Keine Revolution, mochte sie ihre Tore auch noch so weit für die Masse und die Geknechteten öffnen – les malheureux, les misérables, les damnés de la terre, wie sie in der hochfliegenden Rhetorik der Französischen Revolution hießen –, wurde je von diesen begonnen. Und keine Revolution war jemals das Ergebnis von Verschwörungen, Geheimgesellschaften oder offen revolutionären Parteien. Allgemein gesprochen ist eine Revolution gar nicht möglich, wenn die Autorität des Staatswesens intakt ist, was unter neuzeitlichen Bedingungen heißt: wenn man darauf vertrauen kann, dass die Streitkräfte der staatlichen Obrigkeit gehorchen. Revolutionen sind keine notwendige, sondern eine mögliche Antwort auf den Niedergang eines Regimes, sie sind nicht Ursache, sondern Folge des Verfalls politischer Autorität. Überall dort, wo sich diese Auflösungsprozesse – üblicherweise über einen längeren Zeitraum – ungehindert vollziehen konnten, kann es zu Revolutionen kommen, vorausgesetzt, es gibt eine ausreichend große Bevölkerung, die bereit ist für den Zusammenbruch eines Regimes und gewillt, die Macht zu übernehmen. Revolutionen scheinen in ihrem Anfangsstadium immer mit erstaunlicher Leichtigkeit zu gelingen, und der Grund dafür ist der, dass diejenigen, die angeblich eine Revolution "machen", die Macht nicht "übernehmen", sondern sie von der Straße auflesen.

Wenn die Männer der Amerikanischen und Französischen Revolution vor den Ereignissen, die ihr Leben bestimmten, ihre Überzeugungen prägten und sie schließlich entzweiten, etwas gemeinsam hatten, dann war es eine leidenschaftliche Sehnsucht danach, sich an den öffentlichen Angelegenheiten zu beteiligen, und eine nicht minder ausgeprägte Abneigung gegen die Heuchelei und Dummheit einer "guten Gesellschaft" – hinzu kamen noch eine Rastlosigkeit und eine mehr oder weniger explizite Verachtung für die Belanglosigkeit bloß privater Angelegenheiten.

Die ersten Elemente einer politischen Philosophie, die dieser Vorstellung von öffentlicher Freiheit entspricht, werden in den Schriften von John Adams formuliert. Sein Ausgangspunkt ist folgende Beobachtung: "Wo auch immer man Männer, Frauen und Kinder findet, seien sie alt oder jung, reich oder arm, hochstehend oder niederen Ranges, (...) unwissend oder gebildet, stellt man fest, dass jeder Einzelne von dem starken Wunsch bestimmt ist, von den Menschen ringsum und in seinem Bekanntenkreis gesehen, gehört, angesprochen, anerkannt und respektiert zu werden." Die Tugend dieser "Leidenschaft" sah Adams in "der Begierde, der Beste zu sein", und das Laster war für ihn der bloße "Ehrgeiz", der nach "Macht strebt als einem Mittel sich auszuzeichnen". Dies sind in der Tat die Haupttugenden und Laster politischer Menschen. Denn der Wille zur Macht als solcher, ohne alle Leidenschaft, sich auszuzeichnen (wo Macht nicht Mittel, sondern Zweck ist), ist das hervorstechende Merkmal des Tyrannen und nicht einmal mehr als politisches Laster zu bezeichnen. Es handelt sich vielmehr um eine Eigenschaft, durch die alles politische Leben zerstört wird, seine Laster ebenso wie seine Tugenden. Gerade weil der Tyrann gar nicht der Beste sein oder sich vor anderen auszeichnen will, findet er so viel Freude daran, zu herrschen und sich damit aus der Gesellschaft anderer auszuschließen; umgekehrt ist es der Wunsch, der Beste zu sein, der dafür sorgt, dass Menschen die Gesellschaft von ihresgleichen lieben und in den öffentlichen Bereich getrieben werden. Diese öffentliche Freiheit ist eine handfeste lebensweltliche Realität, geschaffen von Menschen, um in der Öffentlichkeit gemeinsam Freude zu haben – um von anderen gesehen, gehört, erkannt und erinnert zu werden. Und diese Art von Freiheit erfordert Gleichheit, sie ist nur unter seinesgleichen möglich. Institutionell gesehen ist sie allein in einer Republik möglich, die keine Untertanen und, streng genommen, auch keine Herrscher kennt. Aus diesem Grund spielten Diskussionen über die Staatsform – in deutlichem Gegensatz zu den späteren Ideologien – im Denken und in den Schriften der ersten Revolutionäre eine so bedeutsame Rolle.

