Mit federnden Schritten und großen Gesten führt Werner Cloete über den Campus des Paul-Roos-Gymnasiums, von dem er jeden Winkel kennt. Zwanzig Jahre ging er hier ein und aus, erst als Schüler, später elf Jahre als Lehrer. Seit Kurzem unterrichtet er allerdings nicht mehr an der Jungenschule in Stellenbosch, 50 Kilometer östlich von Kapstadt. Doch wenn er erklären will, warum er jetzt seine eigene Schule aufbaut, warum er die Sicherheit des teuren Privatgymnasiums gegen die Unsicherheit einer Neugründung eintauscht, dann lässt er seine Erzählung gerne an diesem Ort beginnen. Cloete, 36 Jahre, blaues Polohemd und Jeans, Lehrer für Chemie und Physik, zeigt mit ausgestrecktem Arm zu den Rugby- und Kricketfeldern hinüber und präsentiert später noch den neuen Pool, in dem die Jungen nach dem Unterricht Wasserpolo spielen. "Die Schüler wissen gar nicht, was für ein Glück sie haben!", ruft er so begeistert, als wäre er hier nie weggegangen.

1.250 Jungen besuchen das Gymnasium, das sich nach dem Ende der Apartheid auch für schwarze und indischstämmige Schüler geöffnet hat. Theoretisch zumindest, denn tatsächlich sind immer noch 80 Prozent der Schüler weiß. Die Rassentrennung, seit 1994 formal aufgehoben, zeigt sich in Südafrikas Bildungssystem bis heute mit aller Macht – es gehört zu den ungerechtesten weltweit. Wer eine gute Schule besuchen will, muss dafür teuer bezahlen. Wer kein Geld hat, dem bleiben nur die oftmals schlechten öffentlichen Schulen, die nicht selten mit Korruption und Missmanagement zu kämpfen haben und mit Lehrern, deren eigene Bildung große Mängel aufweist. In internationalen Vergleichsstudien steht Südafrika immer wieder auf den hintersten Plätzen.

Werner Cloete hat als weißer, Afrikaans sprechender Junge seine Privilegien früher kaum hinterfragt. Erst als Lehrer wurde ihm bewusst, dass sein Land massenweise Potenziale verschenkt, wenn nur jene Kinder etwas lernen, deren Eltern dafür viel Geld bezahlen können. "Wir müssen endlich anfangen, diese Ungerechtigkeit ernst zu nehmen", sagt Cloete.

Es ist Nachmittag geworden, vorsichtig kurvt der Lehrer in einem alten VW durch die engen Straßen von Kayamandi; Stellenboschs größte Township liegt ein paar Kilometer vom pittoresken Stadtzentrum und von der Paul-Roos-Schule entfernt. Hier reihen sich Wellblechhütten aneinander, notdürftig aufgestellt, oft ohne Fenster und Türen. Männer und Frauen hocken mit leerem Blick auf dem staubigen Boden. Keiner von ihnen hat auch nur annähernd rund 2.200 Euro im Jahr zur Verfügung, um ihrem Kind das Paul-Roos-Gymnasium oder eine der vielen anderen privaten Schulen im Land zu finanzieren. "Wie soll einer lernen, wenn der Magen knurrt, wenn er keinen Schreibtisch und keine Schulbücher hat?", fragt Cloete. Jeden Freitagnachmittag erteilt er an einer öffentlichen Schule in der Township ehrenamtlich Nachhilfe in den naturwissenschaftlichen Fächern. Manchmal verstehen die Kinder noch nicht einmal die Aufgabenstellung, selbst wenn sie kurz vor dem Übertritt in eine weiterführende Schule stehen. 27 Prozent aller Schüler in Südafrika können nach der Grundschulzeit nicht richtig lesen. Mit diesem Defizit werden sie auch den Stoff der folgenden Schuljahre kaum erfassen. Eine Katastrophe für die Zukunft des Landes, für seinen sozialen Frieden, sagen Bildungsexperten. Denn die Gerechtigkeitslücke bleibt bestehen. Von 200 schwarzen Schülern wird gerade mal einer die Schule so gut abschließen, dass er ein Fach wie Ingenieurwissenschaften studieren kann, bei den weißen Schülern sind es zehn. Von allen Schwarzen, die überhaupt eine Universität besuchen, finden nach dem Studium lediglich 60 Prozent einen Job, bei den weißen Absolventen sind es über 90 Prozent.

"Wir müssen etwas unternehmen", rief vor gut zwei Jahren ein Freund von Werner Cloete ins Telefon: "Wir gründen eine Schule!" Cloete, damals noch Lehrer am Paul-Roos-Gymnasium, wusste in diesem Moment, dass er mitmachen würde, auch wenn er die Idee verrückt fand. Sein Freund ein Sozialpädagoge, er selbst Chemie- und Physiklehrer – waren sie die Richtigen, um eine eigene Schule zu gründen? Aber wer sonst sollte Verantwortung übernehmen für jene, die keines der Privilegien hatten, mit denen er aufgewachsen war?

Cloete kennt seine Grenzen. Er kann es nicht ändern, dass viele, die hier in Kayamandi leben, Gewalt erfahren, dass Mädchen viel zu früh schwanger werden und viele Eltern selbst keinen Job haben. Out of school-Faktoren nennen Wissenschaftler diese Rahmenbedingungen, die den Schulerfolg bei einem Großteil der schwarzen Bevölkerung zusätzlich erschweren. Aber vielleicht würde es ihm gelingen, dachte er damals, eine Schule zu gründen, in der auch all jene etwas lernen, die kein Vermögen haben.

Als der Lehrer seinen Wagen auf dem Schotterplatz vor einem Jugendzentrum parkt und die Kinder sieht, die hinter Maschendrahtzaun über einen staubigen Platz jagen, sagt er, dass es genau solche Kinder sind, die er sich für seine Schule wünscht, die er rausholen will aus den überfüllten öffentlichen Schulen der Townships.

Eine Viertelmillion Kinder werden in Südafrika mittlerweile in sogenannten low fee- Schulen unterrichtet. Schulen mit geringen Gebühren, die finanzielle Unterstützung vom Staat bekommen. Eine solche wollen nun auch Cloete und sein Freund gründen. Die low fee- Schulen sind eine Antwort auf die Krise des Bildungssystems. Und sie schärfen das Bewusstsein innerhalb der schwarzen Bevölkerung für den Wert einer guten Ausbildung. Das Schulmodell wird bereits in anderen Schwellen- und Entwicklungsländern wie Indien oder Kenia erfolgreich umgesetzt; auch der südafrikanische Staat fördert es – solange die Schule keinen Profit erwirtschaftet. Je geringere Schulgebühren erhoben werden, umso mehr Unterstützung bekommen die Schulen: maximal 60 Prozent von dem, was der Staat für einen Schüler an einer öffentlichen Schule ausgibt; das sind rund 540 Euro im Jahr. "Wir sind offen dafür", sagt Debbie Schäfer, die Bildungsministerin der Provinz Western Cape: "Es ist eine Chance, unser Bildungssystem besser zu machen." Die low fee- Schulen, so hofft man in Südafrika, könnten zumindest innerhalb des Bildungssystems die Spaltung in Arm und Reich, in Schwarz und Weiß, auflösen.