Neulich machte ich mich wieder einmal auf den Weg in meine Lieblingsdiskothek, um dort zu tanzen. Es war eine leidlich erträgliche, noch nicht allzu kalte Nacht im späten November; etwa gegen vier Uhr erreichte ich den Club. Vor der Tür harrte eine lange Schlange von sehr jungen, gut und knapp angezogenen Menschen des Einlasses, sie schienen vor Ekstaseerwartung und -bereitschaft nachgerade zu dampfen. An der Tür wachten drei Türsteher, aber da ich bereits ein alter Mann bin und sie zu meinen Generationsgenossen zählen, kennen wir uns schon sehr lange und befanden uns mithin auf vertrautem Fuß. Sie winkten mich zu sich heran, und bevor ich in den Club ging, plauderten wir, während die jungen Leute hinter uns in der Morgenkühle mit den Zähnen klapperten, noch ein wenig über unsere altersbedingten Wehwehchen. Einer von den Türstehern wusste zu berichten, dass er durch das lange Türstehen chronische Rückenbeschwerden bekommen hat. Ein anderer litt unter altersbedingter Kurzatmigkeit und aktuell auch unter einem leichten Infekt, weswegen er auf seinem Türsteherhöckerchen zwischenzeitig schon eingenickt war. Der dritte klagte über zunehmende Harthörigkeit – ein Leiden, das ich teile. Denn wenn man wie ich knapp vier Jahrzehnte bei lauten Konzerten und in sehr lauten Techno- und sonstigen Clubs zugebracht hat, dann nimmt die Leistungsfähigkeit des Trommelfells irgendwann zwangsläufig ab. In meinem Freundeskreis sind ausziehbare Hörrohre aus Ebonit zu beliebten Geburtstagsgeschenken und Statussymbolen geworden, und manchmal muss auch ich, bevor ich mich zum Tanzen begebe, auf die verhärtete Rückenmuskulatur ein Wärmepflaster aufbringen.

Ja, das Alter hat seine Kehrseiten, dachte ich mir, nachdem ich mit den drei Türstehern hinreichend die Erschlaffung des Körpers und der Organe beklagt hatte und schließlich an ihnen vorbei in das Dunkel des Clubs und zur Tanzfläche hinaufgehuscht war. Aber so schlimm, dachte ich, als ich dort angekommen war, ist es mit dem Alter dann auch wieder nicht – wenn man, wie ich, auch jenseits der Lebensmitte, mit gut 50 Lenzen, immer noch an Orten wie diesem für ein paar Stunden oder vielleicht Tage aus der sonstigen Realität zu verschwinden vermag, im Dunkel einer Tanzfläche, zwischen vielen unbekannten und ein paar bekannten Menschen, zwischen im Takt wogenden Körpern, die sich – wenn der oder die DJ einen guten Job macht – für ein paar glückliche, euphorische Momente zu einer Gemeinschaft zusammenfinden, die nicht auf Kontrolle und Gleichschaltung gründet, sondern auf dem flüchtigen Glück eines zwanglosen Miteinanders. So war es auch in dieser Nacht, ich vergaß meine körperlichen Gebrechen und verschwand für ein paar Stunden, bis zum Abend des folgenden Tages – oder war es bereits der Morgen des übernächsten? –, zwischen den tanzenden Menschen und bewegte mich zu minimalistischen Beats und ließ meinen Körper von warm kribbelnden Bässen massieren, und wenn ich zu erschöpft war, um weiterzutanzen, flanierte ich ein wenig zwischen den tanzenden, sitzenden, liegenden, küssenden Menschen umher, und dann tanzte ich wieder und tanzte weiter, und hinterher fühlte ich mich vollständig erschöpft und erfrischt.

