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Es war wie im Film: 15. Juli 2016, 21.52 Uhr. Die Stunde, in der die ganze Türkei vor dem Fernseher saß und sich fragte: "Was geht da vor sich?" Soldaten sperrten die Bosporusbrücke. Die Schutzpolizisten der Brücke wurden abgeführt. Der Polizeipräsident ordnete an, die Waffen nicht abzugeben, und schickte Einsatzkräfte. Um 23.50 Uhr schossen auf der Brücke die beiden bewaffneten Truppen des Staats aufeinander.

Gleichzeitig war in Ankara der Chef des Generalstabs von Putschisten als Geisel genommen worden. Gegen die Sondereinsatzzentrale der Polizei lief ein Luftangriff. Um 0.24 Uhr, neun Minuten nachdem Putschisten im besetzten staatlichen Fernsehen ein Kommuniqué verlesen hatten, rief Erdoğan auf CNN Türk live das Volk gegen die Rebellion auf die Straße. 16 Minuten nach diesem auch von den Moscheen verbreiteten Aufruf marschierte eine Gruppe Zivilisten gegen die Soldaten auf der Bosporusbrücke. Nun standen sich unbewaffnete Zivilisten und bewaffnete Soldaten gegenüber. Da erging der Befehl: "Feuer!"

Die Soldaten schossen auf die Menge. Im Nu verwandelte sich die "Perle des Bosporus" in ein blutiges Halsband.

Als sich morgens um 6.15 Uhr die Soldaten ergaben, lagen 34 Tote am Boden, 32 Zivilisten und zwei Polizisten. Damit war die Tragödie nicht beendet. Jetzt gingen Zivilisten zum Gegenangriff über: Aufgebrachte Gruppen lynchten die Soldaten, die sich ergeben hatten und nun wehrlos waren. Die meisten schlugen sie halbtot, einem schnitten sie die Kehle durch. Bei Tagesanbruch war ein Blutbad angerichtet.

Die Putschisten, verantwortlich für den Tod von 248 Menschen innerhalb von 48 Stunden, stehen derzeit vor Gericht wegen des Vorwurfs, auf Anweisung von Fethullah Gülen versucht zu haben, die Regierung zu stürzen. Aber auch die Familien der gelynchten Soldaten suchen Gerechtigkeit. Ein vergangene Woche von der türkischen Regierung erlassenes Dekret löste dazu eine große Debatte aus. Es spricht "Personen, die im Rahmen der Niederschlagung des Putschversuchs und in diesem Zusammenhang nachfolgender Ereignisse handelten", von strafrechtlicher Verantwortung frei. Damit sind die damals am Lynchen beteiligten Zivilisten amnestiert.

Geht es aber nur um jenen Tag? Das ist die heikle Frage. Denn die Formulierung "in diesem Zusammenhang nachfolgende Ereignisse" ist eine Drohung gegen alle, die sich künftig gegen die Regierung stellen. Die Botschaft lautet: "Ihr habt keine Strafe zu fürchten, wenn ihr auf Rebellen schießt." Auch den Angehörigen der befehlstreuen Soldaten, die gelyncht wurden, als sie sich schließlich ergaben, ist mit dem Dekret die Möglichkeit genommen, Rechenschaft zu fordern.

Die Regierung ließ zwar verlauten, das Dekret beschränke sich auf den 15. und 16. Juli, tat aber nichts, um die Uneindeutigkeit des Paragrafen zu klären. Dadurch wurde die These gestärkt, Erdoğan rüste Milizen zur Abwehr gegen einen potenziellen Aufstand gegen sich. Greift künftig jemand Palastkritiker an, reicht es, wenn er zu seiner Verteidigung erklärt: "Das war ein Putschist, ich habe ihn getötet." Ist das nicht ein Paragraf zum Nutzen jedes Diktators?

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe