Ich bin für diese Zeitung als Gesellschaftsreporter unterwegs, ich gehe auf Partys, Vernissagen und Bälle und schreibe über die sogenannte gute Gesellschaft. Seit drei Jahren mache ich das, aber erst jetzt, da wir eine Sonderausgabe zum Thema Stille veröffentlichen, wird mir klar, warum meine Arbeit oft schwierig und anstrengend ist. Ich sage das nicht, weil ich Mitleid möchte, obwohl ich nach einem Abend mit ausufernden Reden und nervtötenden Showeinlagen immer mal wieder glaube, ein Anrecht auf Trost zu haben.

Ich betone die Schwierigkeiten der Berichterstattung über die gehobenen Kreise – schon die Metaphern zur Beschreibung dieses Milieus haben etwas Verklemmtes und Arrogantes, auch so ein Problem –, weil ich ihre Ursachen bislang nicht erkannt habe. Ich bin einem Irrglauben aufgesessen, einer Verkennung der Kultur dieser Szene, die sich aus vermögenden Besitzbürgern und ihren Trabanten – Sportlern, Moderatoren, PR-Experten – zusammensetzt. Ich dachte, diese Leute sind allergisch gegen Ironie, sie können feinen Spott nicht von gemeiner Niedermache unterscheiden. Sie sind zu ängstlich, um sich ein wenig düpieren zu lassen, und zu arrogant, um über sich zu lachen.

Beim Nachdenken über Stille und warum sie so wichtig ist, nicht nur in der Kommunikation, im Flugverkehr oder in der Natur, sondern auch beim Thema Distinktion, also der Art und Weise, wie man sich sozial abgrenzt und aufwertet, wurde mir klar: Die Hamburger Gesellschaft hat weniger ein Problem mit dem ironischen, uneigentlichen Sprechen. Sie mag es nicht, dass man überhaupt über sie redet.

Im vergangenen November war ich bei einem Wohltätigkeitsball im Elysée-Hotel. Bei mir am Tisch saß der Pressechef eines renommierten Hamburger Schmuckunternehmens. Wir unterhielten uns glänzend, es war genau die Art von Small Talk, die die Zeit verfliegen lässt. Popmusik (wir beide schwärmten für Prince), edle Uhren (er kannte sich von Berufs wegen bestens aus mit Patek Philippe und Rolex) und englische Zeitungen (wir begeisterten uns für die Feuilletonseiten der Financial Times Weekend), das waren unsere Themen. Und weil der Abend der Unterstützung einer medizinischen Stiftung gewidmet war, kauften die Gäste zwischendurch Lose für 20 Euro das Stück. Ich hatte den Eindruck, das Personal, das mit Sektkübeln zwischen den Tischen umherlief, kam gar nicht hinterher mit dem Geldeinsammeln, und genau das habe ich auch geschrieben. Dass es ein wunderbarer Abend war, bei dem sich die Bourgeoisie von ihrer besten Seite zeigte, mit dieser sehr lässigen Mischung aus Bürgerstolz, Savoir-vivre und Hilfsbereitschaft.

Drei Wochen später lernte ich bei einem Abendessen die Besitzer jenes feinen, international erfolgreichen Schmuckunternehmens kennen. Als das Ehepaar hörte, dass ich für die ZEIT arbeite, brach ein Sturm der Entrüstung los. Mein Tischnachbar, besagter Marketingchef, habe sich über den Artikel bitter beschwert, und zwar zu Recht. Er sei als feister Angeber dargestellt worden, der mit Geld um sich werfe (wir hatten ein Foto ausgewählt, auf dem er schallend lachte und, wie ich fand, aussah wie eine norddeutsche Version von George Clooney). Und überhaupt: Wie könne ein seriöses Blatt wie die ZEIT nur Derartiges schreiben? "Sie müssen diesen Artikel mal lesen", blaffte der Unternehmer, und als ich sagte, das müsse ich nicht, ich hätte ihn ja geschrieben, schaute er mich erschrocken an und ließ mich stehen.

Heute ist mir klar, worum es ging. Das Problem war nicht die Pflege bestimmter milieubedingter Rituale – die Koketterie mit dem Pop der Achtziger, die Verherrlichung der englischen bürgerlichen Presse –, das Problem war das Geld und dass darüber offen gesprochen wurde.

In Hamburg leben 36 der 300 reichsten Deutschen, es gibt ein Dutzend Milliardäre, es wird gestiftet und gespendet wie in keiner anderen Stadt. Das gilt auch für die Einkommensklassen unterhalb der Millionärsgrenze; bei jeder der vielen Wohltätigkeitsveranstaltungen, die ich bislang besucht habe, quollen die Sektkübel, oder worin auch immer die Spenden gesammelt wurden, vor Geldscheinen über. Aber wenn ich darüber schrieb, anmerkte, dass die Gäste Spendierhose statt kleines Schwarzes oder Smoking getragen hatten, dann war man empört.

Drastischer als die Entrüstung des Juwelierehepaars war nur die einer stadtbekannten Charity-Aktivistin. Nachdem bei einem Benefizabend für Herzkranke ein Mann bewusstlos geworden war (übrigens in beispielhaft dezenter Weise: Er glitt geräuschlos den Türrahmen entlang zu Boden) und sich mehrere anwesende Ärzte in helfender Absicht buchstäblich auf ihn gestürzt hatten, war ich so unvorsichtig, zu erwähnen, was einer der Mediziner gesagt hatte, als ich ihn nach dem Befinden des Mannes fragte. "Alles halb so wild. Hat sich aber nicht gelohnt. Er hatte noch nicht mal seine Versichertenkarte dabei." So etwas Despektierliches könne man nicht schreiben, ließ mich die Charity-Dame anschließend wissen und belegte mich für eine Herbstsaison mit einem Bann.

Heute weiß ich, dass es nicht die Kreislaufschwäche des Mannes war, die ich nicht hätte erwähnen sollen, sondern das Geld, das im Zusammenhang mit dem kleinen Malheur zur Sprache kam. Protzen ist peinlich und Raffgier auch. Beides ist in der Hamburger Gesellschaft tabu. Es sind unfeine Aspekte der besitzbürgerlichen Kultur, über die man nicht reden sollte.

Vor diesem Hintergrund verstehe ich nun auch die massive Ablehnung, die Nathalie Volk eine Zeit lang entgegenschlug. Anfangs dachte ich, die Germany’s-Next-Topmodel-und Dschungelcamp-Absolventin würde verunglimpft, weil sie gewagt hatte, sich als Kleinbürgerin an einer Hamburger Traditionsressource zu vergreifen. Ihr Vergehen aber lag weniger darin, den Unternehmer Frank Otto zu lieben, als sein Vermögen und dessen Bedeutung für die Beziehung anzusprechen. "Du Frank, es gibt auch noch andere, reichere Männer als dich" – mit diesem, in vielen deutschen Gazetten kolportierten Satz hatte die junge Frau ein zentrales Gebot des hanseatischen Kodex verletzt: Sei leise. Sei diskret. Gerade wenn es um Wohlstand geht.

"Früher galt es in Hamburg als schicklich, dass derjenige, der viel Geld hat, es nicht zeigt. Inzwischen wird in Hamburg genauso angegeben wie in Düsseldorf." Hat dieses Zitat von Ole von Beust aus dem Jahr 2010 die hiesige Gesellschaft so schwer mitgenommen, dass sie auch die lobende Anerkennung ihrer Großzügigkeit mit Trommeln für den Luxus verwechselt? Man könnte darüber ganz vorsichtig werden. Und still.

Könnte man.