Vor unserem ersten Treffen schickt Ralph Raule mir per WhatsApp den Link meines Autorenprofils auf ZEIT ONLINE. "Sind Sie das?", fragt er und, weil dort steht, dass ich für das Schweiz-Ressort der ZEIT arbeite: "Sprechen Sie Hochdeutsch oder Schweizerdeutsch?" Für ihn ist das eine entscheidende Information. Er will herausfinden, ob er mich verstehen kann.

Ralph Raule, 51, hat mit drei Jahren sein Gehör verloren. Ob durch Mumps oder Masern oder eine Hirnhautentzündung, lässt sich heute nicht mehr sagen. Sicher ist: In diesem Alter ist die Sprache schon gut ausgebildet, deshalb kann Raule sprechen und von den Lippen seines Gegenübers lesen. Zumindest dann, wenn man Hochdeutsch spricht. "Das Mundbild sollte klar und deutlich sein", schreibt er mir und erklärt, er verstehe zum Beispiel einen Engländer, der ein astreines Deutsch spreche, fast nicht, weil dessen Mundbild immer noch englisch sei.

Das Treffen. Ich komme zu Raules Firma in Hammerbrook. Er begrüßt mich und fragt, wie wir das Gespräch strukturieren wollen, damit er gut folgen kann. Ich bemühe mich, möglichst deutlich zu antworten, und bin erleichtert: Mein Mundbild ist deutsch genug. Wir verstehen uns. Manchmal vergesse ich sogar, dass Raule nichts hören kann. So klar, wie er spricht.

Raule hat gelernt, sich in der Welt der Hörenden zu bewegen. Und doch erfährt er immer wieder, dass er kein Teil von ihr ist.

Der Schüler

Ralph Raule hat versucht, ein Schüler, ein Lehrling und ein Student zu sein, so wie alle anderen.

Raules Mutter schickt ihn nicht auf eine Grundschule für Gehörlose, sondern auf eine für sprachbehinderte Kinder. Zu Hause, in Wiesbaden, reden Mutter, Vater und Bruder mit ihm, als könnte er hören: Sie wechseln rasch die Themen, sprechen nicht deutlich, lernen keine Gebärdensprache.

Raules Vater besitzt eine Firma, die Autos vermietet. Manchmal hilft der Sohn im Betrieb. Einmal, mit 14 oder 15, sortiert er Bewerbungen. Stapel A: Wollen wir einladen. Stapel B: Reserve. Stapel C: Papierkorb. Raule legt die Bewerbung eines Mannes, der einen Arm verloren hat, auf Stapel A. Der Vater fragt: "Warum liegt diese Bewerbung hier?" – "Weil wir ihm eine Chance geben wollen", antwortet der Sohn. "Spinnst du?", fragt der Vater. "Den können wir nie mehr feuern." In diesem Moment, sagt Raule, habe er kapiert, dass er behindert sei und seine Bewerbung womöglich immer auf Stapel C landen werde.

Aber Raule ist ein guter Schüler, die Realschule besucht er auf einem Internat, das Lernen fällt ihm leicht. Häufig spielt er Fußball, einmal tritt er mit seiner Mannschaft, den Schwerhörigen, gegen die Gehörlosen an. Raule ist fasziniert von ihnen, lernt die Gebärdensprache. "Ich habe mich zum ersten Mal in meinem Leben nicht ausgeschlossen gefühlt", sagt er.

Sein Abitur macht Raule an einem Gymnasium für Schwerhörige und Gehörlose nahe Freiburg. Danach findet er eine Lehrstelle bei einer Bank, die stolz ist, einen Schwerbehinderten auszubilden. Allerdings unter einer Bedingung: Nach dem Abschluss müssen sie ihn nicht anstellen. Raule will es trotzdem schaffen. Er arbeitet auch am Schalter, die Kunden sollen nicht bemerken, dass er gehörlos ist. Nach der Ausbildung macht die Bank ihm ein Jobangebot. Eine Stelle ohne Kundenkontakt.

