Am Morgen des 12. Juni 2014, kurz vor zehn, hört Umm Akraam zum letzten Mal die Stimme ihres Sohnes Hassan. Er ist 21 Jahre alt, ihr Jüngster, ein Gefreiter der irakischen Armee. Er ruft aus Tikrit an, 200 Kilometer von zu Hause, von Bagdad entfernt. Dort soll seine Einheit den "Islamischen Staat" (IS) aufhalten. "Hier herrscht Chaos", sagt Hassan am Telefon zu seiner Mutter, "aber mach dir keine Sorgen. Ich bin auf dem Weg nach Hause."

Umm Akraam ist eine kleine, rundliche Frau von damals 50 Jahren mit akkurat gebundenem Kopftuch. Sie lebt mit ihrer Familie in einem Arbeiterviertel der irakischen Hauptstadt. Als Hassan anruft, ist sie erleichtert. Aus den Nachrichten weiß sie, dass der "Islamische Staat" auf dem Vormarsch ist, die nationale Armee zum Teil in Auflösung. Sie denkt, ihr Sohn hat sich rechtzeitig von der Truppe abgesetzt.

"Wir haben Urlaub bekommen", sagt Hassan noch. Dann legt er auf. Von diesem Moment an ist sein Handy tot.

Kurz darauf kommen im Internet Videos in Umlauf, die sich rasant im ganzen Land verbreiten. Der IS hat sie gepostet, sie sind mit pathetischem Gesang unterlegt und weisen als Aufnahmedatum den 12. Juni aus. Die Filme zeigen, wie vermummte IS-Kämpfer in Tikrit junge Männer töten. Es sollen mehr als 1.700 Opfer sein, wie das Verteidigungsministerium später angeben wird, allesamt sind sie Schiiten.

Umm Akraams Sohn ist Schiit, genau wie sie selbst, wie ihr Mann und die anderen Söhne, die drei Tage nach Hassans Anruf im Wohnzimmer vor dem Computer sitzen und sich die Videos anschauen. Sie sehen, wie Männer an einer Klippe am Tigris stehen, dahinter Kämpfer des IS, die ihnen ins Genick feuern. Sie sehen, wie Hunderte Gefangene in einer flachen Senke liegen und mit Sturmgewehren hingerichtet werden. Sie sehen, wie weitere Gefangene in dichten Reihen auf einem Betonplatz knien, die Augen verbunden, während Maskierte Reihe für Reihe ablaufen und mit der Routine von Akkordarbeitern einen nach dem anderen von hinten erschießen.

Immer wieder stoppen Umm Akraams Söhne das Bild, suchen die Gesichter der Menschen ab. Sie suchen Hassan. Sie können ihn nirgendwo finden, aber was heißt das schon? Viele Tote liegen mit dem Gesicht zur Erde, unmöglich, sie zu identifizieren.

Noch heute wissen die Söhne, wie ihre Mutter damals neben ihnen saß, während die Videos über den Bildschirm flimmerten. Wie sie ein Foto von Hassan auf dem Schoß hielt, ein schmaler, blasser Junge, die schwarzen Haare mit Gel über die Stirn gelegt, als wolle er ein Mädchen beeindrucken. Wie sie sagte: "Er lebt, ich weiß es. Er wird in ein paar Tagen hier durch die Tür kommen. Hassan lebt."

Wenige Kilometer von Hassans Familie entfernt, im Zentrum Bagdads, laufen ungefähr zur selben Zeit auf einem anderen Computer dieselben Bilder. Vor dem Monitor sitzt ein kräftiger Mann mit gestutztem Vollbart und gebeugtem Rücken, 42 Jahre alt. Hinter ihm scheppert eine Klimaanlage, in der Ecke seines Büros verstaubt ein Gummibaum. Dhargam Kamil spult die Videos vor und zurück und wieder vor, Bild für Bild. Er erkennt den Tatort: Es ist das riesige Gelände mit mehreren Palästen, die Saddam einst für Besuche in seiner Heimatstadt bauen ließ. Kamil vergrößert Gebäude und Bäume rund um die Leichen, macht Screenshots. Alle paar Minuten geht er hinaus, weil er den Anblick des Tötens nicht länger erträgt, dann setzt er sich wieder und macht weiter.

Anders als Umm Akraams Söhne sucht Kamil nicht nach einem einzelnen Menschen, einer bestimmten Person, er sucht nach Orten, die so markant sind, dass er sie auf der Landkarte, die neben seinem Computer liegt, eintragen kann. Einem steilen Felsen zum Beispiel, einem einzelnen Baum, einem zerbombten Haus. Kamil macht dann ein Kreuz auf seiner Karte – jedes Kreuz ist ein möglicher Tatort.

Dhargam Kamil weiß schon jetzt, dort wird er graben. Nicht morgen, auch nicht im nächsten Monat, aber irgendwann, wenn der IS aus der Gegend vertrieben ist, dann wird sich Kamil auf die Suche nach den Toten machen.

Dhargam Kamil ist Forensiker bei der Märtyrer-Stiftung, Iraks staatlicher Behörde für Kriegsgefallene, Vermisste und Terroropfer. Kamil ist dort zuständig für Massengräber, im Irak braucht man dafür eine ganze Abteilung.

Die 1.700 Toten von Tikrit: Es ist das wohl größte Massaker des IS, aber nicht das größte in der Geschichte des Landes.

Wer hier im Irak nach Massengräbern sucht, findet zunächst die Ermordeten der letzten Jahre, ermordet nicht nur vom "Islamischen Staat", sondern auch von Al-Kaida und den schiitischen Milizen. Gräbt man weiter, offenbart sich Schicht für Schicht das Leid dieses Landes: Man stößt auf die Opfer des Diktators Saddam Hussein, Kurden im Norden, Schiiten im Süden, man stößt auf die Überreste irakischer Soldaten, die während des Zweiten Golfkriegs von 1990 bis 1991 auf der Flucht von amerikanischen Panzern überrollt wurden, auf iranische Kriegsgefangene, die Saddam während des Ersten Golfkriegs 1980 bis 1988 ermorden ließ.