Am 3. Oktober hat die Reichsleitung in Berlin eine Note an US-Präsident Woodrow Wilson gesandt, man hofft auf einen Verständigungsfrieden. Die erste Antwort bleibt noch etwas vage; spätestens die dritte am 23. Oktober fällt eindeutig aus: Frieden nur gegen Abdankung des Kaisers. "Der soll was erleben!", ruft Wilhelm wutentbrannt.

Der neue von S. M. eingesetzte Reichskanzler, Max von Baden, will verhandeln. Badens Kronprinz aus dem tausendjährigen Geschlecht der Zähringer, ebenso ehrgeizig wie neurasthenisch, ebenso selbstbewusst wie überfordert, versucht es allen recht zu machen: den Reichstagsfraktionen, der Obersten Heeresleitung in Spa, dem Kaiser. Prinz Max taumelt von Nervenkrise zu Nervenkrise, dazwischen zwingt ihn die Grippe danieder, die in jenen Herbsttagen grassiert und in Deutschland Zigtausende tötet.

Ludendorff ist umgeschwenkt. Vielleicht sei die Lage gar nicht so aussichtslos wie von ihm selber eben noch dargestellt, das Heer könne durchaus weiterkämpfen. Alle sind konsterniert. Am Ende ist der cholerische General gezwungen, seinen Abschied zu nehmen. Was ihm so schwer nicht fällt, hat er die Verantwortung doch jetzt endgültig der Reichsleitung zugeschoben.

Und der Kaiser? Wann geht auch er? Der Frieden ist in Sicht. Der Frieden, das heißt die Kapitulation: Am 6. November beginnen in Compiègne bei Paris die Waffenstillstandsverhandlungen, fünf Tage später wird das große Morden zu Ende sein.

Wilhelm weiß, dass ihm nur noch eine Option bleibt: seine Armee. Sie muss ihn schützen. Sie muss ihn retten. Zugleich wird die ganze Familie in die Pflicht genommen. Wenn er abtrete, dürfe der Kronprinz nicht bleiben, eine Regentschaft komme nicht infrage. Schon am Abend des 29. Oktober hat Wilhelm in aller Stille Potsdam verlassen, in Richtung Spa. Am Bahnhof drückt ihm die Kaiserin zum Abschied eine Rose in die Hand.

Aus Wien, vom Verbündeten, ist nichts mehr zu erwarten: Das Haus Habsburg versinkt im Nichts, Kaiser Karl klammert sich verzweifelt an den Thron. Da fällt in Deutschland die erste Krone, im Herzen des Reiches, im Herzogtum Braunschweig.

Am Vormittag des 8. November wogt vor dem Stadtschloss eine riesige Menschenmenge, die Wache ist bereits verschwunden. Noch zögern die Demonstranten. Schließlich stürmt eine Abordnung des örtlichen Arbeiter- und Soldatenrats durchs hohe Portal in die Säle und überreicht dem Herzog die Papiere. Der junge Welfe, Schwiegersohn des Kaisers, braucht nur zwanzig Minuten Bedenkzeit. Dann unterzeichnet er: "Ich, Ernst August, Herzog von Braunschweig und Lüneburg, erkläre, daß ich für mich und meine Nachkommen auf den Thron verzichte und die Regierung in die Hände des Arbeiter- und Soldatenrates lege." Vom Dach des Schlosses flattert die rote Fahne.

Zur selben Zeit trifft es die Wittelsbacher in München. Ihre Abwehrkräfte sind bereits geschwächt. Das monarchische Tableau dort zeigt sich seit Jahrzehnten merklich derangiert. Ein geistesverwirrter Souverän folgte auf den anderen. Nach dem Tod des viel geliebten, wiewohl kinderlos gebliebenen Märchenkönigs Ludwig II. unter opaken Umständen im Starnberger See hatte man seinen Bruder und Nachfolger Otto I. wegen pathologischer "Schwermut" gleich weggesperrt.