Die Seemannsmütze

Müsste man sich auf das prägnanteste Körperteil der Gegenwart einigen, wäre es der entblößte Männerknöchel. Blass lugt er zwischen Hose und Turnschuh aus einem Strümpfchen. Die Knöchelregel: Je jünger, urbaner und modebewusster der Mann, desto weniger Stoff am Fuß. Dieser Kürzungstrend hat nun den Kopf erreicht. Grob gestrickte Seemannsmützen liegen heute auf ihm, kaum größer als eine Kippa. Doch während Außenstehenden allein vom Zusehen kalt wird, scheinen für die Mützenträger selbst freigelegte Eis-Ohren im Winter dazuzugehören. Kulturelle Aneignung geht nicht ohne Kompromisse – und ohne Missverständnisse. Denn darüber, wogegen die Seemannsmütze ursprünglich schützen sollte, sind die Experten geteilter Meinung. Sicher ist: Sie sollte nie nur Ohren vor Kälte, sondern vor allem auch Glatzen an Deck vor Sonnenbrand schützen.

Eine dumme neue Mode also? Oder eine Revolution. Denn dass, wer schön sein will, leiden muss, bisher die Regel unentwegt sich epilierender, eincremender, Blasenpflaster klebender Frauen war, dreht sich jetzt um. Im hyggeligen Hipster-Geschlechterverhältnis ist es die Frau, der Wollschals, groß wie Teppiche, zugestanden werden, dicke Boots und Mützen, die oben noch Spiel haben. Als hätten sich die neuen Seemänner vorgenommen, späte Gerechtigkeit für Jahrhunderte voller zähneklappernder Damen zu üben, denen eisiger Wind um dünne Strumpfhosen und kurze Röcke pfiff, frieren sie nun schuldbewusst nach.

Das ist nett gemeint. Doch Mitleid in Beziehungen ist nie gut. Ob als rückwirkend-empathische Selbstgeißelung des Mannes – oder als Bedauern der Frau für dessen jämmerlich abgefrorene Körperteile.

Nina Pauer

Die Warnweste

Bis vor wenigen Jahren war sie pflichtschuldig zwischen Pannendreieck und Verbandskasten im Kofferraum versteckt. Doch seit Terrorangst viele Menschen umtreibt und Passivrauch, Glyphosat und Dieselabgas nach immer mehr Leben trachten, ist die Warnweste tief in unseren Alltag vorgedrungen. Als Inbild einer Gegenwart, in der die Angst vor der Gefahr, dieses "innere Korrelat des Liberalismus", wie Michel Foucault es nannte, zur Trend-Emotion aufsteigen konnte.

Radfahrer rüsten sich nun mit der Warnweste für den Todeskampf um die Vorfahrt. Auf Parkwegen und Trampelpfaden joggt man mittlerweile mit Weste durch die winterliche Dunkelheit. Und je mehr Straßencafés mit glutenfreiem Regionalgebäck es in einem Stadtteil gibt – wirklich wahr, überprüfen Sie’s –, desto wahrscheinlicher ist es, auf seinen Spielplätzen herumtobenden Dreijährigen zu begegnen, denen ihre Eltern eine XS-Warnweste umschnüren, bevor sie aufs Klettergerüst dürfen.

Wo Bausparvertrag, lebenslange Festanstellung und sichere Rente als Modell ausgedient haben, obliegt es dem neongelben, manchmal auch müllabfuhrorangen Polyester der Warnweste, ihren Träger mit einem Restgefühl an Planbarkeit und Vorsorge zu wärmen. Sie ist in diesem Sinne textile Entsprechung der "selbst verformenden Gussform", mit der Gilles Deleuze beschrieb, wie sich Ordnungsstreben in der heutigen Kontrollgesellschaft in die Subjekte hineinzwinge. Was abweicht und ausbricht, ob auf der Fahrspur oder im Diskurs, gilt als bedrohliche Zumutung – mit der Warnweste signalisiert man deshalb seinen Mitmenschen nicht nur: Achtung, hier bin ich, bitte nicht überfahren. Sondern auch: Vorsicht, Freundchen, halt dich an die Regeln, sonst musst du mit mir als Hilfspolizisten rechnen. So gesehen warnt die Weste vor ihrem Träger: dass man ihn meide und sich lieber mit Zeitgenossen umgebe, die noch dem Unberechenbaren eine Chance gewähren und also der Schönheit des Zufalls, dem Leben als solchem.

Martin Eimermacher