Raule lehnt ab. Er geht auf die Universität, schreibt sich für Betriebswirtschaft ein. Die Vorlesungen sind anstrengend, einen Dolmetscher hat er nicht. In der ersten Reihe im Hörsaal markiert er sich einen Platz. Einmal, als er sich setzen möchte, ist dort schon ein anderer, die Markierungen liegen zerknüllt am Boden. Raule bleibt zum Lernen immer öfter zu Hause, ist auf sich allein gestellt. Nach fünf Semestern bricht er ab und wechselt an eine Fernuniversität. Die mündlichen Prüfungen sind am härtesten. Nach sieben Jahren schließt Raule sein Studium ab.

Bis heute, sagt er, fehle ihm das Netzwerk, wie es Studenten an der Universität knüpfen: Er konnte sich nicht mit anderen austauschen, nicht gemeinsam mit Freunden in Vorlesungen sitzen.

Juristendeutsch wird zu "Gehörlosendeutsch"

Der Unternehmer

Ralph Raule hat versucht, ein ganz normaler Unternehmer zu werden.

Schon während seines Studiums arbeitet er in der Firma seines Vaters. Danach wird er Assistent der Geschäftsleitung. Aber Vater und Sohn verstehen sich nicht, haben andere Vorstellungen, wie sie das Unternehmen führen wollen. Vor allem in dieser einen Frage: Raule möchte auch Menschen mit Behinderung anstellen, für seinen Vater ist das keine Option.

Raule steigt aus der Firma aus und macht eine Weiterbildung. Er findet eine Stelle in einer Unternehmensberatung. Bei Teambesprechungen werfen die Mitarbeiter jedem, der redet, einen Ball zu, damit Raule dem Gespräch folgen kann. Sein Chef ist zufrieden mit seinen Leistungen, sagt aber: Als Gehörloser kannst du keine Führungsposition ausüben. Damit gibt sich Raule nicht zufrieden.

Er kündigt und zieht nach Hamburg, zu seiner heutigen Frau Petra, mit der er kurz zuvor zusammengekommen ist. Raule beschließt, eine eigene Firma zu gründen. Er kennt sich aus in Betriebswirtschaft, Unternehmensführung und Gehörlosigkeit. Aber mit Gehörlosen als Kunden, die oft nicht viel verdienen oder nur eine kleine Rente beziehen, kann er keine Familie ernähren, denkt Raule.

Er entscheidet sich für einen anderen Weg: Gemeinsam mit zwei gehörlosen Pädagogen gründet Raule das Gebärdenwerk. Ein Unternehmen, mit dem sie Informationen von Behörden-Websites in Gebärdensprache übersetzen und als Videoclips bereitstellen, so, wie es das Behindertengleichstellungsgesetz fordert. Sie verwandeln Juristendeutsch in eine Ausdrucksform, die Gehörlose verstehen können. Sätze wie: Die Altersgrenze für eine abschlagsfreie Altersrente für langjährig Versicherte wird beginnend mit dem Geburtsjahrgang 1949 stufenweise von heute 65 auf 67 Jahre angehoben.

Der Ehemann

Ralph Raule hat versucht, eine Beziehung zu führen mit einer Frau, die hören kann.

Als sie zusammen spazieren gehen, Hand in Hand, machen sich zwei Männer über seine Freundin lustig, fragen, was sie denn mit dem Behinderten wolle. Raules Freundin geht auf die Männer los. Raule freut sich, dass sie ihn verteidigt, glaubt aber auch, dass solche Auseinandersetzungen nichts bringen. Die Beziehung der beiden hält nicht.

Wenn Raule mit gehörlosen Freunden über Liebe und Sexualität redet, geht es um Unterschiede. Darüber, dass Hörende beim Sex meistens das Licht ausschalten wollen und es so für Gehörlose unmöglich wird, sich auszutauschen.

Seine Frau Petra ist schwerhörig. Er habe sich in sie verliebt, weil sie klug sei, gut zuhören könne, weil sie ihn akzeptiere, wie er sei, und, natürlich, sagt Raule, weil sie gut aussehe.