Zweifellos ist es offenkundig und von großer Tragweite, dass diese Leidenschaft für die Freiheit um ihrer selbst willen bei Müßiggängern erwachte und von diesen genährt wurde, von hommes de lettres, die keinen Herrn hatten und nicht immer eifrig dabei waren, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Die Männer der ersten Revolutionen wussten zwar sehr wohl, dass Befreiung der Freiheit vorangehen musste, waren sich aber noch nicht der Tatsache bewusst, dass eine solche Befreiung mehr be deutet als politische Befreiung von absoluter und despotischer Macht; dass die Freiheit, frei zu sein, zuallererst bedeutete, nicht nur von Furcht, sondern auch von Not frei zu sein. Und die verzweifelte Armut der Massen, die zum ersten Mal offen sichtbar wurden, als sie auf die Straßen von Paris strömten, ließ sich nicht mit politischen Mitteln überwinden; die ungeheure Macht des Zwangs, unter dem sie arbeiteten, brach vor dem Ansturm der Revolution nicht zusammen, anders als die royale Macht des Königs.

Die Amerikanische Revolution hatte das Glück, nicht mit diesem Freiheitshindernis konfrontiert zu sein, und verdankte ihren Erfolg zu einem Gutteil dem Fehlen verzweifelter Armut unter den Freien und der Unsichtbarkeit der Sklaven in den Kolonien der Neuen Welt. Natürlich gab es Armut und Elend in Amerika, die durchaus mit der Lage der laboring poor in Europa vergleichbar waren. Mochte Amerika in der Tat "a good poor Man’s country" sein, wie William Penn meinte, ein gutes Land für arme Männer, und bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts für die Verarmten Europas der Traum vom gelobten Land bleiben, so ist nicht weniger wahr, dass diese "Gutheit" zu einem beträchtlichen Maß vom Elend der Schwarzen abhing. Mitte des 18. Jahrhunderts kamen in Amerika auf etwa 1.850. 000 Weiße ungefähr 400.000 Schwarze, und obwohl wir für diese Zeit keine zuverlässigen Statistiken besitzen, dürfen wir bezweifeln, dass der Prozentsatz völliger Verelendung in diesem Zeitraum in den Ländern der Alten Welt höher lag (auch wenn er sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts beträchtlich erhöhen sollte). Der Unterschied bestand somit darin, dass die Amerikanische Revolution aufgrund der Institution der Sklaverei und wegen der Überzeugung, Sklaven würden einer anderen "Rasse" angehören, die Existenz der Elenden übersah und damit die beachtliche Aufgabe aus dem Blick verlor, diejenigen zu befreien, die weniger durch politische Unterdrückung als durch die einfachsten Grundbedürfnisse des Lebens gefesselt waren. Les malheureux, die Unglücklichen, die im Verlauf der Französischen Revolution eine so gewaltige Rolle spielten und von ihr mit le peuple gleichgesetzt wurden, existierten in Amerika entweder nicht oder blieben völlig im Verborgenen.

Eine der wichtigsten Konsequenzen der Revolution in Frankreich war es, dass sie zum ersten Mal in der Geschichte le peuple auf die Straßen brachte und sichtbar machte. Als das geschah, stellte sich heraus, dass nicht nur die Freiheit, sondern auch die Freiheit, frei zu sein, stets nur das Privileg einiger weniger gewesen war. Aus dem gleichen Grund jedoch blieb die Amerikanische Revolution weitgehend folgenlos für das historische Verständnis von Revolutionen, während die Französische Revolution, die krachend scheiterte, bis heute bestimmt, was wir heute als revolutionäre Tradition bezeichnen.