Fingerspitzengefühl für Afrika

Die Haut unter ihren Fingern ist niemals gleich. Mal leuchtet sie dunkel, dann ist sie gelbbraun, an manchen Tagen streicht sie über helle Rücken voll Sommersprossen. Dünne und dicke Körper lassen sich auf ihrer Liege nieder, afrikanische, chinesische und europäische. Fast immer aber leiden sie am Gleichen. "Steife Nacken, verspannte Schultern, müde Beine." Xiao Hua, 42, massiert im "Kabinett der chinesischen Medizin" die Schmerzen weg, während eine Straße weiter der Verkehr auf der Avenue Charles de Gaulle vorbeibraust. Bei den Chinesen heißt die Straße anders: "Henan Jie", denn fast alle Verkäufer, die am Straßenrand ihre Waren feilbieten und die Schuhe, Kleider, Hidschabs und sexy Negligés in ihren Läden, stammen aus der chinesischen Provinz Henan.

Hätte man Xiao Hua vor zwei Jahren gefragt, ob sie mal in Afrika leben würde, sie hätte schallend gelacht und gesagt: Spinnst du? Den Senegal hätte sie auf keiner Landkarte gefunden. Trotzdem sagte sie sofort zu, als ihr ein Kunde in einem Massagesalon in der nordchinesischen Stadt Tianjin einen Job anbot. Was hatte sie auch zu verlieren?

Seit einem Jahr lebt Xiao Hua jetzt in Dakar, Französisch kann sie immer noch nicht, am Ende der Massage klopft sie den senegalesischen Kunden auf den Rücken und sagt: "Fini, amigo." Doch es gefällt ihr hier. Abends kehren die Schuhverkäufer von nebenan ein, und man bespricht leidenschaftlich die beiden wichtigsten chinesischen Themen – Essen und Geld –, während sich Xiao Hua von einem Akupunkturpunkt zum nächsten drückt.

Wo China ansetzt

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Die chinesische Eroberung Afrikas beginnt das Gesicht des Kontinents zu verändern. Schätzungen zufolge sind es bereits mehr als eine Million Chinesen, die es aus unterschiedlichsten Motiven nach Afrika gezogen hat. Sie prägen an vielen Orten den Alltag, man sieht sie heute auf jedem innerafrikanischen Flug: Chinesen jeder Schicht und Provenienz – vom Chef des Staatsunternehmens über den Bauarbeiter, die Businessfrau, den Touristen bis zum Kugelschreiberverkäufer. Oft sind es Menschen von großem Pioniergeist. Immer wieder hört man Geschichten wie die von dem Geschäftsmann, der an die Elfenbeinküste kam, ohne ein Wort Französisch zu sprechen, und innerhalb von Wochen eine PVC-Fabrik aufbaute. Denn dies ist eine Unternehmerklasse, die in drei Jahrzehnten wahnwitzigen chinesischen Wachstums gelernt hat, mit permanenten Unwägbarkeiten umzugehen, und die begriffen hat: Im größten Risiko lauert auch die größte Chance. "In jedem afrikanischen Land findet man Leute aus einer anderen Provinz", sagt ein chinesischer Diplomat. "Das hängt davon ab, woher die ersten Kontraktarbeiter stammten, die in diesem Land ein von China finanziertes Bauprojekt durchführten. Die ziehen dann ihre Leute hinterher." Es hilft ihnen, dass China bis vor Kurzem selbst ein Entwicklungsland war: Die Unternehmer kennen vergleichbare Märkte – und sie haben die passenden Produkte. Deutsche Waren sind in Afrika zwar beliebt, aber meist viel zu teuer. Umgekehrt sehen viele deutsche Unternehmer Afrika als Kontinent des Kriegs und Hungers – und nicht als Investmentchance.

In drei Jahrzehnten Reformpolitik hat sich China selbst verwandelt – jetzt zieht es aus, die Welt zu verändern. In kürzester Zeit ist China mit Abstand zum wichtigsten Handelspartner Afrikas geworden. Der Wert der gehandelten Güter belief sich 2015 auf 188 Milliarden US-Dollar, das ist mehr als das Dreifache des Handelsvolumens mit Indien, Afrikas zweitstärkstem Partner. Lange folgten die Beziehungen einem recht einfachen Skript: Die chinesische Regierung sucht Ressourcen und politische Partner, ihre Staatsbetriebe bauen dafür Straßen und Regierungsgebäude. Sie umarmt alle, auch die schlimmsten Autokraten, Transparenz und gute Regierungsführung sind dabei egal. Nicht wenige werfen China darum Neokolonialismus vor.