Denn gerade wenn man sich nicht mehr unter den Allerjüngsten befindet, ist das Geschenk, das einem eine durchtanzte Nacht zu geben vermag, sehr kostbar: Es handelt sich um das Geschenk der Zeit. Wer wahrhaftig, widerstands- und vorbehaltlos in den Flow eines langen Techno-Sets taucht, in die endlose Wiederholung der rhythmischen Muster und des kunstvoll-unmerklichen Ineinanderfügens von Tracks, der verlässt wenigstens für diesen Moment die Chronologie der vergehenden Zeit und mithin den Horizont der Vergänglichkeit. Der vergisst die Zeit außerhalb des Clubs und die Regeln und Strukturen, denen man diese Zeit unterwirft. Darum ist die Überraschung so schön, wenn man nach langem Tanzen im dunklen Club wieder ins Freie tritt und dort auf eine völlig andere Tageszeit trifft, als man eigentlich erwartet hatte: "Oh, schon wieder hell."

Je weniger Zeit man im Leben noch hat, desto stärker sollte man solche Zeitgeschenke zu schätzen wissen. Tatsächlich tanzen in den Diskotheken, die ich besuche, neben den vielen jungen Menschen auch viele alte, und zwar einträchtig und ohne Generationenproblem. Denn an der Schwelle zu einem guten Club streift man ja nicht nur seine Alltagsidentität ab, sondern mit dieser auch die Identität, die das Alter verleiht. So stark ist die egalisierende Kraft der elektronischen Beats: Unter ihrer Regentschaft sind alle gleich. Darum ist eine gute Tanzfläche immer auch ein utopischer Ort. Dennoch stoße ich mit der Bekundung, meine Wochenenden gerne einmal dort zu verbringen, bei vielen gleichaltrigen Menschen auf Unverständnis, selbst in urbanen Milieus, denen man ja gemeinhin eine gewisse Entgrenzung der Jugendphase nachsagt. Man runzelt die Stirn über mein "nicht altersgerechtes" Verhalten, ganz ähnlich wie es der geschätzte Kollege Gero von Randow getan hat, als er sich vor ein paar Wochen an dieser Stelle über jene "Altersgenossen" mokierte, die den "peinlichen" Eindruck erweckten, "sie wollten die Zeit zwischen Tretroller und Rollator auf null verringern". Im persönlichen Gespräch wird das Befremden meist in ein kokettes Bedauern der eigenen Langweiligkeit gekleidet: "Ach, früher bin ich auch gerne mal tanzen gegangen", heißt es dann, "aber heute ist dazu keine Zeit mehr, wir fahren ja am Wochenende immer auf unsere Datsche", oder "Ich steh am Sonntagmorgen immer mit den Kindern auf dem Hockeyplatz, da geht das dann nicht", oder "Ich würde ja gerne, aber ich weiß gar nicht mehr, wo man so hingeht", oder "Ich weiß gar nicht mehr, was man für Musik hört", oder "Das ist immer so spät, da bin ich zu müde", oder "Diese körperliche Kondition, die hab ich einfach nicht mehr".

Aber das sind natürlich alles Ausreden: Wer sich die Zeit zum Tanzen nehmen möchte, der findet sie auch; und wenn man nicht mehr die Kondition eines Zwanzigjährigen besitzt, kann man sein Verhalten entsprechend anpassen. Ältere Clubgänger wie ich bevorzugen einfach andere Ausgehzeiten als die jungen – wir kommen meistens nicht in der Samstagnacht, sondern erst wenn die Party schon einen halben oder Dreivierteltag dauert, also gut ausgeschlafen am Sonntagnachmittag oder am Sonntagabend. Wobei es übrigens nichts Schöneres gibt, als an einem sonnigen Sonntagnachmittag nach einem ausgiebigen Frühstück und einem Spaziergang durch den Park einen Club zu betreten, in dem eine Horde enthemmter Tänzerinnen und Tänzer schon seit Stunden der Enthemmung frönt, verschwitzt und zuckend, von Nebel umwabert und von Stroboskopen geblendet – eine Szene, die auf den noch nüchternen, wachen und frischen Betrachter ebenso befremdlich wirken kann wie gerade deswegen auch ziemlich geil.

