Meine neue Nachbarin ist mir unheimlich. Hinter einem Schaufenster sitzt sie nachts im Schein der Schreibtischlampe und wartet auf den Tod.

Ich habe in Häusern gewohnt, in denen unten ein Kiosk war, eine Bäckerei, eine Kneipe. Das war ganz praktisch, das war sogar recht nett. Ich war bald mit den Besitzern per Du, manchmal, am Monatsende, ließ ich anschreiben, "dann zahlst du halt nächstes Mal, kein Problem". Bei der Frau, die jetzt nebenan ihr Gewerbe betreibt, ist das schlechterdings nicht möglich. Ich will auch nicht mit ihr per Du sein, am besten gar nicht erst mit ihr ins Geschäft kommen.

Bestattungen Marschner, steht an ihrem Schaufenster. Rund um die Uhr erreichbar.

Tagsüber verschwindet das Institut hinter den wuchtigen Fahrradanhängern, die die Eltern davor geparkt haben, um im angrenzenden Café zu rasten. Die Kleinen halten derweil ein Schläfchen, ihre Beine zucken wie bei Hunden, die vom Jagen träumen. Gleich in der Nähe befindet sich ein beliebter Spielplatz mit der, wie es heißt, steilsten Rutsche Berlins. Ich mag das Gekreisch und Geplapper an diesem Ort. Wenn ich die Augen schließe, wähne ich mich an einem Strand, im schönsten aller Leben.

Nachts aber wirken die Buchstaben auf dem erleuchteten Schaufenster besonders schwarz: Bestattungen Marschner. Ein Menetekel. Als stünde dort: "Memento mori. Bedenke, dass du sterben musst."

Wenn ich spät von der Arbeit nach Hause komme, bin ich in einem sentimentalen Zustand zwischen Wachheit und Schlaf und sehr empfänglich für solche Signale. Bestattungen Marschner will, denke ich dann, dass ich mein Leben ändere. Dass mir klar wird, wie schnell es vorbei sein kann, mit mir und auch mit meinen Lieben. Manchmal bleibe ich noch eine Weile auf der Bank vorm Haus sitzen und frage mich, wie ich zufriedener oder immerhin weniger unzufrieden werden könnte, gesünder oder weniger krank, liebenswürdiger oder weniger schroff. Manchmal mache ich einen Umweg, um ja nicht an diesem aufwühlenden Schaufenster vorbeizukommen. Es hilft natürlich nichts.

In dem Kinderbuch Ente, Tod und Tulpe von Wolf Erlbruch, das bei uns zu Hause im Regal steht, merkt die liebe, dumme Ente irgendwann, dass sie nicht allein ist an ihrem Teich: Das Ufer entlang schreitet ein Männlein mit Totenkopf, die Arme hinterm Rücken. Sie fühlt sich unwohl, beobachtet und stellt es zur Rede. "Ich bin schon in deiner Nähe, solange du lebst", sagt das Männlein. "Nur für den Fall."

Ich ahne jetzt, wie es dieser Ente ergeht. Ich laufe nicht mehr allein die Straße hinunter, heim zur Wohnung. Da ist immer auch Frau Marschner, die auf mich wartet. Nur für den Fall.

In ihrem Schaufenster stehen ein Sarg und ein paar Urnen, die letzte Auswahl. Ich habe sie immer nur von fern gesehen, ihre Beine am Ende eines langen, dunklen Flurs, übereinandergeschlagen, beinah verknotet. Und wie sie raucht, feine hellblaue Schwaden steigen auf im Schein der Schreibtischlampe. Was macht sie da die ganze Nacht? Liest sie Montaigne? "Ich habe nichts dagegen", schrieb der, "dass der Tod mich bei der Gartenarbeit überrascht, aber er soll mich nicht schrecken. Und noch weniger soll es mich traurig machen, dass ich mit dem Garten nicht fertig geworden bin." Hat sie die Bibel vor sich? Oder einen Arztroman? Ich stelle mir vor, wie das Klingeln die Stille des Raums durchschneidet und jemand am anderen Ende der Leitung mit tränenerstickter Stimme sagt: "Es ist so weit, bitte kommen Sie." Oder wie das Telefon schweigt, all die langen Stunden über. Wie sie Solitaire spielt.

Die majestätische Geduld, mit der sie dasitzt und raucht, macht mich unruhig. Ich beschließe: Morgen, wenn sich die Nacht wieder senkt auf die Stadt, die Straße, das Haus, unsere Wohnung und das Institut, gehe ich an das Schaufenster und klopfe. Wer sind Sie, Frau Marschner? Worauf warten Sie? Auf mich etwa? Nur für den Fall?

Es ist ein Donnerstagabend, als ich sie aufsuche. Ich höre die ferne Autobahn: Das ist das Blut der Stadt, es fließt jetzt ganz ruhig. Mit einem Mal ist der Mensch, der da sein Fahrrad über die Brücke schiebt, kein Verkehrsteilnehmer mehr, sondern ein einsamer Vagabund. Die Türkenjungs, die auf der Treppe lungern, Shisha rauchen und flehentliche Popmusik hören, sehen ganz weich aus. Auf dem Spielplatz stehen jetzt zwei Verliebte auf der Riesenwippe, die sich rauf und runter senkt, sie lachen über das Gleichnis, das sie erfunden haben.

Ich könnte gut noch ein Stündchen auf der Bank Platz nehmen und den lieben Gott einen frommen Mann sein lassen. Aber ich will mich ja mit dem Tod auseinandersetzen.