Petra, 46, ist großgewachsen und schlank, sie trägt ihr blondes Haar kurz. Sie kann Lippen lesen wie ihr Mann. Mit mir spricht sie Laut-, mit ihm Gebärdensprache.

Es ist Freitagabend, zwei ihrer Kinder, Annike und Noah, fünf und neun, sitzen auf dem Sofa und spielen ein Computerspiel. Neele, 13, ist gerade nach Hause gekommen vom Tanzen. Alle Kinder können hören, manchmal nehmen sie für ihren Vater ein Telefonat entgegen oder übersetzen für die Mutter, sagen ihr, dass sie etwas nicht richtig verstanden habe.

Petra sitzt am Tisch und erzählt, dass sie auch einmal einen hörenden Freund hatte, dass da aber schnell eine Wand gewesen sei zwischen ihnen. Und dann erzählt sie von einer anderen Wand, die sie schockiert hat. Am 30. Geburtstag ihres Mannes war sie zum ersten Mal bei seiner Familie. "Dort habe ich gesehen, wie schwer du dich getan hast und wie sie dir nicht entgegenkamen." Sie vermisste Gesten, Mimik, Liebe.

"Vielleicht", sagt Petra, "kannst du dich deshalb so gut durchsetzen."

Änderungsbedarf bei Rahmenbedingungen für Menschen mit Behinderungen

Der Politiker

Ralph Raule hat versucht, kein Aktivist für Gehörlose werden.

Mehr als 30 Jahre hatte Raule mit Politik nichts zu tun. Dann gründet er das Gebärdenwerk und merkt: Bei Kongressen ist er immer der einzige Gehörlose. Er fühlt sich nicht ernst genommen und beschließt, ein Lobbyist zu werden. Er will sich dafür einsetzen, dass Gehörlose einen besseren Zugang zur Arbeitswelt erhalten, überhaupt zur Welt der Hörenden. Er wird Schatzmeister im Deutschen Gehörlosen-Bund.

Heute ist er Vorsitzender des Gehörlosenverbandes Hamburg. Vorsitzender der Gesellschaft zur Förderung gehörloser Menschen in Hamburg. Vorsitzender der Hamburger Landesarbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen.

Ein Freitagnachmittag im Dezember, Ralph Raule steht im Eingang der Hamburger Kunsthalle und sucht nach dem Raum, in dem die Veranstaltung "Runder Tisch für barrierefreie Kulturstätten" der Hamburger Kulturbehörde stattfinden soll. Raule erkundigt sich bei der Information am Eingang. Er wird an eine Mitarbeiterin verwiesen. Raule fragt erneut nach der Saalnummer, er versteht die Antwort nicht auf Anhieb. Man sagt ihm, er müsse zuerst sein Gepäck einschließen. Raule kommt zurück, die Service-Mitarbeiterin erklärt ihm den Weg zu besagtem Vortragsraum, Raule fragt noch einmal nach. Die Frau reagiert gereizt, sagt, er müsse sich an die Information wenden. Dort komme er her, entgegnet Raule. Die Kunsthallenangestellte sagt, sie sei bei der Arbeit, habe jetzt keine Zeit mehr, und lässt ihn stehen. Raule sucht den Raum auf eigene Faust.

Warum erwähnt er in solchen Momenten nicht, dass er gehörlos ist? "Ich will kein Mitleid", sagt Raule. "Ich habe keine Energie, im Alltag jeden davon zu überzeugen, Menschen mit Behinderung fair zu behandeln."

Raules Ziel ist größer, er will die Rahmenbedingungen ändern, politisch Einfluss nehmen. Aber auch das geht nicht einfach so. Ein Politiker erklärte ihm, behinderte Menschen könnten froh sein, in Arbeitsausschüssen zu sitzen. Sie könnten aber nicht erwarten, dass sie auch bei Entscheidungsprozessen dabei seien.

Raule sieht, dass die Arbeit in Verbänden nicht ausreicht, und entschließt sich, einer Partei beizutreten, der "Demokratie in Bewegung". Im vergangenen Jahr hat er den Vorsitz des Landesvorstandes Hamburg übernommen und für den Bundestag kandidiert.

Gewählt wurde er natürlich nicht.