Jeder Fall für sich ist nur ein einzelnes Pixel, unbedeutend, ein Farbklecks neben anderen. Zusammen aber lassen sie die Konturen eines Bildes entstehen, das Gefahr ausdrückt. Es ist die Gefahr, dass mehr und mehr Menschen wieder Dollarzeichen in den Augen haben und die Finanzlogik die Herrschaft übernimmt.

Einige dieser Pixel stammen aus der Industrie, deren Konzerne sich dem Diktat schnell steigender Margen unterwerfen – und mehr noch einer von Investoren gestützten Mode, wonach sich die Unternehmen auf Kerngeschäfte mit hohem Wachstumstempo konzentrieren und dort weltweit unbedingt zu den Führenden gehören sollen.

So hat der Münchner Industriegase-Konzern Linde es gar nicht abwarten können, seine Unabhängigkeit aufzugeben und sich mit der Praxair-Gruppe in den Vereinigten Staaten zusammenzutun. Im Juni einigten sich die beiden Konzerne. Der Gasgigant, die neue Nummer eins der Welt, soll aus den USA heraus geführt werden.

Für erzürnte deutsche Arbeitnehmer, die einen Kontrollverlust fürchten, gibt es Jobgarantien bis zum Jahr 2021. Das schnell näher rückt. Die Großinvestoren unterstützen den Deal grundsätzlich, weil er Sparpotenziale schafft und der Börse gefällt – auch wenn Linde dafür einiges dürfte verkaufen müssen. So hat der neue Partner schon mal in Zweifel gezogen, ob Linde seinen Anlagenbau, der mit Gasen direkt nichts zu tun hat, behalten könne.

Bloß nicht irgendwo im Niemandsland des mediokren Wachstums hängen bleiben, dieser Wunsch ist auch der Antrieb bei Siemens. Dessen Chef Joe Kaeser will Gasturbinenwerke schließen und in dem Geschäft insgesamt fast 7.000 Jobs streichen, davon die Hälfte in Deutschland. Da freut sich die Börse, während Betriebsräte in diesem Konflikt der offenen Briefe nun die Aufsichtsrätin Nathalie von Siemens und die Gründerfamilie insgesamt baten, mit ihnen zusammen die "Fehlentwicklung" zu verhindern.

Anders als die Börsenlieblinge Wolfgang Reitzle bei Linde und Joe Kaeser bei Siemens stand der Thyssenkrupp-Chef Heinrich Hiesinger bei Konzerninvestoren in der Kritik. Es ging alles nicht schnell genug. Jetzt macht er sie durch die geplante Fusion des Stahlgeschäfts mit Teilen der indischen Tata-Gruppe zur Nummer zwei in Europa deutlich glücklicher. Für Arbeitnehmer gibt es immerhin das großzügige Versprechen, dass neun Jahre lang keine betriebsbedingten Kündigungen kommen. Aber sitzen soll das neue Gemeinschaftsunternehmen nicht etwa in Deutschland, sondern in den Niederlanden mit ihrer ganz eigenen Rechts- und Steuerlage.

Reitzle, Kaeser, Hiesinger: Jeder der drei Manager nennt für sein Handeln Gründe jenseits des Aktienmarkts, doch alle haben mit starken Finanzinvestoren zu tun und folgen der Mode des Moments, wonach Konzerne im Kerngeschäft wie Raketen nach oben an die Weltspitze streben und alles andere abwerfen sollen. Irgendwann wird die Börse, die in langen Wellen unterschiedlichen Ansätzen huldigt, wieder die Sicherheit wertschätzen, die durch viele verschiedene Standbeine eines Konzern entsteht. Irgendwann – aber nicht in der gegenwärtigen Boomphase.

Das Finanzdenken regiert hinein in die reale, alltägliche Wirtschaft. Auch der Immobilienmarkt trägt heute verschiedenste Pixel zu diesem Bild bei.

Der Mieterbund in Deutschland ist naturgemäß immer alarmiert, aber er ist auch informiert. Allein zwischen 2016 und 2018 erwartet er einen Anstieg der Mieten um zehn Prozent – in Großstädten eventuell noch mehr. Das ist nur ein Auswuchs von zehn Jahren Immobilienboom in der Bundesrepublik, der in vielen Großstadtlagen die Preise aufs Doppelte hochschnellen ließ, während die Inflation insgesamt besonders niedrig blieb. Vor dieser Zeit waren Immobilien in Deutschland deutlich billiger als in Frankreich und in den Niederlanden. Doch die Deutschen hätten diese Hochpreisländer längst überholt, erklärt mit BPD einer der größten Wohnimmobilien-Entwickler im Land.

Ein solcher Boom entsteht nicht einfach, weil die Deutschen durch ihren Wirtschaftsaufschwung wohlhabender geworden sind. Er ist gemacht – durch Nullzinsen und den bewussten Versuch der Europäischen Zentralbank, den Euro-Währungskurs nach unten zu prügeln. Billige Währung und boomende Wirtschaft: Dadurch wurde der Konjunkturvorreiter in Europa, Deutschland, einzigartig attraktiv für inländische wie ausländische Investoren.

Das gilt für Wohnungen, die in Luxuslagen von einzelnen reichen Amerikanern, Briten oder Arabern gekauft werden. Das Riesenprojekt der Hamburger HafenCity zum Beispiel ist auch deshalb kaum von Familien belebt, weil viele Wohnungen nur gekauft, aber nicht dauerhaft bewohnt werden. Es gilt für riesige Bestände von Mietwohnungen, die an Fonds aus Dallas oder Peking gehen. "Ausländische Investoren stecken viel Geld in deutsche Mietshäuser. Für sie gibt es nichts Besseres als den deutschen Mieter, der zuverlässig zahlt", heißt es dazu etwas bitter beim Mieterbund. Es trifft auch zu auf den Markt für Gewerbeimmobilien, wo zuletzt über 50 Milliarden Euro im Jahr umgesetzt wurden – und zwar zur Hälfte von ausländischen Investoren.