Wir haben Wichtigeres zu tun: dass wir uns zum Beispiel angegriffen fühlen von den Demokratiefeinden außen und innen. Dass wir deshalb darüber nachdenken, was eine zukunftsfähige Politik für die Demokratien des 21. Jahrhunderts sein könnte. Ganz sicher eine Politik, die untersucht, welches die Erfolgsbedingungen der Nachkriegsmoderne waren und welches ihre Gefährdungen. Und schon wäre man sofort bei: sozialer Teilhabe, bei Chancengleichheit, Mitbestimmung, Emanzipation, Liberalität, Frieden, einerseits. Und bei einem entfesselten Finanzmarkt, einer unregulierten Datenwirtschaft, einer präzedenzlosen Bereicherung der ohnehin schon Reichen, einer Zerstörung der Biosphäre und des Klimasystems und der Externalisierung aller Folgekosten unseres Hyperkonsums, andererseits.

Und genau zwischen diesen Antagonismen ließe sich eine politische Programmatik für die nächste Gesellschaft finden: In ihr ginge es nämlich darum, den zivilisatorischen Standard von Freiheit und Lebenssicherheit auf der einen Seite und den weniger zerstörerischen Umgang mit der Natur und den Menschen auf der anderen zu bauen. Das ist alles andere als trivial, denn niemand weiß heute, wie das gehen soll.

Aber genau um diese Fragen würde sich eine andere 2018er-Bewegung ranken können als die der neuen Rechten. Sie würde für die nächste Modernisierung der offenen Gesellschaft eintreten, die eine Revitalisierung der Demokratie, einen sorgsamen Umgang mit natürlichen, sozialen und kulturellen Ressourcen und einen emanzipativen Einsatz digitaler Technologien nicht nur fordert, sondern auch lebt. Denn das ist das essenzielle Prinzip jeder sozialen Bewegung: schon einmal selbst zu erproben und praktizieren, was gestaltungsbildend für die nächste Gesellschaft sein kann.

Die Frage bleibt nur: Gibt es diese Bewegung? Zum einen: Ja – in Gestalt von Tausenden von sogenannten transition town-Initiativen, von Postwachstums- und Flüchtlingsinitiativen. Zum anderen: Nein. Denn viele dieser Bewegungen verstehen sich als politikfern, der Konflikt, die zentrale Formierungsgröße sozialer Bewegungen, ist generell aus der Mode gekommen.

Weitere Fragen: Wird sich die 18er-Bewegung, ähnlich wie Teile der 68er, radikalisieren? Wohl kaum, dafür fehlen den 18ern die Weltbeglückungsutopien von damals, auch die abstrusen Theoriegebäude, auch das Rechthabenwollen mit aller Gewalt. Und wird es eine neue Partei geben, die den politischen Arm der Bewegung bildet? Das liegt in der Luft. Aber in jedem Fall kommt es – wie im Übrigen vor 50 Jahren auch – darauf an, dass der aufgeklärte, offene, modernisierungsbereite Teil der Gesellschaft seine Verantwortung erkennt und wahrnimmt und den kulturellen Rahmen für das stellt, was von unten bewegt wird.

Hierin liegt die für die Zukunft der liberalen Demokratie entscheidende Differenz: Wird die Gesellschaft diesen kulturellen Rahmen Schritt für Schritt für die neue Rechte bilden? Oder wird sie ihn neu zimmern für den nächsten, überfälligen Modernisierungsschub, der das kulturelle Projekt von 1968 um die ökosoziale Transformation des Kapitalismus ergänzt und den Prozess der demokratischen Zivilisierung weiterführt?

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