Erinnert sich eigentlich noch jemand an den letzten Anschlag in Pakistan, der kaum drei Wochen her ist? Vor Weihnachten wurde in der Provinzhauptstadt Quetta, im Südwesten des Landes, eine methodistische Kirche überfallen. Während des Gottesdienstes sprengte sich ein Attentäter in die Luft und riss neun Menschen mit in den Tod. 40 der 400 Kirchenbesucher wurden verletzt. Einen zweiten Mann mit Sprengstoffgürtel fing die Polizei vor der Kirche ab. Die wurde bewacht – so wie heute die meisten christlichen Einrichtungen in Nahost, weil sie immer wieder Ziel militanter Islamisten sind.

Muhammed Muheisen, Fotograf aus Jerusalem © Marvin Joseph

Diesmal, in Quetta, reklamierte die Terrormiliz "Islamischer Staat" den Anschlag für sich. Aber auch im Alltag hat die christliche Minderheit Pakistans es schwer. Der Fotograf Muhammed Muheisen, Pulitzer-Preisträger aus Jerusalem, dokumentiert es hier: Seine Bilder entstanden in den Elendsvierteln der pakistanischen Hauptstadt Islamabad und beschreiben das soziale Elend der Christen, aber auch ihren Überlebensmut. Ihre Slums, die "christliche Kolonien" heißen, entstanden, weil Christen im Land nicht wirklich geduldet sind: Der Islam ist in Pakistan Staatsreligion, und die Blasphemiegesetze sind die schärfsten weltweit. Zwei Tage vor dem Anschlag hatten die beiden großen Kirchen in Deutschland einen Bericht über verfolgte Christen weltweit vorgelegt, darin nannten sie auch das Schicksal von Asia Bibi, einer pakistanischen Christin, die seit neun Jahren wegen angeblicher Beleidigung des Propheten Mohammed in Haft sitzt. Schon mehrfach wurde Asia Bibi zum Tode verurteilt. Zwei Politiker, die sich für sie einsetzten, wurden ermordet. Ihre Anwälte werden bedroht.

Doch wer nimmt im Westen von solchen Schicksalen noch Notiz? Pakistan ist überall: Die Christen des Orients werden verfolgt, vertrieben, ermordet. Begründet werden die Attacken, so heißt es im Bericht der deutschen Kirchen, "mit absoluten religiösen Wahrheits- und Reinheitsvorstellungen". So war es auch kürzlich wieder in Kairo. In dem Vorort Helwan erschossen Terroristen kurz vor dem Jahreswechsel neun Kopten, während diese sich auf ihr Weihnachtsfest im Januar vorbereiteten. In der Woche zuvor hatte eine Menschenmenge im ägyptischen Atfih, 100 Kilometer südlich von Kairo, nach dem muslimischen Freitagsgebet eine Kirche gestürmt und sie verwüstet. Dabei ist die Lage der Christen in Ägypten noch vergleichsweise gut, denn dort stellen neun Millionen Christen zehn Prozent der Bevölkerung. Das ist mehr als in allen anderen Ländern des Nahen Ostens. Die Militärregierung bemüht sich, die Diskriminierung zu mildern, aber auch sie scheitert an der Unversöhnlichkeit fundamentalistisch gesinnter Terroristen.

Aussichtslos scheint die Lage von Christen im Irak und in Teilen Syriens. Aus dem früheren Herrschaftsgebiet des "Islamischen Staates" sind sie nahezu verschwunden, und erste christliche Rückkehrer in die befreiten Gebiete mussten schon wieder fliehen, weil die Region zu unsicher ist. Immer mehr orientalische Christen werfen nun dem Westen vor, nicht sehen zu wollen, dass sie als "Ungläubige" ausgelöscht werden. Ab und zu kommen sie zwar in Fürbitten deutscher Gottesdienste vor. Aber wo sind ihre Fürsprecher, ihre Beschützer, wer pocht auf ihr Lebensrecht in der alten Heimat Nahost? Nur Mutige wie er: Der Fotograf Muhammed Muheisen, soeben ausgezeichnet mit dem Unicef-Preis für das beste Bild des Jahres 2017, gibt den Christen des Orients ein Gesicht.

Der Luftballon ist begehrt als Weihnachtsgeschenk. © AP Photo/Muhammed Muheisen/dpa