Dieses Gespräch liegt in einer Langfassung vor

Eminenz, darf ich fragen, wie Sie Heiligabend gefeiert haben?

Gerhard Ludwig Müller: Am Heiligen Abend war ich natürlich in St. Peter. Ansonsten haben wir in der Hausgemeinschaft das Evangelium von der Geburt Christi gelesen, gebetet und Weihnachtslieder gesungen in guter deutscher Tradition.

ZEIT: Haben Sie auch selber gepredigt?

Müller: Seit Jahren bin ich am zweiten Weihnachtstag in Rom zur Messfeier mit einer deutschen Gemeinde im Campo Santo Teutonico eingeladen. Das Predigtthema ist an diesem Tag das Martyrium des heiligen Stephanus, des ersten Märtyrers in der Geschichte der Kirche. Weihnachten ist nicht nur Romantik und Stimmung, sondern auch Hinweis auf das kommende Kreuz Christi, der jetzt als neugeborenes Kind in der Krippe liegt.

ZEIT: Kurz vor Weihnachten hielt der Papst der Kurie wieder eine Gardinenpredigt. Darin lobte er zwar seine treuen Mitarbeiter und erklärte den tieferen Sinn der Kurienreform, geißelte aber auch deren Gegner, vor allem solche, "die sich zu Märtyrern erklären, wenn sie sanft aus dem System entfernt werden". – Das wurde sogleich auf Sie bezogen. Fühlten Sie sich gemeint?

Müller: Bestimmt nicht. Denn ich habe mich weder zum Märtyrer erklärt, noch wurde ich "sanft" aus – welchem oder wessen? – "System" entfernt. Märtyrer wird ein Christ durch den Beistand des Heiligen Geistes und nicht, weil er sich selbst dazu erklärt. Ich gehöre aufgrund der Taufe und Firmung zur Kirche Jesu Christi und nicht zu irgendeinem von Menschen gemachten System.

ZEIT: Sie sollen nach der Mitteilung des Papstes, dass er Ihre Amtszeit nicht verlängern werde, den Stil seines Vorgehens kritisiert haben. Stimmt das?

Müller: Es ging nicht um mich. Ich hatte mich aber schützend vor drei der besten Mitarbeiter meiner Kongregation gestellt, die ohne Angabe von Gründen fristlos entlassen worden waren. Wenn das als ungehörig oder unklug interpretiert wird, sei’s drum. Ich bin Priester und kein Höfling. Basta!

ZEIT: Franziskus warnte in seiner Weihnachtsansprache an die Kurie auch vor Intrigen. Richtig so?

Müller: Ich weiß nicht, ob von Tatsachen oder von Abstraktionen die Rede war. Auf jeden Fall sind Intrigen und Komplotte mit der Berufsehre eines Geistlichen unvereinbar.

ZEIT: Manche Kurienmitarbeiter finden es unbarmherzig, dass der Papst sie vor Weihnachten schurigelte. Wie fanden Sie die Rede?

Müller: Wer bin ich, um alles zu kommentieren? Auf keinen Fall möchte ich in der deutschen Presse zu einem Kontrahenten des Papstes stilisiert werden! Ich war zugegen und habe den Wunsch des Papstes nicht vergessen, für ihn zu beten.

ZEIT: Waren Sie überrascht, als Franziskus nach Ablauf Ihrer fünfjährigen Amtszeit im Juli diese nicht nochmals verlängerte?

Müller: Ja, da weder objektive noch subjektive Gründe genannt wurden.

ZEIT: Gibt es trotzdem etwas, was sie mit diesem Amt erleichtert hinter sich lassen?

Müller: Es kommt in einem solchen Amt nicht auf persönliche Befindlichkeiten an, sondern auf die Erfüllung der Amtspflichten. Ob angenehm oder nicht, ich habe die Kongregation geleitet im Geiste des Dienstes für das Lehramt des Papstes.

ZEIT: Sie stammen aus Mainz, waren lange Bischof von Regensburg. Sind Sie nun wieder mehr in Deutschland als in Rom?

Müller: Als Kardinal in Rom habe ich weiterhin weltkirchliche Verantwortung. Ich gehöre dem Kardinalskollegium an, dem Senat des Papstes, und bin aktives Mitglied in mehreren Kongregationen der Kurie. Außerdem erhalte ich mehr Einladungen aus der ganzen Welt, als ich bewältigen kann. Trotzdem: Deutschland bleibt meine Heimat mit den meisten verwandtschaftlichen und freundschaftlichen Verbindungen.