Warum haben ältere Menschen also Scheu vor dem Tanzen? Weil sie Angst davor haben, etwas gesellschaftlich Unangemessenes zu tun. Sie wollen nicht zu jenen peinlichen Alten gehören, über die Gero von Randow schrieb, dass "der Jugendwahn" sie am Ende doch nur "unglücklich" mache. Er selbst habe sich darum entschlossen, keine "Musik für junge Leute" mehr zu hören, sondern nur noch Musik von Menschen, die so alt sind wie er. Diese Einstellung ist mir gut vertraut: Mein Vater, Jahrgang 1925, ist in seiner Jugend mit Militärmarschmusik und Liedern von Zarah Leander sozialisiert worden, und auch er lässt bis auf den heutigen Tag daneben wenig anderes gelten. Als ich mich in meiner Jugend in den siebziger Jahren für Boney M. und Donna Summer zu begeistern begann, kam es am Abendbrottisch zu intensiven und oft auch äußerst unerfreulichen Auseinandersetzungen über die Frage, ob dieses "englische Herumgejaule" sich noch als Musik betrachten lasse und ob es nicht angebracht sei, mein Taschengeld zu kürzen, wenn ich es ohnehin nur für derlei Unfug verplempere.

Man könnte auch sagen: Im Sinne von Gero von Randow war der Dualismus zwischen Alt und Jung bei meinem Vater und mir noch intakt. Ob die Gesellschaft darum eine bessere war und wir weniger unglücklich waren als die Menschen von heute, wage ich zu bezweifeln. Mag sein, dass der "Jugendwahn" manchmal bizarre Blüten treibt. Aber betrüblicher scheinen mir immer noch alle Formen des frühen Alterns zu sein, das Verharren in Meinungen und kulturellen Gepflogenheiten, die am Ende der Jugendzeit erworben wurden; das widerstandslose Einfinden in "altersgerechte" Rollenmodelle; das einfache Sich-Beugen unter die Konvention dessen, was als "angemessen" gilt und was als "peinlich". Ist es nicht wesentlich peinlicher, wenn die unreflektierte Adaption des angeblich Altersgerechten dann auch noch als selbstgefällige Rechtfertigung dafür dient, an der Gegenwart der Welt nicht mehr teilnehmen zu müssen? Denn wer die Musik der Gegenwart nicht mehr kennt, kennt auch die ganze Gegenwart nicht; da verhält es sich mit der musikalischen Kenntnis nicht anders als mit jener der Literatur.

Es ist zunächst und zuletzt doch ein Glück, dass die Grenzen zwischen Jung und Alt heute nicht mehr so unüberwindlich sind wie in der Generation unserer Eltern. Dass sich der Horizont der eigenen Biografie nicht schon mit 30 geschlossen hat und man sich nicht – sagen wir einmal – zwischen dem familiären Zusammenleben mit Kindern und dem Genießen eines gelungenen Raves zu entscheiden hat. Dass man eben nicht mit 30 Jahren für immer in den ideellen und ganz konkreten Vorort-Reihenhaussiedlungen der Welt verschwinden muss, sondern gelegentlich wieder daraus hervorschauen kann, um an Orten zu verschwinden, an denen das Verschwinden nicht vorgegebenen Ideen von "Angemessenheit" folgt, sondern der Sehnsucht nach Autonomie und Euphorie. Nur wenn man sich, wenigstens manchmal, der Chronologie des verrinnenden Lebens entzieht und weiß, wo man die Epiphanien des reinen Jetzt findet, wird man im Alter nicht engstirnig und bitter sein. Nur wer die utopischen Momente noch kennt, in denen man glaubt, niemals sterben zu müssen, kann auch im Licht der gleichmäßig dahintreibenden Tage die Schönheit des Immer-noch-da-Seins erkennen: Oh, schon wieder hell.