zu beenden, in einer Verhandlung großmütig nachzugeben oder mit einer dreisten Nachforderung zu kommen?

Im Falle des Rasens ist der Moment leicht zu bestimmen: Das Gras muss trocken, darf noch nicht zu lang sein, Ruhestörung sollte vermieden werden. Für den Schnee gilt ebenfalls, dass er noch nicht zu hoch, nicht zu nass sein sollte – im Übrigen formuliert die gesetzliche Verpflichtung zur Wegesicherung eine Dringlichkeit, die gegebenenfalls zwingt, sich über Idealbedingungen hinwegzusetzen. Selbst den Lärm einer Schneefräse muss der Nachbar ertragen. Der Wahl des Zeitpunktes sind hier enge Grenzen gesetzt.

Die Bedingungen für eine erfolgreiche Liebeserklärung

Und im Falle einer Liebeserklärung? Hier wird die Dringlichkeit vielleicht nur subjektiv gefühlt – und nicht einmal das ist ganz sicher, denn es könnte ja sein, dass sie vom Gegenüber ebenfalls empfunden wird, vielleicht sogar ultimativ: "Wenn er/sie nicht bald was sagt, mache ich am Montag Schluss." Dann könnte also, Albtraum aller Verliebten, der rechte Moment verpasst sein. Andererseits könnte er aber auch erst in der Zukunft liegen, weil die geliebte Person gegenwärtig noch durch Stress mit der Mama oder dem Chef abgelenkt ist. In Liebesdingen ist nicht leicht festzustellen, wann etwas schon zu hoch oder noch zu niedrig ist – und worin dieses Etwas in der gegebenen Situation besteht.

Die Unsicherheit kann durchaus panische Züge annehmen. Noch immer legendär in seinem ehemaligen Freundeskreis ist jener Student, der beim Rendezvous in einem Restaurant die Angebetete alle halbe Stunde verließ, um sich auf der Toilette telefonischen Rat beim einen oder anderen Freund zu holen – wie es jetzt weitergehen müsse und was er sagen solle, wenn sie dies oder das formuliere. Natürlich passten die gutmütig gemachten Vorschläge nie. "Ich bin’s wieder, Florian. Sie hat gar nicht das gesagt, was du dir vorgestellt hast, und da konnte ich ihr auch nicht sagen, was du vorgeschlagen hast." – "Hier noch mal Florian. Jetzt habe ich es ihr genau so gesagt, wie du gesagt hast, aber sie labert einfach weiter von ihrem Urlaub." – "Ja, wieder Florian. Jetzt sagt sie gar nichts mehr. Sie guckt nur so komisch."

Gewiss wäre es zu einfach, hier lediglich von einem ungeeigneten Zeitpunkt zu reden. Offenbar fehlten noch einige andere elementare Voraussetzungen, unter anderem eine realistische Einschätzung der Situation und des Gegenübers. Der arme Florian, der sich seinem Liebesglück auf dem Wege wissenschaftlicher Teamarbeit nähern wollte, ähnelte eher einem Forscher, der weder über ein Mikroskop noch über irgendein anderes geeignetes Instrument für die Beobachtung seines Gegenstands verfügt. Wenn man sich aber einmal seine Laborperspektive vorübergehend zu eigen machen will (ungeachtet ihrer Deplatziertheit), wird man zusammenfassend sagen können: Der richtige Zeitpunkt, wofür auch immer, lässt sich nur dann zweifelsfrei bestimmen, wenn erstens die Bedingungen für einen Erfolg klar definiert sind und zweitens kontrollierbar ist, ob diese Bedingungen auch erfüllt sind.

Das Erste, die Bedingungen für eine erfolgreiche Liebeserklärung, lässt sich vielleicht noch formulieren (erwiderte Neigung, ein offenes Ohr), aber es lässt sich schon nicht mehr mit wissenschaftlicher Gewissheit ermitteln, ob sie auch vorliegen. Den Rasen kann man unsicherstenfalls mit dem Zollstock messen, aber die erotische Spannung? Hier hilft nur die Intuition, und wenn die versagt, ist ohnehin alles verloren – sollte man sich jedenfalls sagen.