Wie kommen wir aneinander vorbei, ohne dass es kracht? Die Zentralfrage jeder Staatsphilosophie, das Grundproblem der Religionen, der Kern von Friedensforschung ist auch der eigentliche Gegenstand jeglicher Verkehrspolitik. Seit Jahrtausenden, denn Straßen bauten schon die Babylonier.

Beispielhaft kulminiert diese Problematik in der Kreuzung zweier Straßen. Wie eine Gesellschaft mit der komplexen Aufgabe umgeht, sich kreuzende Verkehrsströme unfallfrei aneinander vorbei zu organisieren, sagt einiges aus über sie selbst und ihre Verfasstheit. So ist eine Möglichkeit, Fahrzeuge auf sich kreuzenden Kursen zu führen, der Aufbau einer Ampel. Die feierte jüngst ihren 100. Geburtstag und gilt als für den notorisch rabiaten, unflexiblen und autoritätsfixierten Deutschen angemessenes Steuerungselement. Eine zweite Möglichkeit ist der Kreisverkehr. Er wird vielfach und nicht ganz zu Unrecht als anarchistisch verdächtigt.

Es gibt zwei Gründe, sich mit dem Kreisel zu befassen. Einer davon ist historisch: Seit dem zurückliegenden Jahr ist einer der großen deutschen Kreisverkehrsplätze ein Greis von 80 Jahren. Der Horner Kreisel markierte 1937, bei der Eröffnung der Autobahn Hamburg–Lübeck, deren westlichen Endpunkt. Der zweite, aktuelle Grund: Mit der Verkehrsanlage Hamburg-Horn begann eine infektiöse Krankheit ganz Deutschland zu erfassen, die in der jüngsten Zeit besonders virulent wurde – die Kreiselitis.

Die 58 Kilometer Autobahn von Hamburg nach Lübeck waren 1937 ein Prestigeprojekt der Nazis. Zur Einweihung kamen in Bussen zahllose Straßenarbeiter, daneben erschien reichlich NS-Prominenz, darunter der Generalinspekteur für das Straßenwesen und SA-Obergruppenführer Fritz Todt. Eine große Menschenmenge bejubelte die Ankömmlinge.

Der Horner Kreisel ist ein Beispiel für die damaligen "Verteilerkreise", von denen sich manche bis heute erhalten haben: etwa in Aachen, wo die A 544 am Europaplatz endet. Oder in Trier. Dort ist die Stadt mittels eines Großkreisels an die A 602 angeschlossen. Verteilerkreise gelten – neben Plätzen mit zentralen Denkmälern wie der zwölfarmigen Place Charles de Gaulle mit dem Arc de Triomphe in Paris – als eine Urform des Kreisverkehrs.

Inzwischen allerdings hat sich das bewährte Verkehrsleitsystem zu einem neuen Phänomen entwickelt – eben der Kreiselitis. Darunter verstehen Kritiker – genauer: die Autofahrer der Nation – die geradezu epidemische Verbreitung der Verkehrsknotenlösung Kreisverkehr im ganzen Land (ZEITmagazin Nr. 49/14). Würde man in Deutschland alle Kreisel rot anmalen und sich das Ganze aus dem Weltall anschauen, man müsste glauben, das Land hätte Windpocken.

Die Frage stellt sich: Ist der Kreisverkehr hierzulande eine Modeerscheinung? Oder die Konsequenz vernünftiger Einsichten?

Voreifel, westlich von Bonn. Endlose, fast schnurgerade Landstraßen. Hier geht Autofahren heute so: Tempo 100, Tempo 70, Tempo 30, aus dem Navi quakt die Stimme "am Kreisverkehr zweite Ausfahrt rechts", nach rechts vorsichtig in den Kreisel einbiegen, links steuern, blinken, rechts abbiegen, rausfahren, Tempo 70, Tempo 100. Wenige Kilometer hält das an, dann wieder Tempo 70 und so weiter. Wo man früher, als noch alles gut war, mit hundert Sachen endlos auf der Vorfahrtsstraße entlangbrummte, muss man heute alle naselang bremsen. Die Vorfahrt der im Kreis Fahrenden beachten. Und dann den fatalen "Elchtest" fahren, jene Doppelkurve, welche einst die erste A-Klasse von Mercedes aufs Dach legte.