Das utopische Denken wurde schon oft beerdigt. Die Nachrufe waren noch jedes Mal verfrüht. Solange es Menschen gibt, die eine Gesellschaft ohne Gewalt, Ungerechtigkeit, Arbeitsfron und Naturzerstörung für möglich halten und sich aufgrund der Diskrepanz zwischen dem Wirklichen und dem Möglichen empören, werden sie Utopien ausmalen. Idealvorstellungen eines guten Zusammenlebens also.

Könnte es indes sein, dass uns die utopischen Ideen ausgehen? Denkbar ist es ja, dass ihre Menge endlich ist. Jedenfalls wurde nach der kommunistischen Utopie keine weitere mehr entworfen (allerdings: Was sind schon 100 oder 150 Jahre in einer Geschichte, die bis auf Platos Utopie vom idealen Staat zurückgeht?). Vielleicht stellt sich dieser Eindruck auch deshalb ein, weil die meisten Utopien um das gleiche Thema kreisen: die Begrenzung, Definition oder gar Abschaffung des Privateigentums. Das kann auch gar nicht anders sein, denn die Art und Weise, wie Eigentumsrechte geregelt und ausgeübt werden, zählt seit vielen Jahrhunderten – und bis heute! – zu den Grundübeln der Zivilisation. Wer einen utopischen Entwurf wagt, kommt an dieser Frage nicht vorbei.

Die weitestreichende Innovation des utopischen Denkens stammt aus der Zeit unmittelbar vor der Französischen Revolution. Ursprünglich waren Utopien unerreichbare Orte im Raum, wie zum Beispiel die Insel Atlantis. Im Jahr 1771 dann veröffentlichte der Pariser Schriftsteller Louis-Sébastien Mercier seinen Roman Das Jahr 2440, mit dem er die Utopie an den Zeitstrahl knüpfte. Nun konnte sie zum Ziel politischen Handelns werden oder, wie der österreichische Ökonom und Sozialist Otto Neurath 1919 schrieb, zur "gesellschaftstechnischen Konstruktion". Neurath war davon überzeugt, "dass ein gewaltiger Teil unserer Lebensordnung zielbewusst geformt werden kann, dass insbesondere Verbrauch und Erzeugung mengenmäßig bestimmt und geregelt werden können, selbst wenn wir Sitte, Religion und Liebe zunächst gesellschaftstechnisch noch nicht beherrschen können oder wollen" – nur gut, dass ihm dieses "wollen" am Schluss noch eingefallen ist.

Solches Denken darf man Machbarkeitswahn nennen. Die Fünfjahrespläne der untergegangenen sozialistischen Welt waren sein grotesker Ausdruck. Fairerweise muss eingeräumt werden, dass Symptome dieses Wahns gegenwärtig auch in Finanzinstitutionen, Technologiekonzernen oder militärischen Führungsstäben epidemisch sind.

Der Umstand, dass viele Utopien Aufsichts- und Strafsysteme vorsehen, mit denen die Einhaltung ihrer Gesetze erzwungen werden soll, unterscheidet sie ebenfalls nicht prinzipiell von heutigen Systemen wirtschaftlichen und staatlichen Zwangs. Allerdings hat das 20. Jahrhundert gezeigt, dass Utopien eine offene ethische Flanke haben: Für den Utopisten ist die Gegenwart weniger wert als die Zukunft. Da liegt die Versuchung nahe, diesen Gedanken auch auf den gegenwärtigen Menschen auszudehnen. So dachten Lenin, Guevara und Mao: Wer gegen ihre Revolution war, war weniger wert.

So unpolitisch, wie es ihm vorgeworfen wird, ist das utopische Denken nicht

Längst nicht alle Utopisten sind dieser Versuchung erlegen. Im Gegenteil, seit je gibt es eine Strömung im utopischen Denken, der zufolge bereits die gegenwärtige Praxis Züge des Zukünftigen annehmen soll. Im Jahr 1969 etwa forderte der Sozialphilosoph Herbert Marcuse, Vaterfigur rebellierender Studenten, "daß die Freude an der Freiheit und das Bedürfnis, frei zu sein, der Befreiung vorangehen müssen" (eine Forderung, die von den Organisationen der sogenannten Neuen Linken dann leider nicht eingelöst wurde).

Insbesondere in den vergangenen zwei Jahrhunderten sind in diesem Sinne immer wieder Gemeinschaften gegründet worden: Handwerkerkollektive, Landkommunen und vieles mehr. Das setzt sich bis heute fort, namentlich in Südeuropa. Derartige Gemeinschaften kennen Phasen des Aufstiegs und des Zerfalls, doch das ist kein Anlass zur Häme, wenn man an das vergleichbare Schicksal kapitalistischer Unternehmen denkt.