Doch nun sind die Beziehungen zwischen China und Afrika komplexer geworden. Beispiel Simbabwe: Nur eine Woche, bevor das Militär im November den langjährigen Diktator Robert Mugabe von der Macht vertrieb, weilte der simbabwische Militärchef in Peking. Hatte er sich in Peking das Plazet für den Coup geholt? Das wäre ein Bruch mit dem Prinzip der Nichteinmischung in die Angelegenheiten anderer Länder, das China traditionell hochhält. Hier liegt ein Grundsatzkonflikt: In dem Maße, in dem Pekings Interessen in der Welt wachsen, könnte die einst verdammte Einmischung zur Notwendigkeit werden.

Die großen Geschäfte in Afrika machen zwar immer noch der chinesische Staat und seine Betriebe. Daneben aber gibt es jetzt unzählige private Glücksritter. Die Unternehmensberatung McKinsey schätzt ihre Zahl bereits auf 10.000. Da gibt es solche, die Raubbau betreiben, illegal abholzen oder fischen. Aber auch solche, die ausbilden und Arbeitsplätze schaffen, neue Produkte anbieten und die Wirtschaft beleben. So sagten 1000 der befragten Unternehmer gegenüber McKinsey, dass 89 Prozent ihrer Angestellten Afrikaner seien. Das wären 300.000 neue Jobs.

Mit Soft-Power-Strategie zum besseren Image

Der chinesische Staat verfolgt schon seit Langem eine mäßig erfolgreiche Soft-Power-Strategie, baut zum Beispiel Konfuzius-Institute analog zu den Goethe-Instituten der Deutschen. Interessanterweise haben Privatunternehmer begonnen, das Prinzip zu übernehmen. In einem Slum in Nairobi verteilten chinesische Unternehmen nach einem Brand Hilfslieferungen. Man wolle weg vom Image des Profit suchenden Chinesen, sagte einer der Beteiligten. In Kenia haben Chinesen bereits so etwas wie eine eigene Überseeidentität gefunden. Sie nennen sich "chicken": chinese kenyans.

Wenn nötig, dann passen sich die Unternehmer ein in die nationalen Strategien des Staates, in dem sie operieren. Zum Beispiel in Äthiopien.

Addis Abeba. Die Trambahn zischt über die hochgelegten Gleise durch diese Stadt, die sich in ihrer atemlosen Hast in die Moderne nicht besonders viel Mühe gibt, hübsch zu sein. Dauernd wird irgendwo etwas abgerissen und aufgebaut, vom alten Glanz der Kaiserstadt ist fast nichts mehr auszumachen. Rohbauten ragen gleich Skeletten in die Luft, ein neues Bürogebäude trägt den klingenden Namen "French Kiss". Eine Schafsherde passiert ein superschickes Café.

Die Trambahn ist ein Prestigeprojekt, gebaut von den Chinesen. Die einzige auf dem ganzen Kontinent außerhalb Südafrikas. Addis ist als Sitz der Afrikanischen Union (AU) ein Schaufenster, so etwas wie die heimliche Hauptstadt Afrikas. Alle afrikanischen Staaten haben hier ihre Vertretung. Man kann hier zeigen, was geht – mit und durch China. In der Nähe des neuen AU-Hauptquartiers, von China gebaut, haben sich die Büros der staatseigenen chinesischen Betriebe angesiedelt. Chinesische Baufirmen sind in der ganzen Stadt zu finden. China ist nicht nur der größte Infrastrukturfinanzier auf dem Kontinent, 50 Prozent der dort international ausgeschriebenen Projekte werden auch von chinesischen Firmen gebaut.

Diplomaten im Umfeld der AU erzählen, dass nur zwei Staaten nie Termine machen müssten, sondern überall vorgelassen werden. Das seien die Äthiopier, die Hausherren. Und die Chinesen.

