China verliert keine Zeit dabei: Die Telekommunikationsgiganten Huawei und ZTE haben einen Großteil der digitalen Netze in Afrika errichtet. China baut in der ganzen Welt im Rahmen seiner "Neuen Seidenstraße" Häfen, Pipelines, Eisenbahnnetze. Auch in Ostafrika: "Wenn man die chinesischen Infrastrukturprojekte betrachtet", sagt Demissie, "sieht man, was sie vorhaben: Einfluss auf die ganze Region zu nehmen."

Dschibuti, Äthiopiens kleiner Nachbar am Horn von Afrika, ist durch die erste chinesische Militärbasis schon zum strategischen Zentrum geworden. Nun soll es auch zum Finanz- und Logistikzentrum Ostafrikas werden – "eine Art Singapur, große chinesische Banken haben dort bereits ihre Claims abgesteckt", so Demissie. China vergrößert nicht nur dort den Hafen, sondern auch an mehreren Orten in Tansania und Kenia, die um die größte Hafenanlage Ostafrikas konkurrieren. Komplementiert wird die Infrastruktur durch verschiedene Eisenbahnlinien. Die Strecke Mombasa–Nairobi wurde gerade fertiggestellt, die zwischen Dschibuti und Addis soll in Kürze eröffnet werden. Beide Strecken sollen eines Tages verbunden und erweitert werden, nach Uganda, Burundi, Ruanda, Kongo, Sudan.

Das große Fernziel: eines Tages Ost- und Westafrika zu verbinden. Habe China mit all diesen Großaufträgen erst mal seine Standards gesetzt, erklärt Demissie, würden zahlreiche weitere Aufträge folgen: Dienstleistungen, Ersatzteile. "Zudem steht Äthiopien eine gewaltige Urbanisierungswelle bevor." Gerade mal 20 Prozent der Menschen leben in den Städten. Afrika ist der Kontinent, auf dem chinesische Unternehmen in Windeseile zu globalen Spielern wachsen können, auf dem China die Globalisierung sehr aktiv mitgestalten kann. Dazu gehört auch, dass chinesische Unternehmen südafrikanische Medienhäuser, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind, aufkaufen, um Öffentlichkeit im Sinne der Partei zu schaffen. Demissie weiß das und sieht das chinesische Engagement trotzdem sehr positiv. Die Infrastruktur werde dringend benötigt – und kein anderes Land hätte geleistet, was China derzeit schafft. Ein Land wie Äthiopien hätte nun endlich die Chance, sich zu entwickeln – und es sei in einer sehr guten Position, das chinesische Engagement genau so zu nutzen, wie es das brauche.

Globalisierung - Günstige T-Shirts kommen aus Äthiopien Niedrige Produktionskosten locken Modehersteller ins arme Äthiopien. Auch Tchibo lässt dort herstellen. Für ZEIT ONLINE hat Simona Foltyn im Jahr 2014 in Addis Abeba eine Textilfabrik besucht.

Alemayehu Geda, Wirtschaftsprofessor an der Universität von Addis Abeba, ist skeptischer. Er untersucht die chinesische Wirtschaftsstrategie seit Langem. Man müsse, sagt er, nicht auf die Direktinvestitionen, sondern auf die Kredite achten. "Die chinesischen Direktinvestitionen nach Äthiopien machten in den vergangenen zehn Jahren gerade mal 600 Millionen US-Dollar aus, die Kredite aber 70 Milliarden." Geda nennt die Kredite darum auch "Quasi-Direktinvestitionen": "Die Chinesen verändern das Spiel. Die Kredite gehen an die Regierung. So gut wie alle Kredite sind an konkrete Projekte geknüpft, im Bereich Energie und Infrastruktur zum Beispiel, und die werden von chinesischen Betrieben ausgeführt. Es gibt keinen einzigen Kredit, der der chinesischen Wirtschaft nichts bringt." Schon früh hat die chinesische Regierung begonnen, Entwicklungshilfe und Außenwirtschaftsförderung zu verknüpfen, sie nennt es das Prinzip des "gegenseitigen Nutzens".

Tatsächlich brauche sein Land all die Infrastruktur, sagt Geda. Was aber, wenn die Abhängigkeit eines Tages übergroß werden sollte, wenn die Äthiopier ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen können? "Dann könnte die chinesische Regierung zum Beispiel darauf bestehen, dass Ethiopian Airlines statt Boeing oder Airbus chinesische Maschinen kauft." Geda nennt das "strategische Verletzlichkeit", und es gibt für ihn nur einen Weg, ihr zu entkommen. Ein Freund von ihm habe an den Verhandlungen zum Telekommunikationsabkommen teilgenommen. Die Chinesen seien bestens vorbereitet gewesen, sie hätten einen Experten für jedes Feld gehabt. Und die Äthiopier? Mussten alles googeln. "Wir brauchen", sagt Geda, "Expertise. In jeder Hinsicht. Aber vor allem am Verhandlungstisch."