Regierungs- und Machtwechsel entpuppen sich nicht immer als die Zäsuren, als die sie von den Zeitgenossen zunächst empfunden werden. Oft markieren sie eher den Schlusspunkt, nicht den Auftakt einer Ära. In der Geschichte wimmelt es von Ungleichzeitigkeiten: Während die Sieger noch die Schampuskorken knallen lassen, haben sich die Fundamente ihres Erfolges bereits aufzulösen begonnen, wird die Zukunft längst anderswo vorbereitet.

Es spricht vieles dafür, dass auch die USA gerade eine dieser Ungleichzeitigkeiten durchlaufen – dass die Wahl eines Rechtspopulisten ins Weiße Haus nicht den Beginn einer neuen konservativen Ära einläutet, sondern eher der letzte Ausläufer einer endenden Epoche ist. Anders gesagt: Während Amerika kurzzeitig nach rechts kippt, ist es viel wahrscheinlicher, dass die Vereinigten Staaten der Zukunft links sein werden. Und gemeint ist damit nicht bloß die Möglichkeit, dass ein Demokrat 2020 wieder im Weißen Haus sitzen oder die Partei irgendwann auch wieder im Kongress mehrheitsfähig sein könnte.

Entscheidend ist, dass die Partei, die dann an die Macht kommen würde, eine gänzlich andere wäre als die Demokratische Partei von Bill Clinton oder selbst von Barack Obama. Sie wird sich nicht mehr am Zentrismus der Vergangenheit orientieren, sondern das Ziel einer tief greifenden Umgestaltung der USA haben. Phasenverschoben von ihrem konservativen Widersacher, durchlaufen jetzt Amerikas Demokraten einen Prozess der Radikalisierung.

Den USA einen Linksschwenk zu prognostizieren scheint nicht nur nach dem Triumph Trumps kontraintuitiv. Es galt lange als letzte Gewissheit, dass das politische Gravitationszentrum der USA, im Vergleich zu Europa, weit rechts der Mitte liege. Historisch betrachtet, ist die These von der "right nation" fraglos plausibel. Das beginnt mit dem antirevolutionären Erbe Amerikas, dessen Staatsgründung ja in Wahrheit auf die Rebellion einiger äußerst wohlhabender Kolonisten zurückging, die sich in ihren Rechten als Untertanen der britischen Krone verletzt fühlten und außerdem keine Lust hatten, für Kriege am anderen Ende der Welt höhere Steuern zu entrichten. Die USA hatten – was von Engels bis Lenin alle sozialistischen Theoretiker zutiefst frustrierte – niemals eine sozialistische Partei von Bedeutung. Als die meisten europäischen Länder Ende des 19. Jahrhunderts ihre Wohlfahrtsstaaten schufen, blieb der amerikanische Kapitalismus weitgehend unreguliert. Erst der New Deal Franklin Roosevelts ab 1933, als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise, holte das nach; aber im Vergleich zur Alten Welt blieb der amerikanische Sozialstaat eher mickrig.

Allein in den 1960er Jahren konnte man kurzzeitig auf die Idee kommen, die USA würden sich jetzt europäisieren, den Rest des Westens vielleicht gar links überholen. Der Dreiklang aus technokratischer Gesellschaftsplanung, keynesianischer Wirtschaftspolitik und der kräftigen Erhöhung der staatlichen Ausgaben war damals zwar in allen westlichen Demokratien in Mode. Die USA aber schienen nun gar an der Spitze des Fortschritts zu marschieren. Es war die Zeit der Great Society, ein etwas nebulöser, nie ganz klar definierter Begriff, der aber in jedem Fall einen ehrgeizigen Umbau der Architektur von Staat und Gesellschaft andeuten sollte.

Doch diese Pläne platzten. Weder wurde die Armut, wie vollmundig angekündigt, für immer beseitigt, noch war der Alltagsrassismus im Land mit einem einzigen Gesetz wie dem Civil Rights Act aus der Welt zu schaffen. Schon 1968, mit dem Einzug Richard Nixons ins Weiße Haus, erhielt die von vielen gehegte Hoffnung auf ein linkeres Amerika einen empfindlichen Dämpfer. Die noch größere Ernüchterung folgte vier Jahre später, bei Nixons Wiederwahl: Zwar setzte sich 1972 mit George McGovern als Präsidentschaftskandidat der Demokraten wohl das einzige Mal die Linke in der Partei durch. Er war der Kandidat der Antikriegs-, Studenten-, Frauen- und Bürgerrechtsbewegung. Doch seine Kandidatur endete desaströs: Die Demokraten gewannen gerade einmal einen einzigen von 50 Bundesstaaten.

McGoverns Niederlage hinterließ ein Trauma. Die amerikanische Linke geriet in eine tiefe Identitätskrise, von der sie sich lange nicht erholte. Im Grunde war es Amerikas Konservativen gelungen, dem Gegner ihre eigene populistische Erzählung einzuflößen: dass die USA eben ein Mitte-rechts-Land seien und die abgehobenen Küsten-Eliten keine Ahnung hätten vom Leben und Denken des amerikanischen heartland.