Äthiopien ist neben Südafrika wichtigster afrikanischer Partner Chinas. Bereits der Feudalistenfresser Mao Tse-tung hatte den äthiopischen Kaiser Haile Selassi umschwärmt, wusste er doch, welches Gewicht diesem als Repräsentanten eines freien Afrikas zukam. Abgesehen von einer kurzen Besatzung durch Mussolinis Italien war Äthiopien von kolonialer Fremdherrschaft verschont geblieben. Maos Werben zahlte sich aus. Als die Vereinten Nationen 1971 darüber abstimmten, ob der Sitz in der UN-Vollversammlung und im Sicherheitsrat an Peking oder an Taipeh gehen sollte, kamen viele der nötigen Stimmen aus Afrika. Äthiopien hat sich für das chinesische Entwicklungsmodell entschieden und setzt ganz auf Industrialisierung. "Wir werden das China Afrikas, der industrielle Knotenpunkt des Kontinents", betonen äthiopische Funktionäre wieder und wieder. Chinesische Firmen bauen im ganzen Land Industrieparks. Chinesische Unternehmen investieren dort, unterstützt von der Pekinger Regierung. Wie kein zweites Land in Afrika folgt Äthiopien dem chinesischen Modell.

Industriezone Awassa, nahe Addis. Betritt Manager Danny Leung seine Textilfabrik, fällt sein Blick auf die Spruchbänder, die hier überall hängen. "People-oriented All Win Harmony" steht da zum Beispiel, in Chinesisch, Englisch und Amharisch. Leung arbeitet seit 31 Jahren in der Textilindustrie, er hat die Zeit erlebt, in der Wanderarbeiter wie Xiao Hua aus allen Teilen des Landes in die Fabriken des chinesischen Südens strömten und dort für die ganze Welt produzierten. Er hat aber auch mitbekommen, wie die Arbeiter plötzlich weniger und teurer wurden. "Ein Ergebnis der Ein-Kind-Politik", sagt Leung. Die Billigproduktion für den Rest der Welt, sie lohnte sich nicht mehr. Bereits Ende der Neunziger, sagt Leung, hatte die chinesische Regierung eine neue Parole an die Unternehmer ausgegeben: "Geht hinaus in die Welt, in andere Länder, baut globale Unternehmen auf." Als 2008 die Weltfinanzkrise ausbrach und die Nachfrage aus dem Westen ausblieb, wurde der Druck auf die Unternehmer immer stärker. Sie mussten neue Märkte suchen.

Trotz aller Probleme habe Äthiopien gewaltiges Potenzial, sagt Leung. Mit einer Bevölkerung von mehr als 100 Millionen Einwohnern ist es das Land mit der zweitgrößten Bevölkerung Afrikas, die Menschen sind jung, die Löhne niedrig. "Wenn die Menschen hier an ihrer Einstellung arbeiten, könnte das Land abheben." Bis zum Jahr 2034 sollen in Afrika, so schätzen Ökonomen, 1,1 Milliarden Menschen im arbeitsfähigen Alter leben. Bis 2025 könnten afrikanische Konsumenten 5,6 Billionen (zehn hoch zwölf) US-Dollar jährlich ausgeben. "Afrika ist der letzte Kontinent, den es zu entwickeln gibt. The last frontier of development", sagt Alexander Demissie, ein Äthiopier, der in Deutschland aufwuchs und die Beratungsfirma The China Africa Advisory mit aufgebaut hat.

Die neue Seidenstraße

China verliert keine Zeit dabei: Die Telekommunikationsgiganten Huawei und ZTE haben einen Großteil der digitalen Netze in Afrika errichtet. China baut in der ganzen Welt im Rahmen seiner "Neuen Seidenstraße" Häfen, Pipelines, Eisenbahnnetze. Auch in Ostafrika: "Wenn man die chinesischen Infrastrukturprojekte betrachtet", sagt Demissie, "sieht man, was sie vorhaben: Einfluss auf die ganze Region zu nehmen."

Dschibuti, Äthiopiens kleiner Nachbar am Horn von Afrika, ist durch die erste chinesische Militärbasis schon zum strategischen Zentrum geworden. Nun soll es auch zum Finanz- und Logistikzentrum Ostafrikas werden – "eine Art Singapur, große chinesische Banken haben dort bereits ihre Claims abgesteckt", so Demissie. China vergrößert nicht nur dort den Hafen, sondern auch an mehreren Orten in Tansania und Kenia, die um die größte Hafenanlage Ostafrikas konkurrieren. Komplementiert wird die Infrastruktur durch verschiedene Eisenbahnlinien. Die Strecke Mombasa–Nairobi wurde gerade fertiggestellt, die zwischen Dschibuti und Addis soll in Kürze eröffnet werden. Beide Strecken sollen eines Tages verbunden und erweitert werden, nach Uganda, Burundi, Ruanda, Kongo, Sudan.

Das große Fernziel: eines Tages Ost- und Westafrika zu verbinden. Habe China mit all diesen Großaufträgen erst mal seine Standards gesetzt, erklärt Demissie, würden zahlreiche weitere Aufträge folgen: Dienstleistungen, Ersatzteile. "Zudem steht Äthiopien eine gewaltige Urbanisierungswelle bevor." Gerade mal 20 Prozent der Menschen leben in den Städten. Afrika ist der Kontinent, auf dem chinesische Unternehmen in Windeseile zu globalen Spielern wachsen können, auf dem China die Globalisierung sehr aktiv mitgestalten kann. Dazu gehört auch, dass chinesische Unternehmen südafrikanische Medienhäuser, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind, aufkaufen, um Öffentlichkeit im Sinne der Partei zu schaffen. Demissie weiß das und sieht das chinesische Engagement trotzdem sehr positiv. Die Infrastruktur werde dringend benötigt – und kein anderes Land hätte geleistet, was China derzeit schafft. Ein Land wie Äthiopien hätte nun endlich die Chance, sich zu entwickeln – und es sei in einer sehr guten Position, das chinesische Engagement genau so zu nutzen, wie es das brauche.

Globalisierung - Günstige T-Shirts kommen aus Äthiopien Niedrige Produktionskosten locken Modehersteller ins arme Äthiopien. Auch Tchibo lässt dort herstellen. Für ZEIT ONLINE hat Simona Foltyn im Jahr 2014 in Addis Abeba eine Textilfabrik besucht.

Alemayehu Geda, Wirtschaftsprofessor an der Universität von Addis Abeba, ist skeptischer. Er untersucht die chinesische Wirtschaftsstrategie seit Langem. Man müsse, sagt er, nicht auf die Direktinvestitionen, sondern auf die Kredite achten. "Die chinesischen Direktinvestitionen nach Äthiopien machten in den vergangenen zehn Jahren gerade mal 600 Millionen US-Dollar aus, die Kredite aber 70 Milliarden." Geda nennt die Kredite darum auch "Quasi-Direktinvestitionen": "Die Chinesen verändern das Spiel. Die Kredite gehen an die Regierung. So gut wie alle Kredite sind an konkrete Projekte geknüpft, im Bereich Energie und Infrastruktur zum Beispiel, und die werden von chinesischen Betrieben ausgeführt. Es gibt keinen einzigen Kredit, der der chinesischen Wirtschaft nichts bringt." Schon früh hat die chinesische Regierung begonnen, Entwicklungshilfe und Außenwirtschaftsförderung zu verknüpfen, sie nennt es das Prinzip des "gegenseitigen Nutzens".

Tatsächlich brauche sein Land all die Infrastruktur, sagt Geda. Was aber, wenn die Abhängigkeit eines Tages übergroß werden sollte, wenn die Äthiopier ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen können? "Dann könnte die chinesische Regierung zum Beispiel darauf bestehen, dass Ethiopian Airlines statt Boeing oder Airbus chinesische Maschinen kauft." Geda nennt das "strategische Verletzlichkeit", und es gibt für ihn nur einen Weg, ihr zu entkommen. Ein Freund von ihm habe an den Verhandlungen zum Telekommunikationsabkommen teilgenommen. Die Chinesen seien bestens vorbereitet gewesen, sie hätten einen Experten für jedes Feld gehabt. Und die Äthiopier? Mussten alles googeln. "Wir brauchen", sagt Geda, "Expertise. In jeder Hinsicht. Aber vor allem am Verhandlungstisch."